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»Heilige Nacht« leicht umnebelt

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Die Tenglinger Stubnmusi mit (von links) Claudia Rath, Monika Karl, Hans Haselberger, Franz Berwein und Michaela Kirchberger umrahmte das Stück von der »Heiligen Nacht«. (Foto: Eder)

Die Schauspielerin Bettina Mittendorfer war mit ihrem Weihnachtsklassiker »Heilige Nacht« zu Gast in der Waginger Bücherei St. Martin.


Dabei las sie Ludwig Thomas Vers-Legende nicht einfach nur – ganz im Gegenteil: Sie spielte sie so richtig aus, schlüpfte in sämtliche Rollen, trank zwischendurch eine Flasche Weißwein – über deren tatsächlichen Alkoholgehalt gab es ganz unterschiedliche Aussagen – fast vollständig aus und wurde so von Hauptstück zu Hauptstück ganz ordentlich umnebelt und immer »fröhlicher«. Dadurch war die »Heilige Nacht« zum einen fesselnd, mitreißend, nachdenklich machend, zum anderen aber auch erheiternd und sehr lustig. Die Botschaft von Weihnachten – die den Armen und Benachteiligten offenbar wurde, nicht aber den geldgierigen, unbarmherzigen Bethlehemer Bürgern – kam dadurch eingängig und nachhaltig herüber. Die Besucher im ausverkauften Pfarrsaal waren begeistert und spendeten riesigen Applaus.

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Umrahmt wurde der Abend von der Tenglinger Stubnmusi, die auch das Stück musikalisch mitgestalten durfte, wenn von der Schauspielerin wieder der barsche Befehl »Musi!« erklang. Dafür gab's am Schluss auch ein Lob von ihr, wenn auch ein ganz kurzes, trockenes: »Schee!« Bettina Mittendorfer betrat die Bühne als Erzähler Luggi – in groben Hosen, weißem Hemd. In unverfälschtem Bayrisch erzählte und spielte sie die Geschichte, schlüpfte in sämtliche Rollen. Mal gibt sie den besorgten und verzweifelten Josef, die zuversichtliche Maria, die grantelnden reichen Verwandten, den armen, hilfsbereiten Simmei – »Wenn jeder so waar, waars schee auf da Welt« – oder den Engel, der, das Geschehen kommentierend, auf seinem Wölkchen sitzt: »Wia kennan de Leit nur so sei?!«

Als Luggi führt sie durch die Handlung, erklärt, bewertet, macht ihrem Zorn über das hartherzige Volk von Bethlehem Luft, lobt den braven Handwerksburschen, der Maria auf dem Weg half. So schafft Mittendorfer eine ungeheure Intensität, zieht den Zuschauer in die Geschichte und beschert ihm ein Wechselbad von Mitleiden und Erheiterung. Dann lockert sie die Spannung auf, indem der »Luggi«, nachdem er den ganzen Abend über dem Wein kräftig zugesprochen hat, mal kurz aufs »Häusl« verschwindet: »I bin glei wieder da«. Oder als sie bei der Beschreibung der wundersamen Geschehnisse, in einer pathetischen Rede, plötzlich Schluckauf bekommt.

Bei alledem beeindruckt die Schlichtheit des Erzähltons. Mit einem guten Gespür hält Bettina Mittendorfer stets die Balance zwischen dem Heiligen und dem Profanen. Da verheddert sich der Luggi zwischendurch mal vor lauter Begeisterung im Text und greift ganz einfach zum bereitliegenden Buch. Zwischendurch »flezt« er gelangweilt auf seinem Stuhl, und dann wieder springt er auf den Tisch und schaut quasi als Engel aufs Geschehen herunter. »Und fragt's enk, ob dös nix bedeut'«, lässt Ludwig Thoma seine Weihnachtsgeschichte enden, »daß‘s Christkind bloß Arme g'sehg'n hamm«. Da wird die aus dem Heiligen Land nach Oberbayern versetzte Geschichte auf einmal ganz aktuell.

Damit wurde dieser Abend mit Bettina Mittendorfer – die nach einer Lesung von Lena Christs »Erinnerungen einer Überflüssigen« schon zum zweiten Mal in der Waginger Bücherei zu Gast war – zu einem großen Erfolg für das rührige Team der Bücherei. Hans Eder

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