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Heiße Rhythmen auf dem Chiemsee

»Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehen, oh das wird wunderschön...«, so sang einst schon Wencke Myhre. In diese Zeit fühlte man sich an Bord der MS Edeltraud zurückversetzt – die drei Boogie-Woogie- oder Rock'n'Roll- Bands schienen den Sound der 60er Jahre schon einstudiert zu haben, als sich die Schiffsschraube in Bewegung setzte. Weniger Wind im Segel (wir waren dieselgetrieben unterwegs), dafür ordentlich musikalischer Dampf unter Deck. Bei wunderbar lauen Abendtemperaturen, einem strahlend blauen Himmel und einer Wasseroberfläche, so glatt wie ein Kinderpopo, ging die MS Edeltraud mitsamt 300 Gästen, drei erlesenen Bands und einer motivierten Besatzung auf die alljährliche musikalische Dampferfahrt. Die perfekte Ausgangsposition für einen Ausflug der besonderen Art – 2012 schon die zweite Veranstaltung dieser Art.

Seit nunmehr neun Jahren veranstaltet Alex Welte und der Konzertservice Janotta aus Staudach diese Riverboat Shuffle, seit sechs Jahren die Boogie- Woogie-Fahrten. Innerhalb kürzester Zeit mutierte diese Veranstaltung zu einem Geheimtipp in der Szene. Das Ergebnis: Alle Karten sind binnen weniger Wochen ausverkauft, eine großangelegte Werbekampagne braucht es nicht. Die Kenner sichern sich rechtzeitig die Tickets. Das Kontingent ist auf 300 Plätze begrenzt. So verwundert es nicht, dass die Stimmung auf den drei Decks bestens war. Kaum ist die Gangway eingezogen, spielten alle drei Bands auch schon die ersten Takte.

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Das Jazzkränzchen Immergrün – man beachte: gegründet 1962 – spielt eine wunderbar unaufgeregte Mischung aus den frühen Stilrichtungen des New Orleans Jazz, Swing und dem »Salut to Satchmo« mit selten gespielten Kompositionen von Louis Armstrong. Unter anderem mit dem Bandleader Hako Ruther (Posaune) sowie Karl Heinz Schmid am Banjo und Amadeus Böttcher am Schlagzeug war diesmal als Gastspieler auch der Klarinettist Dieter Müller-Sohnius mit von der Partie. Als »Immergrün« dann auf das »Sonnendeck« der MS Edeltraud vor allzu hohen Temperaturen flüchtete, war das Abendrot nicht nur farblich eine Symphonie, sondern auch klanglich. Bei leichter Brise erfreuten sich zahlreiche Gäste am Spiel dieser Evergreen-Band.

Die mit einigen Awards ausgezeichnete Zydeco-Band Annie & the Swampcats sorgte im hinteren oberen Deck für Stimmung. Akkordeon und Klavier wurden von der munteren Frontfrau Anja Baldauf bedient, ebenso extrovertiert Rolf Berger, der Mann an Waschbrett und Percussion sowie der Akustikgitarre. Kontrabassist Jens Ohly und Franz Pink an der E-Gitarre sowie George Bähr an der Fiddle und Mandoline bzw. Stefan Baldauf am Schlagzeug sorgten für flotte Rhythmen. Anja Baldauf wurde nicht müde, das Publikum mit einzubeziehen und peitschte ihre Nummern immer wieder mit kleinen Anekdoten vorwärts. Niemals grölend, sondern immer auf den musikalischen Spuren von Louisiana galt es dem Motto »Akkordeon meets Rock'n'Roll« nahe zu kommen. Zydeco Annie sollte schließlich noch eine Stunde ebenfalls auf dem Freideck ihr Bestes geben.

Rock'n'Roll vom Feinsten gab es aber auch im vorderen Teil des 50 Meter langen Schiffes. Die Band 8 to the Bar frönte hier ihren hanseatischen Stil. Frontmann Claas Vogt, der auch als Gastmusiker mit Ludwig Seuss bereits mehrfach für Furore in der Staudacher Musikbühne sorgte, gab Gas und sollte über die gesamte Spielzeit nur von einer gerissenen Saite kurz gestoppt werden. Mit angereist war auch kein Geringerer als Ludwig Seuss selbst. Der Pianist der Spider Murphy Gang war der Turbo im Tank bei 8 to the Bar. Ergänzt wurde dieses perfekt eingespielte Duo von Martin Wichmann am Kontrabass. Der Kapelle gelang es innerhalb weniger Songs, den Funken zu entfachen, der ein Konzert so wertvoll macht. Claas Vogt zelebrierte seine Gitarre unnachahmlich perfekt und setzte auch mit seiner reinen Stimme Akzente. Rock'n'Roll, Boogie, aber auch jazzige Balladen oder jenes schelmische »Lass die Morgensonne untergehn« bilden nur einen Teil des Repertoires ab. Class Vogt, brillanter Musiker und Schelm in einer Person, ließ die Funken sprühen.

Apropos Funken. Auch das Feuerwerk im Hafen von Bernau sparte an »Funken« nicht, und so wurden den Gästen auf der MS Edeltraud nicht nur akustisch, sondern auch optisch noch einige Leckerbissen geboten. Dass Claas Vogt noch lange, nachdem die Edeltraud am Pier angelegt hatte, seinen Rock'n'Roll vorwärts peitschte, sei nur noch am Rande erwähnt.

Alles in allem ein gelungener Abend, perfekte Stimmung, musikalische Highlights und das passende Wencke Myhre- Fazit: es war wunderschön. Udo Kewitsch