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Hilfen reichen nicht aus: Können Hotellerie und Gastronomie die Krise überleben?

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Berchtesgadener Land: Können Hotellerie und Gastronomie die Corona-Krise überleben?
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Johannes Hofmann (l.), Kreisvorsitzender des Dehoga Bayern, sagt: »Unsere Gäste anhand von steigenden Infektionszahlen erneut nach Hause zu schicken, ist undenkbar.« Thomas Riedl (r.) betreibt seit 23 Jahren das »Schwabenbräu« in Bad Reichenhall. Die Folgen der Allgemeinverfügung im Oktober haben seinen Betrieb schwer getroffen: »Bleibt auch der Dezember zu, so werden wir wohl nur 50 Prozent unseres Jahresumsatzes schaffen.« (Foto: Gerd Spranger)

Berchtesgadener Land – Wenn sich der Morgennebel auflöst und die Sonne einen milden Novembertag beschert, scheint die Welt in Ordnung zu sein. Lange Spaziergänge an der frischen Luft stärken das Immunsystem und man genießt die Ruhe. Das ist die Lebenswirklichkeit jener, die etwa bereits ihre Rente beziehen oder über ein sicheres Einkommen verfügen. Für alle anderen, Selbstständige wie Hoteliers, Gastronomen und Einzelhändler in den Innenstädten, weht eher ein eiskalter Novemberwind, der bis in die Glieder fährt.


»Hilfen gehen an vielen Betrieben vorbei«

»Wir helfen der Wirtschaft, den Betroffenen«, war das politische Versprechen für den zweiten Lockdown in Deutschland, »und zahlen 75 Prozent des Novemberumsatzes.« Dr. Thomas Birner, Geschäftsführer des Berchtesgadener Land Wirtschaftsservice, ist zwar froh, dass die Unternehmen des Berchtesgadener Landes finanzielle Unterstützung für die Betriebsschließungen speziell in den beiden Oktoberwochen und auch für den November erhalten sollen. Gleichzeitig sieht er erheblichen Verbesserungsbedarf. »Es darf keine Beruhigungspille sein, die womöglich mit einem bösen Erwachen enden könnte und letztlich an vielen Betrieben vorbeigeht.« Vertieft habe sich dieser Eindruck bei ihm in vielen Gesprächen mit Betroffenen.

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»Null Euro von null Umsatz bleibt null«

Zu der Zwangsschließung von Hotellerie und Gastronomie merkt er an: »Bei einem stabilen Geschäft aus dem Tourismus mit einer starken Sommer- und Herbstsaison, wie wir es in den vergangenen Jahren hatten, brauchen Hotellerie und Gastronomie eine Pause. Es stehen jährlich Investitionen in Renovierung und Modernisierung an, Überstunden wurden abgebaut. Darum war der November meistens der Monat der Betriebsruhen. Daher war der Umsatz in dieser Zeit bei vielen Betrieben gleich null. Und das soll nun Grundlage der Hilfen sein?«, hinterfragt Dr. Birner kritisch.

»Ein Unternehmen, das im November 2019 geschlossen hatte, kann also keine Bundeshilfen für den November 2020 beantragen. Und das sind viele.« Das bedeute, es könne auch keine bayerische Hilfe für den Oktober beantragt werden, denn diese wird nur auf eine gewährte Bundeshilfe aufgesetzt. »Denn 38 Prozent von Null sind trotzdem Null.« Zudem sei dieses Jahr ganz anders zu werten.

»Besser den Jahresumsatz heranziehen«

Durch den Verlust des Osterund Pfingstgeschäftes wegen des ersten Lockdowns im Frühjahr wäre die Branche laut Birner auf das Geschäft im Oktober und November dringend angewiesen gewesen. Deshalb hält er auch das jüngste Versprechen, den Ausfall im Oktober, der die Betriebe durch die zweiwöchige Betriebsschließung aufgrund der Allgemeinverfügung des Landratsamtes in Berchtesgaden getroffen hat, mit 38 Prozent zu vergüten, für nicht sachgerecht. »Sinnvoller wäre es, einen jährlichen monatlichen Durchschnittsumsatz als Basis zu nehmen«, regt der Geschäftsführer des BGL-Wirtschaftsservice an.

»Der Handel geht leer aus«

Bei ihm häufen sich die Anrufe notleidender Unternehmen. »Der Handel in den Innenstädten geht bei all dem leer aus. Es fehlen zudem die Gäste und selbst die Besucher aus dem Salzburger Land«, merkt er an. »Was die Zulieferfirmen angeht, so müssen sie nachweisen, dass sie 80 Prozent ihres Umsatzes in der Gastronomie und Hotellerie tätigen, um hier einen finanziellen Ausgleich zu erwirken, und das wird in den meisten Fällen schwerfallen«, so Dr. Birner.

»Im Einzelhandel greift diese Definition überhaupt nicht, da man es dort mit Endkunden zu tun hat, wo ein Nachweis, ob der Kunde ein Urlaubsgast oder Einheimischer ist, ohnehin nicht geführt werden kann.«

 

»Wann und wie greifen die Hilfen?«

Das Thema zu den Hilfen rund um den ersten und zweiten Lockdown ist komplex, so der Steuerberater. »Anspruch auf Überbrückungshilfe etwa besteht von Juni bis Dezember. Bei der außerordentlichen Wirtschaftshilfe ist der November des Vorjahres maßgebend, doch die genauen Regelungen dazu sind noch nicht festgelegt. Anträge dazu können wohl erst Ende November gestellt werden und andere Unterstützungsmaßnahmen wie Überbrückungshilfen und Kurzarbeitergeld werden angerechnet.

»Die meisten Betriebe werden nicht überleben«

Johannes Hofmann, Kreisvorsitzender des Dehoga Bayern, sieht in der Traditionswirtschaft »Schwabenbräu« einen gesunden, wirtschaftlich starken Betrieb. »80 Prozent der Gastronomie aber sind nicht so gut aufgestellt. Für sie ist der zweite Lockdown trotz Fördermaßnahmen existenzbedrohlich«, schätzt er die Lage der Branche ein. »Es kann auch nicht angehen, dass Wirte zum Teil ihre Altersversorgung, häufig die Lebensversicherung, aufkündigen müssen, um die staatlich verordneten Betriebsschließungen zu überstehen.«

»Ein zweites Desaster wie der brutale Lockdown im Berchtesgadener Land vom 20. Oktober ist für die Branche nicht akzeptabel«, so Hofmann. »Wir brauchen eine gewisse Vorlaufzeit, Planungssicherheit und dann eine Garantie, dass die Betriebe offen bleiben. Unsere Gäste anhand von steigenden Infektionszahlen erneut nach Hause zu schicken, ist undenkbar«, mahnt er an.

 

Dehoga-Bayern kündigt Widerstand an

Im Hinblick auf den Lockdown und den Entwurf eines neuen Infektionsschutzgesetzes kündigt der DehogaBayern seinen entschlossenen Widerstand an. Das geplante Gesetz sei verfassungswidrig. Er sehe zwar die Untersagung oder Beschränkung des Betriebs gastronomischer Einrichtungen sowie die Untersagung oder Beschränkung von Übernachtungen vor, Entschädigungen hierfür seien jedoch nicht vorgesehen. Hier fehle schlichtweg die gesetzliche Regelung des finanziellen Ausgleichs für Unternehmen, wenn ihnen staatlicherseits die Geschäftsgrundlage entzogen wird.

Gerd Spranger