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Hinterlistige Ironie, überirdische Schönheit

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»Es geht um Tod und Leben«, so Nikolaus Harnoncourt über Schuberts »Unvollendete«. In geradezu überirdischer Geschlossenheit hat er das Stück mit dem Wiener Philharmonikern bei der Mozartwoche in Salzburg hören lassen.


Vielleicht gibt es in Wirklichkeit zwei Orchester namens Wiener Philharmoniker. Jene Gruppe von ziemlich jungen Leuten, die sich da mit leidenschaftlicher Ambition Nikolaus Harnoncourts Sache zu eigen machten, zeigte eine auffallend geringe Schnittmenge mit jenem Orchester, das der ORF am Neujahrsmorgen via Mattscheibe zuliefert. Eine Generation, für die Harnoncourt nicht mehr tendenziell Reibebaum, sondern schon historische Instanz ist.

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Diese so wundersam sich rundende »Unvollendete« – da darf man eigentlich nichts zerreden oder zerschreiben. Es war die in zwei antithetisch gefasste Sätze gegossene Sicht aufs Ganze. Ganz anderes vor der Pause. Urwüchsiges Musikantentum, quasi gefiltert durch die Holzbläser-Feinheit der Philharmoniker, prägte die Ouvertüre zum Melodram »Die Zauberharfe«, die als »Rosamunden-Ouvertüre« populär ist. Schon da durfte man darüber nachdenken, wie sehr die in Wien ausgebrochene Rossini-Epidemie noch vier Jahre nach der Erst-Infektion weiter wirkte. Seine Sicht legte Harnoncourt dann auch in Worten ans Publikum dar: Die Sechste Symphonie Schuberts stehe für pure Ironie: »Ins Finale schreibt Schubert richtigen neapolitanischen Kitsch und will seinem Publikum sagen: Und das g‘fallt euch?«, so Harnoncourt in der ihm eigenen Anschaulichkeit.

Ein Spiel mit Wienerischem Schmäh: Das setzte Harnoncourt mit der von ihm gar nicht mehr anders erwarteten Langsamkeit um. Wo andere das eine Oktave hinauf- und wieder hinunterkletternde Thema im Finalsatz schnurren lassen, lässt Harnoncourt deutliche Atempausen machen, nimmt er die Vorschrift »Allegro moderato« wirklich beim Wort. Wie sich da die Oboen, Klarinetten und vor allem die Flöte ins Zeug gelegt haben, wie viel vorsichtiger Delikatesse die Geigen einbrachten: Da war spürbar, dass die Orchestermusiker vielleicht im Moment selbst verblüfft waren, was da ur-plötzlich rauskommen kann an leisen Pointen. Auf kein Wiederholungszeichen möchte man da verzichten, ja – man hätte manchen Abschnitt zu gerne noch ein drittes Mal hörend ausgekostet. Listige Ironie eben, nicht oberflächlicher Scherz: Man durfte viel Neues heraushören. Reinhard Kriechbaum

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