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Historischen Stereoklang eindrucksvoll inszeniert

In der Kirche San Marco in Venedig mit ihren vielen Emporen und Umgängen entstand der Stil, der als »Venezianische Mehrchörigkeit« in die Geschichte eingehen sollte: Voneinander getrennte Chor- und Instrumentalgruppen tauchen den gesamten Kirchenraum in Klang und ermöglichen dem Zuhörer eine Art Stereo-Erlebnis. Wie kaum eine andere Kirche eignete sich der »Dom des Achentals« in Übersee mit seinen gewaltigen Ausmaßen, seinem Hall und seiner prachtvollen neugotischen und künstlerisch hochwertigen Originalausstattung für die venezianische Festmusik, die der renommierte Lassus-Chor München im Rahmen des Musiksommers hier zelebrierte.

Foto: Bernward Beyerle und seine Sängerinnen und Sänger sowie das Bläserensemble ließen ihre Zuhörer ein sinnliches Klangbad erleben. (Foto: Mergenthal)

Kompositionen aus dem 16. Jahrhundert, als man im Hochgefühl der Renaissance den Raum und die dritte Dimension entdeckte, korrespondierten auf spannende Weise mit einigen Werken aus dem 19. Jahrhundert. Musiker wie Felix Mendelssohn Bartholdy studierten damals die lange verkannten alten Meister intensiv und erfüllten die historischen Formen mit romantischer Gefühlsintensität.

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In gemessener Feierlichkeit eröffnete das Bläserensemble des Lassus-Musikkreises den Abend mit einem Canzon von Claudio Merulo. Die zwei Trompeter und drei Posaunisten streuten zwischen die Gesangs-Blöcke Instrumentalwerke für vier oder fünf Bläser ein, die mit ihrem strahlenden, fein intonierten Klang und zauberhaft schwingendem Duktus zum vielen Gold an den Altären passten. Den Bogen spannten sie von Giovanni Gabrieli über Léon Boellmann (1862- 1897) bis hin zu einer zeitgenössischen Intrada von Bernward Beyerle.

Der 1948 geborene Musiker, ehemaliger Regensburger Domspatz und seit 1972 Leiter des Lassus-Musikkreises, den sei Vater 1957 mit Paul Winter gegründet hatte, prägte die Kirchenmusik wie kaum ein anderer. Er verkörpert die venezianische Mehrchörigkeit durch und durch und zelebriert sie mit tiefem Ernst. Das spürt man, wenn man ihn dirigieren sieht, wenn er den vor ihm, rechts und links von ihm oder sogar hinter und über ihm postierten Chören ihre Einsätze gibt. Mit zwei bis vier Chören jonglierte er. Immer wieder wurden die Besetzungen der Chöre und ihre Aufstellungsorte variiert. Bereits beim ersten Stück, dem Kyrie und Gloria der »Missa octo vocum« von Francesco Bianciardi, fühlte man sich eingehüllt in Klang. Die zwei Chöre unter dem Hochaltar und auf der Empore sangen einander zu oder überlagerten sich in schier unendlichem Fluss. Geradezu mystisch wirkten leise Stellen in dieser Stereo-Vielstimmigkeit, wie hier im Gloria das »Miserere nobis«. Naturposaunen begleiteten die Sängergruppen beim ausdrucksstarken »Salve Regina« von Orlando di Lasso und später bei einem der Höhepunkte, einem »Jubilate Deo« von Gabrieli mit drei Chören – vor dem Hochaltar sowie rechts und links vor dem Chorgestühl.

Ein strahlendes »Laudate Dominum« von Giovanni Pierluigi da Palestrina mit zahlreichen Imitationen führte zum Kyrie und Gloria aus der Missa Es-Dur von Josef Rheinberger (1839-1901) hin, dessen Leben in die Blütezeit der Neugotik fiel. Die Überseer Pfarrkirche St. Nikolaus wurde erst 1902 bis 1904 als eines der letzten Gotteshäuser in Bayern in diesem Stil errichtet. Das Anschwellen zum Fortissimo klang wie das Heranrollen einer Meeresbrandung. Zart hoben sich beim »Miserere nobis« einzelne Stimmen aus dem filigranen Klang-Gespinst heraus.

Lautmalerisch und voller Dramatik und Hingabe gelang Mendelssohns »Warum toben die Heiden«. Das »Du sollst sie mit eisernem Szepter zerschlagen« spürte man körperlich durch die Rhythmik, hohe schrille Töne und explosive Singweise. Innigkeit und Vertrauen strahlte das »Küsset den Sohn, dass er nicht zürne« aus. Es führt zu weit, auf jedes Stück einzugehen. Zum Schluss hin setzte der Chor wie bei einer Zirkus-Schau immer noch eins drauf, ohne bei Effekten und vordergründiger Virtuosität stehen zu bleiben.

So wechselte bei Carl Orffs Sonnengesang in einer zehnstimmigen Spezial-Bearbeitung von Beyerle ein kleiner hoher Frauen-Chor auf der Empore mit dem Hauptchor. Unheimlich klang das fahle Unisono, das den Tod beschrieb. Wie ein Lachen wirkte das Frohlocken im Psalm 99 von Johann Pachelbel, mit einer eindrucksvollen Schlussfuge. Eine letzte Überhöhung des sinnlichen Bades im Klang-Meer, dessen Wellen sich an jeder Wand zu brechen schienen, brachte die plötzlich von der Empore erklingende Trompete bei einem alten Marienhymnus von Giovanni Croce.

Mit dem Abendlied von Rheinberger und »Verbum carum factum est« von Hans Leo Haßler bedankten sich die Interpreten für die stehenden Ovationen. Veronika Mergenthal