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Hörst du die Nachtigall?

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Sang in Burghausen so schön wie sie aussieht: die ARD-Wettbewerbssiegerin Sumi Hwang aus Südkorea mit dem vortrefflichen Novus String Quartet. (Foto: Hans Gärtner)

Was macht die Welt »so tiefschön«? Wer genau hinhörte in der Aula des Burghausener Kurfürst-Maximilian-Gymnasiums, als dort das dritte Konzert des diesjährigen Musiksommers zwischen Inn und Salzach übers Podium ging, der weiß es: Wenn der eine stirbt und der andere daneben lebt. Hart, aber wahr, was die Worte in Alfred Momberts Gedicht »Warm die Lüfte« meinen: Ein ewiges Auf und Ab, ein Kommen und Verlassen, ein Keimen und Vergehen hält die Welt und macht sie »so tiefschön«.


Es war das letzte der berühmten, dennoch selten gehörten »Vier Lieder op. 2« von Alban Berg, auf einen Mombert-Text im Jahr 1910 komponiert, später für Streichquartett und eine »mittlere Stimme« von Heime Müller bearbeitet. Wahrscheinlich deshalb, damit man auch noch hundert Jahre später in den Genuss kommt, der »tiefschönen« Stimme der Südkoreanerin Sumi Hwang lauschen zu können, wenn ihr, der schwebend Leichten, das duftige Novus String Quartet ein Bett aus Klängen, so »warm« wie »die Lüfte« bereitet, dass man (dem Dichter Alfred Mombert folgend) das Gras förmlich sprießen hört »auf sonnigen Wiesen«.

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Die Frage: »Hörst du die Nachtigall?«, die einmal ein Vater seinem kleinen Buben stellte, dem die Mutter das Lied »Warm die Lüfte« vorsang, war überflüssig. Jaeyoung Kims Erste Violine ließ, von allen miterlebbar, den schwerelosen Gesang der Nachtigall aufsteigen, so zart, so berückend, aber auch so Nachtigall-bescheiden, wie es nur einem ebenso empfindenden Geiger möglich ist.

Nur ein Moment aus dem Burghausener Musiksommer-Konzert – und eigentlich müsste nichts mehr hinzugefügt werden. Ob Wolfgang Amadeus Mozarts Es-Dur-Streichquartett (KV 428), mit dem in einer Weise begonnen wurde, die nur das Schönste hoffen ließ, ob das Klarinettenquintett h-moll von Johannes Brahms, mit dem (und einer sich schier verausgabenden Instrumentalsolistin vom Range einer Annelien van Wauwe) geendet wurde – das Erlebnis war groß und tiefgreifend.

Sowohl Mozarts bisweilen überschwängliche Lust am Fabulieren als auch die sich durch Melancholie und Todesahnungen mühsam kämpfende Heiterkeit bei Johannes Brahms erfasste das Gemüt selbst eines Zweiflers vollkommen: Ist es denn möglich, dass junge, blutjunge Menschen (sie hätten Schülerinnen und Schüler eben des Gymnasiums sein können, in dem sie auftraten), die obendrein aus dem abendländisch fernsten Osten kommen, »unsere« Musik, die deutsche, die österreichische, die italienische (da hatte sich ja noch Ottorino Respighi eingeschlichen mit seinem doch etwas mühsam-langwierigen lyrischen Poemetto »Il Tramonto«) so zu erfühlen und so vorzubringen imstande sind, dass es einem Wunder gleichkommt? Zu den großartigen Streichern zählen noch Young-Uk Kim, 2. Violine, Seung-Won Lee, Viola und Woang-Whee Moon, Violoncello – und alle vier mitsamt der herrlichen Klarinettistin und der überirdisch singenden und schön anzuschauenden Sumi Hwang haben, was keinem Wunder gleichkommt, sondern wunderbar ist, 2012 beim 61. ARD-Musikwettbewerb gewonnen. Der ist, man weiß das, von Anfang an, 2001, international ausgeschrieben. Eine der ausgesuchten Tournee-Stationen war gottlob Burghausen. Dass es dem Management des Musiksommers gelang, das Ensemble, das noch oft – und zwar weltweit – von sich reden machen wird, in das südostbayerische Musikfestival einzubinden, war ein Glücksfall. Derartig Hochkarätiges schafft den Ausgleich zu Ambitioniert-Regionalem – Heimspiel und Weltspiel ergänzen sich auf das Schönste. Hans Gärtner

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