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Hohe Auszeichnung für Thomas Scheuerl

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Seine Doktorarbeit schrieb Thomas Scheuerl über die »Evolution sexueller Vermehrung von Rädertieren« – Kleinstlebewesen mit einer Größe von etwa 0,15 Millimetern. Hier ein Rädertier-Weibchen, das Männchen würde nur einen Bruchteil umfassen, etwa 0,05 Millimeter. (Foto: Claus-Peter Stelzer)
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Dr. Thomas Scheuerl, Wissenschaftler der Biologie aus Bad Reichenhall, wurde jetzt mit einem außergewöhnlichen Preis bedacht. (Foto: Bittner)

Bad Reichenhall – Es ist der »Population Ecology Young Author Award 2020«, den Dr. Thomas Scheuerl jetzt in der Tasche hat. Zusammen mit seinem Biologie-Forschungspartner Claus-Peter Stelzer erforschte der Reichenhaller, wie Sex die Populationsdynamiken von Plankton-Organismen beeinflusst. Der Preis – verliehen von der »Society of Population Ecology« in Japan – ist nicht besonders hoch dotiert, besitzt für Scheuerl jedoch einen gewaltigen Prestige-Wert: »Eine derartige Auszeichnung erhält man normal nur einmal im Leben. Sie hilft mir sicherlich enorm, um weiterhin erfolgreich forschen zu können«, sagt der Biologe zufrieden.


Mit seinen bald 40 Jahren gehört er noch zum Nachwuchs der »Branche«, muss sich einen Namen aber nicht mehr erarbeiten: Die weltweite Szene kennt den Wissenschaftler, der im Rahmen seiner sieben Jahre andauernden Forschungsarbeit am Imperial College in London über Evolution in bakteriellen Gemeinschaften komplettes Neuland betrat. Mit seinen dabei erzielten Ergebnissen sorgte Dr. Thomas Scheuerl bereits für Aufsehen.

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Nun folgte ein Erfolg für eine weitere Arbeit: Jährlich werden Forschungsarbeiten von Jung-Wissenschaftlern, die an ökologischen Problemen forschen, mit einem Preis der »Society of Population Ecology« dekoriert. Es gibt zwei Kategorien: Innovative neue Forschungsansätze sowie die meist zitierte Forschungspublikation in der Fachzeitschrift »Population Ecology«. Thomas Scheuerl gewann mit einem 2019 veröffentlichten Beitrag in diesem Wissenschaftsjournal einen der drei »Young Author Awards«. Im Rahmen seines Werks verfolgte er die neue Idee, dass sexuelle Vermehrung – gegenüber der klonalen – nicht nur wie bislang angenommen evolutive Vorteile besitzt, sondern auch ökologische haben kann. Zum Beispiel wenn Populationsdichten kontrolliert werden.

Der Mensch destabilisiert, wo er eingreift

Vereinfacht dargestellt erforscht Thomas Scheuerl die Biologie und Funktion von mikrobiellen Gemeinschaften sowie speziell ihre mögliche Veränderung durch äußere und innere Einflüsse. Durch sein Verhalten bringt der Mensch über Jahrmillionen gewachsene Ökosysteme nicht nur massiv ins Wanken, mit zunehmender Dauer der Beeinflussung kann er sie zerstören. Ein vereinfachtes Beispiel ist das Ökosystem »See« und die Fische, die darin leben, um Prozesse und Abläufe zu erklären. »Algen, die vom Sonnenlicht leben, werden von kleinen Fischen gefressen, welche ihrerseits als Nahrung für Räuber dienen. Ein Hecht könnte sein gesamtes Nahrungsangebot in jenem See abfressen. Natürliche stabilisierende Faktoren sorgen jedoch dafür, dass das nicht passiert«, erklärt Scheuerl.

Die Tatsache, wie schnell sich Hechte vermehren, die Konkurrenz mit anderen Räubern sowie die Möglichkeiten der Verstecke der Beute wie Totholz vermeiden, dass zu hohe Dichten des Hechtes entstehen. Potenziell könnte ein funktionierendes System destabilisiert werden, in dem Totholz entfernt wird, weil es beim Baden stört. »Oder weil Konkurrenten zu stark bejagt werden. Das kann dazu führen, dass der Raubdruck zu groß wird. Letztlich könnte das zu Algenblüten führen, die wiederum ein Badeverbot nötig machen«, so der Wissenschaftler aus der Kurstadt. Zusammenhänge dieser Art finden sich genauso in der Welt der Mikroorganismen, welche Fokus der Forschung von Dr. Scheuerl sind. Seine preisgekrönte Forschungsarbeit zeigt, dass verändertes Wachstum – hier durch den Vermehrungsweg von Rädertieren – ökologische Dynamiken verändert.

Welche Lehren kann die Menschheit aus den Forschungsgrundlagen des Reichenhallers und seines Teams ziehen? In seinen Arbeiten erforscht Scheuerl, wie biologische Gemeinschaften arbeiten, sich an Umweltveränderung anpassen und wie sich das Zusammenspiel vieler Arten auf die Funktion des Ökosystems auswirkt – und darüber hinaus, wie und wann funktionierende Ökosysteme zusammenbrechen. Diese Grundlagen sind wichtig, um die Zusammenhänge überhaupt richtig zu verstehen. Das Paradoxe: »Der Mensch weiß zumeist, dass er zerstört. Und er weiß, dass er letztlich alles wieder umkehren könnte – noch. Aber er macht es meist nicht oder erst sehr spät, weil er nicht hundertprozentig sicher ist, wie und warum«, sagt der Forscher.

Eine Vertrauenssache

Die feierliche Urkunden-Verleihung in London, die Dr. Thomas Scheuerl freilich gerne »mitgenommen« hätte, muss aufgrund der Corona-Pandemie ausfallen. Gerade Großbritannien ist besonders hart getroffen, vor allem der Südosten Englands inklusive London. »Ob die Feier nachgeholt wird, ist offen«, sagt er und hofft natürlich, dass sich alles rasch bessert. Aktuell arbeitet er als Wissenschaftler am Institut für Limnologie in Mondsee, an dem seine preisgekrönte Arbeit entstand. Parallel besitzt Scheuerl eine Stelle an der Universität von Cambridge in England, um ein EU-Forschungsprojekt zu leiten. Dort ist der Familienvater Teil eines Teams, welches unter seiner Anleitung forscht. Freilich kann er sich aktuell lediglich online mit seinen Leuten austauschen – das passiert jedoch nahezu täglich: »Es ist eine Wahnsinns-Vertrauenssache«, weiß er die Loyalität und den Einsatz des fünfköpfigen Teams in Cambridge zu schätzen. »Corona bestimmt, wann ich auf die Insel darf«, sagt der gebürtige Ebersberger durchaus genervt und frustriert, selbst wenn er vieles von seinem Reichenhaller Zuhause aus erledigen kann. Hans-Joachim Bittner


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