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»Hoher Fleischkonsum ist klimarelevant!«

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Am Gymnasium Ising diskutierten (von links): Angelika Weber, Gisela Sengl, Moderatorin Benita Steger, Maria Noichl und Heinrich Wallner. (Foto: Heil)

Chieming – »Die Scheiße bleibt da!« Drastisch kommentierte die SPD-Europaabgeordnete Maria Noichl die aktuelle Situation bei der Agrar- und Klimapolitik in der globalisierten Welt.


Soja aus Brasilien würde nach Europa eingeführt, um auf zu wenig Fläche zu viele Rinder und Schweine zu züchten, damit diese dann in Drittländern außerhalb der EU verkauft würden. Zurück bleibe das, was Umwelt, Mensch und Tier akut und auf Dauer schade: Der Boden werde vergiftet und ausgelaugt, das Grundwasser verschmutzt, die Luft mit Treibhausgasen angereichert. Diese deutlichen Aussagen traf Noichl bei der Podiumsdiskussion am Gymnasium Ising zum Thema »Was is(s)t der Mensch?«.

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Über ethische Fragen bezüglich der Lebensmittelproduktion hatte der Oberstufenkurs Evangelische Religion bereits seit geraumer Zeit intensiv diskutiert. Daraus entstand zusammen mit Lehrer Walter Rößler die Idee für eine Podiumsdiskussion mit Menschen, die im Großen und Kleinen etwas verändern und vorantreiben können: Gisela Sengl (MdL, Die Grünen), Heinrich Wallner (Kommunalpolitiker, Bayernpartei), Angelika Weber (Vorsitzende des Elternbeirats Ising) und MdEP Maria Noichl.

»Wer isst von Ihnen wie oft Fleisch – und in Bio-Qualität?« – Nach dieser Frage von Moderatorin Benita Steger an die Podiumsmitglieder wurde im darauf folgende Gespräch deutlich: Der Fleischkonsum müsse sich reduzieren und er müsse gesund sowie risikofrei sein. Insbesondere die EU-Politikerin forderte daher eine Neudefinition des Begriffs »Bio« – nicht nur hinsichtlich der Attribute Regionalität und Saisonalität. Es gebe weiterhin eine heftige Debatte darüber, wie »rein« Bio sein müsse, um als solches gekennzeichnet zu werden.

Durch die Kleinstrukturierung der deutschen Landschaft, dem Nebeneinander von konventioneller und biologischer Landwirtschaft »können wir nicht erwarten, dass Bioproduktion chemisch rein ist«. Vielmehr heiße Bio doch, »das Beste aus den Umständen zu machen, sonst geht Bio verloren«. Auch das Verlangen nach billigen Lebensmitteln wurde kritisch gesehen: Die konventionelle Landwirtschaft, die günstiger produzieren könne, hinterlasse im Vergleich zur Bio-Landwirtschaft einen deutlich größeren ökologischen Fußabdruck. »Der ist aber nicht im Schnäppchen-Preis enthalten«, sagte Noichl hier.

Wallner appelliert in diesem Zusammenhang an die Konsumenten, die Eigenverantwortung übernehmen müssen. Gleichzeitig aber sei die Politik am Zug: Kleine Lebensmittelbetriebe könnten nicht mit Discountern und Supermärkten konkurrieren – und damit verschwänden sie und mit ihnen Lebensmittel und Fleisch, deren Herstellung und Ursprung für jeden ohne Aufwand nachvollziehbar sei.

Mit dem Stichwort »Fridays for Future« oder »Rettet die Bienen« nahm die Podiumsdiskussion weiter an Fahrt auf. Maria Noichl erinnern die demonstrierenden Schüler an ihre eigene Jugendzeit, damals in den 80ern mit »Petting statt Pershing«. Sie empfinde es als Rückenwind, »dass die Jugend so unterwegs ist«. Sie hofft aber auch darauf, dass die jungen Menschen ihre Forderungen in ihren eigenen Alltag einbringen und dort umsetzen. »Die Jugend ist eindeutig, klar und massiv«, ergänzte hierzu Gisela Sengl und führte dann die beiden Themen Klimawandel und Artenschutz zusammen, als sie erklärte: »Hoher Fleischkonsum ist klimarelevant.« Die Landtagsabgeordnete freute sich, dass die Themen Umwelt und Tierschutz bei der Europawahl deutliche Themen gewesen seien, denn »alle Wissenschaftler bestätigen, dass es den Artenschwund gibt«.

»Wir sind Getriebene im System!«: Als im zweiten Teil der Podiumsdiskussion direkt Fragen an die Podiumsgäste gestellt werden konnten, meldete sich auch das Ehepaar Wiesholler aus Chieming zu Wort und schilderte die Zwänge für heimische Bauern, mit ihren lokalen Bioprodukten gegen weltweite Importe, zum Beispiele »Bio-Himbeeren aus Chile« bestehen zu können. »Was will die Politik gegen diesen unsinnigen globalisierten Bio-Handel unternehmen«, fragte Johann Wiesholler.

Der Staat müsse dem Gemeinwohl verpflichtet sein. »Bio-Essen in öffentlichen Mensen muss vom Staat gefördert werden«, forderte Sengl, »gerade weil wegen des erfolgreichen 'Volksbegehren Artenvielfalt' auf lange Sicht mindestens 30 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche biologisch bewirtschaftet werden sollen.« Damit richtete sich dieser Appell auch ans Isinger Gymnasium selbst und an seine Mensa. Für die Schüler des Internats und der Nachmittagsbetreuung. Schulleiter Wolfgang Brand stellte fest: »Wir haben schon umgestellt. Inzwischen sind zwei Essen pro Woche fleischlos und die Vegetarier unter den Schülern essen natürlich jeden Tag fleischlos.«

Brand fasste am Ende zusammen, die Podiumsdiskussion habe mit Globalisierung, Klimawandel und Kapitalismuskritik einige große aktuelle Themen gestreift. Er selbst finde die politisch aktive Jugend gut. »Ich freue mich als Lehrer, wenn es für uns Erwachsene unangenehm wird!« fb