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Horrortrip eines Ritters der Endzeit

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Gawain (Christopher Maltman, in der Mitte der linken Menschentraube) lehnt nach seiner Rückkehr seine Verehrung als Held ab, weiß er doch, dass er die Begegnung mit dem Grünen Ritter nur aufgrund seiner Todesangst und nicht durch Tapferkeit überlebt hat. (Foto: Ruth Walz)

Abgewrackte Typen in Lumpen lungern wie Obdachlose in einer Art Bunker nach einem Atom-GAU herum, dazwischen Hunde und ein alter Mann im Rollstuhl. Einige kauern um eine Feuertonne, andere auf kaputten Ledersesseln. Einer spielt auf einem verstimmten Klavier eine gespenstische Musik. Wir schreiben das Jahr 2021. So beginnt die Neuinszenierung von Harrison Birtwistles Oper »Gawain« durch Alvis Hermanis für die Salzburger Festspiele.


Das Publikum der österreichischen Erstaufführung in der Felsenreitschule applaudierte bei der Premiere begeistert, vor allem für das ORF-Radio-Symphonieorchester Wien, den Salzburger Bachchor und die Sänger und Schauspieler. Auch dem anwesenden Komponisten und seinem Librettisten David Harsent gefiel's. Trotz grandioser, ausdrucksstarker Bilder hatte Hermanis' Interpretation der modernen Vertonung einer anonymen mittelenglischen Romanze ihre Tücken.

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Sonderbare Dinge gehen in dieser Helden-Saga vor: Ein grüner Ritter erscheint zu Pferde am Hof von König Artus und verlangt, dass man ihm den Kopf abschlagen soll. Dafür will er sich nach Ablauf eines Jahres in seinem Reich der »Grünen Kapelle« revanchieren. Zunächst scheint sich in der »Tafelrunde«, die nur noch ein schwacher Abglanz ihrer selbst ist, niemand zu finden; dann stellt sich Gawain dieser Herausforderung. Auf seiner Reise in das Reich des Ritters kehrt er kurz vor dem Ziel am Hof Bertilaks und seiner Frau ein. Unterstützt von Zauberin Morgan le Fay versucht Bertilaks Frau, Lady Hautdesert, Gawain, der als Meister in der Liebeskunst gilt, zu verführen. Währenddessen ist ihr Mann auf der Jagd. Am Morgen tauschen beide Männer gemäß einem Pakt ihre »Jagdbeute« aus: Bertilak gibt Gawain das Wild, während der Gast ihm jene Küsse zurückgibt, die die Lady ihm aufgedrängt hat. Am dritten Abend macht diese Gawain ein besonderes Geschenk: eine Schärpe, das ihn vor dem Tod bewahren soll. Diese behält Gawain trotz des Paktes für sich. So überlebt er die Schläge des »Grünen Ritters«, der sich am Ende als Bertilak zu erkennen gibt. Nach seiner Rückkehr verweigert sich Gawain der Verehrung als Held.

Das Endzeitstimmungs-Szenario am Hof von Artus hat der lettische Regisseur in die Zukunft verlegt. Er packt sehr viele Bedeutungsebenen in die Oper hinein: Den von Birtwistle und Harsent thematisierten Konflikt zwischen Christen- und Heidentum weitet er aus auf jenen zwischen Zivilisation und Natur. Die Bühne hat zwei Seiten: Links ist die zusammenbrechende Zivilisation dargestellt, mit einer Art Tiermenschen, die an einem dürren, abgenadelten Christbaum eine Lichterkette entzünden, als Kannibalen über einen verendeten Artgenossen herfallen und mit Skeletten spielen. Rechts zeigt die Natur ihr grünes, moosiges Gesicht und überwuchert Autowracks. Dort lebt der »Grüne Ritter«, hier als Gottheit der Natur interpretiert.

Noch mehr pfropft der Regisseur der Oper durch Zitate aus Aktionen von Joseph Beuys auf, der für ihn durch sein Bemühen um die Einheit von Mensch und Natur perfekt zu Gawain passt. So hält der »Grüne Ritter« bei seinem Erscheinen nicht nur eine Axt, sondern auch einen toten Hasen – mit einem solchen im Arm ging Beuys 1965 in Düsseldorf durch seine erste Solo-Ausstellung. Ein direktes Beuys-Zitat ist das Arrangement von mit einem »Überlebens-Kit« bestückten Schlitten und einem VW-Bus, das hier zu einer von vielen Metaphern für Gawains Reise wird. Parallel dazu bewegt sich links eine in Schwarz vermummte gesichtslose Gestalt im Wechselspiel mit einem gut dressierten Schäferhund vor an die Wand projizierten Filmaufnahmen von Naturkatastrophen. Hermanis gelingen unzählige starke, ja fantastische Bilder und Anspielungen sowie expressive Gruppenszenen mit einer Schar zauberhaft akrobatisch agierender Schauspieler, perfekt mit der Musik abgestimmt. Doch manchmal ist es einfach zu viel des Guten, zu viel an Reizüberflutung. Das ermüdet und verwirrt auf die Dauer. Bei Gawains Reise etwa laufen fünf bis sechs verschiedene fesselnde Aktionen parallel. Für Längen sorgt auch, dass der erste Akt circa eine Stunde, der zweite jedoch eineinhalb Stunden dauerte und der Komponist eine Vorliebe für langwierige Rituale hat.

Die unter Ingo Metzmacher von den Musikern mitreißend zelebrierte, komplexe Musik glich so manches aus. Der Titel »Musikalische Abenteuer auf verschlungenen Pfaden« des Aufsatzes von Mark Schulze Steinen im Programmheft trifft den Charakter gut. Thematisch stellt Steinen Bezüge zu Richard Wagner fest, während er Birtwistle musikalisch in der romantischen Tradition sieht. Die sprühende, bewegte Musik spielt rhythmisch, melodisch, harmonisch und in der Orchestrierung mit allen Registern, ob auf sanften Flöten und Harfe wie bei den Nachtszenen an Bertilaks Hof, emotionsgeladenen Streichern, apokalyptischen Bläsern oder treibendem Schlagwerk.

Bewundernswert interpretierten die Sängerinnen und Sänger ihre expressiven Partien, besonders Christopher Maltman mit Heldenbariton-Attitüde als Gawain – trotz Indisponiertheit –, Laura Aikin mit silbrig-betörendem Sopran als weise-überlegene Fädenzieherin Morgan le Fay, Countertenor Andrew Watts als geistlicher Höfling Baldwin, Jeffrey Lloyd-Roberts als König Artus im Rollstuhl und John Tomlinson (mit abgründiger, unheimlicher Bassschwärze) als Bertilak und Grüner Ritter. Veronika Mergenthal