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Hungrig nach Leben

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Eine synchrone Glanzleistung des Ensembles: Die Schauspieler verleihen den Stimmen in »Aquarium« ein junges Gesicht. (Foto: SLT/Witzgall)

Das Salzburger Landestheater geht baden. In neckischer pink-rosafarbener Schwimmtracht, Blümchenbadekappe, Schwimmflügeln und mit bunten Wasserbällen stürzte sich das junge Ensemble in den Kammerspielen in die aufregenden Fluten einer unkonventionellen Idee: Die israelische Autorin und Regisseurin Ronnie Brodetzky verlässt gewohntes (Theater-)Terrain, um mit sieben Schauspielern den »Freischwimmer« für neue kreative Wellen darstellerischer Kunst zu absolvieren.


Dabei musste in keinem Moment der Uraufführung von »Aquarium« der Rettungsring, der an der Wand des zum Hallenbad umgestalteten Bühnenbilds (Bühne und Kostüme: Ruth Miller) hängt, zum Einsatz kommen. Stattdessen schienen die Theaterbesucher im Verlauf der Aufführung immer größere Lust zu haben, sich in die so herrlich choreografierte Synchronschwimm-Meisterschaft (Choreografie: Tal Cohn) einzureihen, aktiv am Bühnengeschehen teilzuhaben.

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Die angesprochenen Themen waren so unkompliziert nah am Menschen, nah am Fluss des Lebens, realitätsnah und echt, dass es die Zuschauer förmlich juckte, sich mit dem ein oder anderen generationsübergreifenden Satz ins munter dahinplätschernde Wasserballett des Lebens einzureihen. Aus Gesprächen mit Menschen des »dritten Alters« entstanden die O-Töne der Aufführung: Die eingespielten Stimmen wurden in entsprechend emotionaler Färbung, Mimik und Gestik von den blutjungen Schauspielern ohne Stimmeinsatz, also nur mit überdeutlichen Lippenbewegungen in Szene gesetzt – alte Stimmen aus jungem Mund.

Im ersten Augenblick erinnert dieser optisch-akustische Generationsclash an eine Art Body-Hopping oder »Kindermund tut Wahrheit kund« in Umkehrung. Nicht lachen geht nicht, zumal sich die Darsteller dazu synchron zu eingespielter Musik von Kaiserwalzer, dem Nabucco-Gefangenenchor bis zur Nussknacker-Suite (Sounddesign, Ton und Schnitt: Dan Hirsch) bewegen.

Die jungen Körper der Alten »tanzen« also, so scheint es, ganz ins Gespräch vertieft, im Einzel- oder Gruppen-Trockenschwimmballett in vollendeter Eleganz bei wogendem Auftrieb. Es werden Witze erzählt – mit und ohne Bart, mal beim gemeinsamen Duschen oder während des anschließenden Eincremens. Es wird über sexuelle Erfahrungen und Neigungen diskutiert – »Mir ham g'nuag g'schnackselt«, über die unschönen Auswirkungen der Schwerkrafteinwirkung am alternden Körper lamentiert oder über den Schönheitswahn der jungen Generation gelästert.

Zurückliegende Ängste, Konflikte und Träume tauchen wieder ins Bewusstsein ein und erleben, wie es scheint, in der lebendigen Nacherzählung und Spiegelung der Gesprächspartner eine selbstanalytische Aufarbeitung. Und irgendwie fühlt man sich als Zuhörer vom Beckenrand aus »angespritzt«. Es wird gelacht, verhöhnt, sich gegenseitig bestärkt und infrage gestellt, es wird einander zugehört – gefragt wird wenig, dafür wird umso mehr erzählt.

Langsam, fast unmerklich, werden die Themen im Verlauf des Stücks ernster, dabei bleibt die Stimmung unverkrampft. Es fließen Selbstzweifel ein, Einsamkeit, verpasste Chancen, Sehnsüchte: »Einmal möchte ich noch tanzen gehen«, erklingt eine schwärmende alte Stimme aus einem strahlend jungen Gesicht und schließlich schimmert sacht die Angst vor dem, was kommt, irgendwann kommen muss, durch. Trotzdem: »Ich liebe das Leben. Warum soll ich an den Tod denken? Ich bin hungrig nach Leben.«

Dass die Stimmen eingespielt sind, ist da fast vergessen. Gerade dieses Kontrastprogramm baut Brücken, die Stimmen bekommen andere Gesichter. Die gelebten Leben derer, die so offen, weise und gereift für dieses Projekt mehr als nur ihre Stimmen preisgegeben haben, prangen wie ein ungreifbarer Wassergeist über der Essenz dessen, was Leben ausmacht.

Einmal als Synchronschwimmer gegen den Strom des Alltäglichen zu rudern, das hat sich für Regie und Ensemble voll ausgezahlt – eine synchrone Glanzleistung aller Schauspieler: Elisa Afie Agbaglah, Genia Maria Karasek, Lilian Mazbouh, Jaqueline Bergrós Reinhold, Tim Oberließen, Gregor Schulz und Hanno Waldner.

Das Publikum fand in seinem Applaudieren kaum ein Ende. Eine wirklich großartige Idee in genialer Umsetzung, die noch bis zum 16. Juni zu erleben ist. Nähere Infos und Karten unter service@salzburger-landestheater.at Kirsten Benekam