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»I bin da Franz-Josef und da war i dahoam«

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Helmut Schleich schlüpfte im Traunreuter k1 nicht nur in die Rolle von Heinrich von Horchen, sondern begeisterte das Publikum auch als Franz-Josef Strauß. (Foto: Heel)

»I bin ned so, i bin koa Krimineller«, sagt der über den Tisch gebeugte, leicht zerknirscht wirkende Mann auf der Bühne, bevor er loslegt und aufzählt, wen er alles erschossen hat: die Schwiegereltern, die Ehefrau, die Schwester der Frau, den Bierfahrer, den Postboten und so fort. Die es im Übrigen nicht besser hätte treffen können, schließlich hätte er auch Rattengift einsetzen können, aber »so bin i eben«. Bereitwillig erklärt er auch, wieso: Der Salpeter in den Wänden war's! Da sei ihm dann alles über den Kopf gewachsen, trotz eines günstigen Kredits von der Bank. Dennoch verbitte er es sich, als »Die Bestie von Dottelbach« bezeichnet zu werden, denn »i bin ned so, so direkt gewaltsam«.


Dieses »ehrliche Geständnis« respektive Kabinettstück pechschwarzen Humors bildete den furiosen Auftakt seines Auftritts im voll besetzten Saal des Traunreuter k1, wo der Münchner Kabarettist, Autor und Schauspieler Helmut Schleich mit »Ehrlich« sein sechstes Soloprogramm vorgestellt hat. Nach diesem »Kaltstart in den Abend« nahm er sich sprachgewaltig, temporeich und mit Lust zur Attacke die jüngsten politischen Entwicklungen vor, speziell Herrn Trump, der letzten Endes doch ein typischer Amerikaner sei, und keine negative Ausnahme. Die Grünen kämen ihm vor wie Kinder, die nach 40 Jahren wieder bei den Eltern einziehen, nämlich bei der CDU, und Schulz sei im »Löschwasser seines eigenen Strohfeuers abgesoffen«.

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»Die Besten sterben jung«

Schleich präsentierte sich (mit Zylinder, weißem Schal und leicht entgleisten Gesichtszügen) auch als Heinrich von Horchen, einst Gesangslehrer von Willy Fritsch, Marika Rökk und Jopi Heesters und noch bekannt mit Mata Hari. »Die Besten sterben jung«, lamentierte er und erregte sich über die Behauptung von Barack Obama, die gewöhnlichen Deutschen seien nicht Ziel der Überwachung durch die NSA. Von da war es kein weiter Weg ins alte Ägypten, wo die Hieroglyphen laut von Horchen eigentlich Abhörprotokolle gewesen seien. Da die Spione vor lauter Meißeln aber oft nicht genau hören konnten, was gesagt wurde, verdanken wir ihnen den Ausdruck »vom Hörensagen«.

Von Horchen blieb es auch überlassen, die bitterste Erkenntnis des Abends auszusprechen, nämlich dass »wir alle systematisch verarscht werden«. Vor allem von EU-Politikern wie Juncker, diesem »Steuerstaubsauger aus Luxemburg«, die Handelsabkommen wie TTIP und CETA über die Köpfe der Bürger hinweg durchsetzen wollten – bis die Wallonen den Vertrag genau gelesen hätten. Kein Wunder also, dass die Verhältnisse in Europa allmählich Draghische Züge annehmen würden – und von Ehrlichkeit keine Spur zu entdecken sei.

Viel zu lachen gab es wieder bei Schleichs Ausflug in die Welt des Theaters, bei dem er in die Rolle des Stammtischbruders Freddie schlüpfte, der im Glauben, es ginge in die Gastwirtschaft »Hirschgarten«, von seiner Gattin in eine Inszenierung von Tschechows »Der Kirschgarten« gelotst worden war. Und hier den Horror modernen Theaters erlebte – mit Darstellern, die Unverständliches deklamierten und mit einer »Mischung aus Yoga und Bandscheibenvorfall« agierten.

Franz-Josef Strauß als Höhepunkt des Abends

Der Höhepunkt des Abends war jedoch Schleich Paraderolle als Franz-Josef Strauß, die es ihm erlaubte, es stiernackig und mit gehetzter Stimme so richtig krachen zu lassen. Da zog er über seine Nachfolger Stoiber (»Kamillenteesieder«) und Seehofer (»sprechender Aktendeckel«) her, diesen Mix aus »Mittelmaß und Größenwahn«, und betonte, dass Skandale zum Wesen der CSU gehörten: »Wir haben noch mit Panzern gehandelt, nicht mit Modellautos.« Freie Wähler habe es bei ihm nicht gegeben und auch nicht gebraucht, da Bayern im Privatbesitz der CSU gewesen sei und der Gang zur Wahlurne für die Bürger eine »christlich-soziale Wahlfahrt«. Besonders sauer stieß ihm der Besuch Seehofers bei Papst Franziskus auf, bei dem Seehofer dem Kirchenoberhaupt einen »Dallmayr-Fresskorb« mit Dosenweißwürsten, Honig und Kaffee als bayerische Spezialitäten überreicht hatte: »So einen Korb hätte man früher in die DDR geschickt«.

Dabei »ist das bayerische Selbstbewusstsein eigentlich ein Minderwertigkeitskomplex«, wie Schleich à la Strauß abschließend erklärte, nachdem er sich als »größter, überall sonst gescheiterter Maulheld« bekannt hatte. Denn eigentlich schämten sich die Bayern wegen ihrer Nachkriegsanfänge als »dreckiger Agrarstaat«. »Uns graust vor der eigenen Vergangenheit mit Plumpsklo und Misthaufen«, rief er und schloss mit den Worten: »I bin da Franz-Josef und da war i dahoam.«

Mit einer witzigen Zugabe verabschiedete sich der Kabarettist von seinem Publikum, das mit lange anhaltendem Beifall seinen so unterhaltsamen wie nachdenklich stimmenden Auftritt quittierte. Wolfgang Schweiger

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