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»Ich bin nicht im Streit gegangen, wir hatten ein gutes Mannschaftsklima«

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Der langjährige Weltklasse-Bobfahrer und Trainer Christoph Langen (l.) wechselt in die Schweiz und übergibt seinem Nachfolger René Spies eine intakte Mannschaft. (Foto: Wechslinger)

Christoph Langen war einer der erfolgreichsten Bobpiloten aller Zeiten, gemessen an Medaillen sogar der erfolgreichste. Er gewann 14 Medaillen bei Großereignissen, war dreimal Weltcupsieger im Zweier- und zweimal im Viererbob. Langens immenses technisches Wissen wird wohl ein Grund dafür gewesen sein, dass der Trainer mit der FES (Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten) in Berlin nie wirklich zurechtgekommen ist. Da der Bob- und Schlittenverband (BSD) jedoch weiterhin mit der FES zusammenarbeitet, ist es klar, dass Langen eine Offerte aus dem Mutterland des Bobsports, der Schweiz, angenommen hat und ab sofort dort den Nachwuchs schneller machen soll (wie berichtet). Der »Berchtesgadener Anzeiger« sprach mit Langen über seinen Wechsel in die Schweiz und die Gründe dafür.


Herr Langen, warum gehen Sie in die Schweiz?

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Christoph Langen: Es hat auf keinen Fall etwas damit zu tun, dass ich mit dem Deutschen Verband nicht mehr zusammenarbeiten konnte. Aber es waren am Ende viele Kleinigkeiten, die mich zu diesem Schritt bewogen haben. Ich hatte jedoch schon lange das Gefühl, dass ich zwischen unserem wichtigsten Dienstleister, der FES, dem Deutschen Olympischen Sportbund und der Mannschaft stehe und etwas blockiere. Eine derartige Konstellation ist nicht gut. Es waren da auch immer wieder Personen, die mir Probleme bereitet haben. Die Probleme mit der FES reichen bis ins Jahr 1993 zurück.

Von wem gingen die Probleme denn aus?

Langen: Nicht von mir. Denn als Aktiver hätte ich mir sehr gewünscht, einen FES-Bob zu fahren. Die FES hat in die Bobentwicklung viel Zeit und Geld investiert.

Warum hat es dann nicht mehr mit der FES geklappt, als Sie Trainer geworden sind?

Langen: Ich hatte die besten Absichten, als ich ins Team mit der FES gekommen bin. Mein Gedanke war, jetzt die schnellsten Bobs der Welt zu bauen. Nur dazu ist es nie gekommen. Nachdem unsere Bobs nicht die schnellsten waren, sah ich mich zwischen dem Institut, unserem Verband und meinen Sportlern. Ich hatte das Gefühl, in der Sache hinderlich zu sein.

Wie kam es dann zum überraschenden Wechsel in die Schweiz?

Langen: Ich hatte Angebote von mehreren Nationen. Aber ich wollte nicht nach China, Japan oder Russland, obwohl man dort viel Geld verdienen kann. Als jedoch die große Bobnation Schweiz nachgefragt hat, ob ich mir eine Zusammenarbeit vorstellen könne, gab es Gespräche.

Wie kann man sich die Arbeit in der Schweiz vorstellen?

Langen: Etwas anders als bei uns, wo die Aktiven vom Staat bestens versorgt werden. Die Schweizer haben sich mit einem neuen Präsidium, Sportchef Thomas Lamparter und Cheftrainer Wolfgang Stampfer völlig neu aufgestellt. Die Aktiven gehen im Sommer zivilen Berufen nach.

Sie hatten einen guten Stand in Ihrer deutschen Mannschaft. Tut es weh, diese starke Truppe zu verlassen?

Langen: Es ist wirklich eine geile Mannschaft mit tollen Typen, die ich nicht gerne verlasse. Mein Nachfolger René Spies bekommt eine Supermannschaft mit jungen, leistungsfähigen Athleten, die richtig Gas geben wollen. Mir tut es im Herzen weh, diese Truppe zu verlassen, aber ich muss auch an mich denken. Wir hatten immer ein gutes Mannschaftsklima und ich bin ja nicht im Streit mit dem Verband auseinandergegangen. Aber mein Gefühl signalisierte mir, irgendetwas zu blockieren. Daher kam mein Entschluss, in die Schweiz zu gehen.

Hat Ihr Wechsel in die Schweiz auch etwas damit zu tun, dass Sie aus dem militärischen Dienst ausgeschieden sind?

Langen: Diese Möglichkeit ist nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Militärdienst einfacher.

Die Schweiz hat Sie engagiert, weil sie sich von Ihnen etwas erwartet.

Langen: Ich bin seit über 30 Jahren im Bobsport, habe diesen von der Pike auf gelernt. Vom Bremser über den Piloten bis zum Trainer habe ich alles gemacht. Auch die Bobs habe ich teilweise selbst gebaut. Ferner habe ich Trainingspläne geschrieben und bin immer nah am Bobsport geblieben. Auch den Werdegang in der Athletik, Materialentwicklung sowie Fahrlinien habe ich live miterlebt.

Es gibt Bobs, die, je länger die Fahrt dauert, immer schneller werden. Vor allem schneller als die deutschen.

Langen (grinst): Da haben die Amerikaner mit dem BMW-Bob neue Maßstäbe gesetzt. Diese Bobs sind nicht einfach zu fahren, aber sie sind verdammt schnell. Wenn die Amerikaner mehrere gute Fahrer wie wir hätten, wären die Bobs noch schneller.

Was ist dran, dass der Deutsche Verband Wallner-Bobs aus Oberösterreich bestellt hat?

Langen: Angeblich hat der BSD vier Wallner-Bobs geordert. Ich sehe das deutsche Team mit seinen Toppiloten sehr gut aufgestellt. Mein Nachfolger René Spies bekommt eine sehr intakte Mannschaft, mit der er arbeiten kann. Francesco Friedrich und Johannes Lochner sind athletisch und auch in der Bahn stark. Wenn dann auch noch Nico Walther im athletischen Bereich zulegt, dann sind die Deutschen schon wieder eine Macht. Vorausgesetzt, sie bekommen die drei bis vier Prozent Defizit in der Bahn noch hin. Aber ich denke, die Schweizer werden auch wieder eine starke Konkurrenz.

Wie sieht ein Vergleich zwischen Deutschland und der Schweiz aus?

Langen: In der Schweiz müssen die Bobteams innerhalb ihrer Clubs viel mehr selbst organisieren. Da ist Deutschland ein wahres Schlaraffenland.

Wo steht der Bobsport heute international?

Langen: Der Bobsport ist eine sehr teure Sportart. Da müssen alle Nationen zusammenhelfen, um diese alte Sportart auch zu bewahren. Wir brauchen wieder richtige Europameisterschaften, denn in Übersee hat der Bobsport keinen Stellenwert. Alle europäischen Nationen müssen zusammenstehen, wir sind doch eine große Bobfamilie, in der einer den anderen braucht. Christian Wechslinger

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