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»Ich habe Inzell alles zu verdanken«

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Er freut sich über die Eishalle in Inzell und sieht die Zukunft des deutschen Eisschnelllaufs positiv: der zweimalige Olympiasieger Erhard Keller. (Foto: S. Huber)

Jeden zweiten Tag dreht er seine Runden auf der 400-Meter-Bahn in der Inzeller Max-Aicher-Arena. Ungefähr eine Stunde ist er unterwegs – und das mit 74 Jahren. »Ich versuche immer, hinter den vor mir laufenden Jugendlichen nachzuwackeln«, sagt Erhard Keller, zweimaliger Olympiasieger über die 500 Meter im Eisschnelllaufen. Seit einiger Zeit lebt er wieder in Inzell, mitten im Ort in zentraler Lage.


»Die Leute vom DEC haben mir gleich einen Rennanzug gebracht, ich habe meine Schlittschuhe geschliffen und jetzt laufe ich meine Runden.« Damit ist Keller wieder dahin zurückgekehrt, wo alles begonnen hatte – damals noch auf der Freiluftbahn am Zwingsee. Von da aus begann das Unternehmen »Gold bei Olympia« zunächst 1968 in Grenoble und vier Jahre später in Sapporo.

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»Ich bin quasi ein Urgestein der Kunsteisbahn in Inzell. Während der Bauzeit habe ich in dem Gebäude an der Bahn gewohnt. Neben der Schulzeit habe ich immer als Drahtflechter geholfen«, erinnert er sich. Sportlich profitierte der junge Erhard Keller von der Kunsteisbahn und lief gleich mal einen deutschen Rekord. Damit nutzte er seine Chance und wurde für die Spiele in Grenoble nominiert. »Die Erinnerungen daran sind immer noch ganz frisch, alles war so beeindruckend. In Grenoble kam der damalige Inzeller Bürgermeister Ludwig Schwabl in die Kabine und hat gesagt, wer heute gewinnt, braucht es nicht zu bereuen.« Nach seiner Goldmedaille hielt Schwabl das Versprechen und Keller bekam für fünf Jahre eine Gemeindewohnung zur Verfügung gestellt.

»Dadurch konnte ich optimal für die nächsten Spiele 1972 in Japan trainieren und habe dort wieder Gold über 500 Meter gewonnen, obwohl dort die Konkurrenz sehr stark war. Ich habe Inzell alles zu verdanken.« Das hat er auch in seinem Buch »74 Schritte zum Ziel – Inzell gab mir die Chance« gewürdigt.

Ein Jahr vor Sapporo gewann er in Inzell die Sprint-Weltmeisterschaft. Nach den Spielen in Japan egalisierte er erneut auf seiner Hausbahn den Weltrekord über 500 Meter (38,0) und stellte über 1000 Meter einen neuen Weltrekord (1:18,5) auf. 1973 wechselte Keller in die ISSL-Profiliga, 1980 beendete er seine Laufbahn.

Moderator von »Spiel ohne Grenzen«

Durch seine Erfolge wurde auch das Fernsehen auf Erhard Keller aufmerksam. In der ARD moderierte er rund 80 Mal die Kultsendung »Spiel ohne Grenzen«. Bei fünf Olympischen Spielen war er für ARD und ZDF Co-Kommentator. Außerdem promovierte er als Zahnarzt.

Die Entwicklung im Eisschnelllauf verfolgt er nach wie vor mit großem Interesse. Besonders fasziniert war er von der Einführung des Klappschlittschuhs. Eine Entwicklung, die schon lange zurücklag, sich aber erst Anfang der 90er Jahre auf internationaler Ebene durchsetzte. »Damit begann eine Serie von Weltrekorden und hat den Sport revolutioniert«, erinnert er sich. »Ich hätte nie geglaubt, dass die 500 Meter unter 35 Sekunden und noch weniger gelaufen würden. Selbst ich als Oldtimer merke, wie leicht und schnell man damit laufen kann.«

Die Frage, was möglich wäre, wenn er heute als junger Sportler aktiv wäre, beantwortet er mit einem Schmunzeln: »Das kann ich nicht genau sagen, ich würde aber schon vorne mitmischen.«

Besonders gerne erinnert er sich an die Karriere von Anni Friesinger. »Als 14-Jährige habe ich sie auf Wunsch ihres Vaters ins bayerische Fernsehen gebracht und dort wurde eine Sendung mit ihr gemacht. Das war ihr erster Auftritt und zum Glück kamen ja noch sehr viele dazu.«

Dass die großen Zeiten im deutschen Eisschnelllauf vorbei sind, bedauert der zweimalige Olympiasieger. Er ist aber überzeugt davon, dass in vier bis fünf Jahren wieder mit deutschen Kufenflitzern zu rechnen ist.

»Ich sehe hier in Inzell einen richtigen Boom mit talentierten Kindern und Jugendlichen. Es darf nur nicht der Fehler gemacht werden, alles zu dezentralisieren. Der gesamte Eisschnelllaufsport gehört nach Inzell und nicht nach Berlin oder sonst wohin. Die Topleute müssen hier trainieren, weil es bei uns die besten Voraussetzungen gibt.«

Deswegen war auch der Bau der Max-Aicher-Arena überlebenswichtig für Inzell. »Ich habe oft das Thema Halle angesprochen. Wir hätten keine großen Bewerbe mehr bekommen und Inzell wäre zur 'Toten Hose' geworden. Die Jugendlichen sind alle zum Biathlon und Langlauf nach Ruhpolding. Zum Glück ist die Halle gekommen, auch dank eines Max Aicher.« Der Freilassinger Unternehmer hatte früher bereits Keller unterstützt.

In Russland wird gutes Eis mit Wodka gemacht

Ein wichtiger Bestandteil des Erfolges von Inzell sind die Eismeister. Laut Keller seien diese schon immer Weltspitze gewesen. 1992 retteten sie das Eis bei Olympia in Albertville, weil die Franzosen in dieser Hinsicht überfordert waren. »Die haben es heraus, wie schnelles Eis gemacht wird.«

Gerne erinnert er sich an eine unglaubliche Geschichte in diesem Zusammenhang, was Alma Ata (Kasachstan), die damalige russische Weltrekordbahn betrifft. »Ein Verantwortlicher hat mir erklärt, die Eisbahn ist so schnell, weil sie mit Wodka überzogen wird. Wenn der Alkohol verdunstet, wird das Eis noch schneller«, erinnert er sich mit einem Schmunzeln.

Gespannt ist Erhard Keller darauf, was die Einzelstrecken-Weltmeisterschaft im Februar in Inzell bringen wird. »Es wird ein Spektakel mit knallharten Kämpfen und knappen Entscheidungen«, ist er sich sicher.

Ein gutes Gefühl hat er, was die Inzeller Teilnehmer Roxanne und Joel Dufter sowie Gabi Hirschbichler betrifft. »Der Joel ist richtig im Kommen. Der ist ein wendiger Typ und elastisch. Er ist lässig, leicht und locker. Respekt habe ich auch vor der Gabi. Die hat man abgeschrieben und plötzlich kommt die zurück und steigert sich auch noch.« Steigern wird sich wohl auch noch Erhard Keller, wenn er seine Runden in der Max-Aicher-Arena dreht und den Jugendlichen auf den Fersen bleiben wird. SHu