»Ich wollte schon immer Lehrer werden«

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Hans Metzenleitner in seinem Büro. Zehn Jahre lang war er in Bischofswiesen Schulleiter. (Foto: Kilian Pfeiffer)

Bischofswiesen – Wo soll man beginnen, wo aufhören, wenn man über ein ganzes Arbeitsleben spricht? Hans Metzenleitner hätte viel zu erzählen. Der Schulleiter der Grund- und Mittelschule in Bischofswiesen hört auf, er geht in Pension. »In der Kreis- und Gemeindepolitik bleibe ich noch erhalten«, ergänzt er. Immerhin gehört er dort schon zum Inventar. Der gebürtige Königsseer blickt zurück auf eine Zeit voller Umschwünge und Herausforderungen. Corona, Schulneubau, nur zwei Dinge, die den 67-Jährigen zuletzt intensiv beschäftigten.


Hans Metzenleitner ist in politischen Zeiten aufgewachsen, Aufbruchstimmung, mehr Demokratie, »die Gesellschaft öffnete sich«. Für Metzenleitner waren dies gute Zeiten. Er wollte Lehrer werden, das wusste er von Anfang an, »ich verfolgte den arroganten Wunsch besser zu sein als meine eigenen Lehrer damals«. In der Pädagogischen Hochschule in München-Pasing ließ er sich ausbilden, »ich bin sozusagen der letzte Mohikaner, der generalausgebildet ist für Grund- und Mittelschule zugleich«. Die Ausbildung von einst gibt es nicht mehr. Nach einem kurzen Ausflug nach Augsburg wurde er in die alte Heimat versetzt, war mehrere Jahre mobile Reserve in Bad Reichenhall, ehe es ihn in die frühere Hauptschule, die heutige Mittelschule in Berchtesgaden, verschlug.

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Jemals einen leitenden Posten zu übernehmen, »daran dachte ich ja gar nicht«, sagt Hans Metzenleitner. Trotzdem wurde er Konrektor in Berchtesgaden, seit zehn Jahren ist er der Schulleiter der Grund- und Mittelschule in Bischofswiesen. Nach seinem Ausscheiden in drei Monaten wird die Stelle gesplittet werden, es wird zwei Schulleiter geben, die sich dann miteinander besprechen müssen. Sie sitzen im selben Gebäude, zukünftig sogar Büro an Büro. Es wird weitere Veränderungen geben: Die Zusammenlegung der Mittelschulen von Berchtesgaden und Bischofswiesen steht an. Das Thema hat den Lehrer in den vergangenen Jahren häufig beschäftigt.

Vor ihm liegen die Pläne des neuen Schulgebäudes. Ein Trakt des alten Hauses wird entfernt, ein neuer gebaut werden, es wird eine Mensa und Räumlichkeiten für die offene Ganztagsschule geben, die Baukosten sollen dem Vernehmen nach bei rund 18 Millionen Euro liegen.

Schwierige Situation

Die Mittelschulen, sagt er, befinden sich in einer prekären Situation, nicht nur die des südlichen Landkreises. Seit Jahren fallen die Schülerzahlen. »Vor 17 Jahren besuchten noch 400 Schüler die damalige Hauptschule in Berchtesgaden, heute sind es nur noch 160.« Viele Schüler wählen einen anderen Weg, besuchen Realschule oder Gymnasium. Hat die Mittelschule auf Dauer Zukunft? »Die soziale Herkunft ist bedeutend für den Werdegang«, sagt Metzenleitner. Seine Kritik: »Die starre Dreigliedrigkeit unterstützt ausschließlich gefestigte Bahnen.« Peu à peu seien die Standards für alle Schulen über die Jahre hinweg abgesenkt worden. »Wenn das so weitergeht, bleibt für die Mittelschule nichts mehr übrig«, so die Befürchtung des Schulleiters, dessen Vision es einst war, eine sechsstufige gemeinsam Grundschule umzusetzen, in der mehr Zeit bleibt. Angeschlossen dann zwei Züge, zwischen denen man wählen kann.

Metzenleitner sagt, dass das Schulleben ihn geprägt hat. »Ich habe es immer sehr geschätzt, wenn ich in die Klasse gehen durfte, ich bin da einfach gerne reingegangen.« Das fällt ihm vor allem jetzt auf, da man als Chef zweier Schulen mit all der überbordenden Bürokratie konfrontiert wird, mit all den Dingen, die getan werden müssen. Ihm habe es stets als wichtig erschienen, »an der Basis zu bleiben, bei den Schülern«.

Denn das Drumherum muss sowieso erledigt werden: In Zeiten von Corona haben die Elternbriefe Ausmaße angenommen, die Metzenleitner so noch nicht kannte: »So viele wie im vergangenen Jahr habe ich noch nie geschrieben.« Fachbesprechungen, Terminkoordination, Elterntelefonate, das Lesen kultusministerieller Schreiben – alles wichtige Angelegenheiten mit Priorität, um das Schulleben am Laufen zu halten. In der Pandemie hat dieses aber stark gelitten. »Der Leistungsrückstand ist eklatant«, sagt der 67-Jährige. Noch viel schlimmer sei, dass Strukturen fehlten: »Der Mangel an sozialen Beziehungen ist gravierend.«

»Nichts läuft wunderbar«

Wo nicht immer Unterstützung von zuhause aus gegeben sei, tauchten die Schüler ab. »Momentan läuft in der Distanz nichts wunderbar – da können die Schüler noch so viele Tablets haben.« Der beste Distanzunterricht sei schlechter als ein mäßiger Präsenzunterricht. »Wir sind an einem Punkt der Pandemie angelangt, an dem jeder Tag Präsenzunterricht von unschätzbarem Wert ist.«

Natürlich gibt es auch Positives zu berichten: Denn Lob für all die Jahre erfolgreichen Arbeitens hat er für seine Kollegen reichlich übrig. Schulleben sei eben Teamleistung. »Wir haben hier ein super Team«, das sei nicht nur so dahingesagt, »das ist so«. Rund 25 Lehrer kommen auf elf Grundschul- und fünf Mittelschulklassen. Etwa 340 Kinder besuchen derzeit die Einrichtung, in der sich das offene Ganztagsmodell über die Jahre zum Erfolgsrezept gemausert hat. Der Bedarf ist so groß, dass ein Teil des geplanten Neubaus eigens dafür vorgesehen ist. Ein gutes Verhältnis zu seinen Mitmenschen sei ihm immer ein Anliegen gewesen, um all das umsetzen zu können. »Kommunikation mit allen Beteiligten an einer Schule ist das A und O.« Er pflegt ein Rektorat »der offenen Tür«. Wer Redebedarf hat, soll kommen. Damit sei er gut gefahren.

Zeit für die Enkel

Metzenleitner hätte bereits vor zwei Jahren in Pension gehen können. »Habe ich aber nicht getan, ich habe mich noch zu jung gefühlt.« Als er das sagt, lacht er. Die Zeit, in der seine Entscheidung zum Weitermachen fiel und erst mal nicht aufzuhören, verlief parallel zur Umstrukturierungsphase – die geplante Zusammenlegung der Mittelschulen des südlichen Landkreises. Hans Metzenleitner ist Teil der Planungsgruppe. Der Prozess dauert schon eine halbe Ewigkeit. Im Jahr 2024 soll dieser endlich vollzogen werden. Die Berchtesgadener Mittelschüler werden dann in Bischofswiesen Unterricht haben, sobald der Neubau steht.

Hans Metzenleitner wird dann aber schon lange im Ruhestand sein: »Mehr Zeit für die Enkel«, sagt der dreifache Großvater, der seine Freizeitaktivitäten in den vergangenen Jahren stark zurückgeschraubt hat. »Man wird mich beim Berggehen sehen oder auf einem Rockkonzert.« Zuhause hat er ein Zimmer mit einer Musikanlage, einen großen Fundus an CDs, »das ist mein persönlicher Rückzugsort«. Musik von Pink Floyd hört er dann, von Deep Purple, den Stones, die er schon oft live erlebt hat – gerne auch bei einem »guten Glaserl Rotwein«. Zunächst gilt es aber noch die letzten Wochen gut rum zu bekommen, Tage zählt er dabei keine. Seine Nachfolgerin ist bereits zugeteilt. Und wenn es möglich ist, dann will er mit seinen Kollegen natürlich auch noch mal richtig feiern. Denn das hat er immerhin schon lange nicht mehr getan.

Kilian Pfeiffer


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