Iim Sog des Vergessens: Arte-Doku »Lost Women Art«

«Lost Women Art»
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Die Videoinstallation «Ever is Over All» (1997) von Pipilotti Rist. Foto: -/Galerie Hauser & Wirth/Pipilotti Rist/Arte/MDR/dpa Foto: dpa

Moderne Künstlerinnen wie Berthe Morisot, Suzanne Valadon und Hilma af Klint feierten zu Lebzeiten auf Ausstellungen teils große Erfolge. Warum sie vergessen wurden und sie erst neuerdings wiederentdeckt werden, will »Lost Women Art« klären.


Berlin (dpa) – Wenn man Menschen auf der Straße nach den zehn bekanntesten Künstlern der Welt fragt, wird niemand auch nur eine Künstlerin nennen. So heißt es in der Arte-Doku »Lost Women Art – ein vergessenes Stück Kunstgeschichte«.

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Dabei wirkten auch Malerinnen, Zeichnerinnen und Bildhauerinnen im Laufe der Jahrhunderte erfinderisch und feierten Zeit ihres Lebens teils weltweit Erfolge auf Ausstellungen. Diesem Missverhältnis will die zweiteilige Doku von Susanne Radelhof (»Bauhausfrauen«) auf die Spur kommen.

Radelhofs bewusst feministisch gehaltene Sendungen fragen nach Mechanismen des Erinnerns sowie eines angenommenen systematischen Vergessens innerhalb der Kunstgeschichte. Dessen Grund liege »im Patriarchat«, also in männlich dominierten Verhältnissen. Teil eins am Mittwoch (9. Juni) um 21.55 Uhr lässt Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker, Kuratorinnen und Vertreter wegweisender Institutionen zu Wort kommen. Vorgestellt werden aber vor allem zu ihrer Zeit berühmte Künstlerinnen des Impressionismus und des frühen 20. Jahrhunderts. Zum Beispiel Berthe Morisot, Suzanne Valadon, Julie Wolfthorn, Helene Funke, Natalija Gontscharowa und Hilma af Klint.

»Die Kunstgeschichte ist ein sehr altmodisches Werkzeug – sie ist so alt wie das Museum«, sagt Frances Morris, die Direktorin der Tate Modern in London. Es handele sich dabei um ein Herrschaftsinstrument, das Frauen systematisch ausspare und in dem sich eine Ideologie ausdrücke. Eine These der Sendung besagt, dass Frauen sich immer wieder zwar Zugang zu kreativem Schaffen erkämpft hätten, etwa trotz des Verbots, an regulären Akademien zu studieren. Ihr Eingang in den Kunstkanon sei dann aber auch am Unvermögen gescheitert, mit Galerien und Medien Netzwerke zu knüpfen. Etwas, das in Männerbünden eben einfacher gewesen sei.

»Malweiber« nannte man um 1900 die Frauen, die auf Berliner Damen-Akademien ihr künstlerisches Handwerk erlernt hatten. Dazu zählte auch Julie Wolfthorn, die 1864 geboren wurde und 1944 im KZ Theresienstadt starb. Bis auf wenige Bilder in den Depots deutscher Museen galt ihr Werk lange als verschollen und wurde erst Anfang der 2000er Jahre wiederentdeckt. Wolfthorn malte Porträts der Berliner Oberschicht und zählte wohl zu den meistbeschäftigten Künstlerinnen Deutschlands. Sie wurde Gründungsmitglied der Berliner Secession und schuf 1906 mit ihrer Kollegin Käthe Kollwitz die Ausstellungsgemeinschaft »Vereinigung malender Künstlerinnen«.

Spannend wirken auch Leben und Werk der aus Chemnitz stammenden Frühexpressionistin Helene Funke (1869-1957), die in Paris mit der Avantgarde der »Fauves« in Kontakt kam und sich zur Malerin von Frauen entwickelte. Rudelhofs Doku macht außerdem mit der Arbeit der Organisation AWA (Advancing Women Artists) bekannt. Die Expertinnen im italienischen Kulturmekka Florenz engagieren sich seit 2006 dafür, bedeutende weibliche Kreative dem Staub des Vergessens zu entreißen. Sie entdecken neu, arbeiten wissenschaftlich auf, restaurieren und zeigen die Schätze öffentlich. So wie das Werk von Elisabeth Chaplin (1890-1982), von der 600 Arbeiten in den Depots der Uffizien geschlummert hatten.

© dpa-infocom, dpa:210607-99-897937/3

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