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Im Bannkreis des Blutsaugers

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Alfred aus Fleisch und Blut mit Graf Krolok mit Lust auf Blut – zwei »Figuren« des »Theaters con Cuore«. (Foto: HaG)

Puppenspiel? Heute noch? (Gehört doch ins vorvorige Jahrhundert.) Auch für Erwachsene? (Ist doch Kinderkram.) Stopp! Heute ist aus »Pole Poppenspälers« armselig-mitleiderregender Kunst, von der Theodor Storm so anrührend erzählte, längst »Figurentheater« geworden. Und es gibt, landauf, stadtab, sogenannte Figurentheatertage oder gar -wochen, die hohen und höchsten theatralischen Ansprüchen genügen und, wie es Jung und Alt beispielhaft in Waldkraiburgs Haus der Kultur erleben konnte, ein Publikum anlocken, das sich für die ungeahnten Variationsmöglichkeiten angesehener Puppentheaterkünstler erwärmen, ja begeistern kann.


Eine weite schellenrasselnde Fahrt in die winterlich verschneiten Karpaten unternehmen zwei seltsame Gestalten auf einem Holzschlitten, ein Braunbärenfell und dicke rote Wollgamaschen als Schutz vor klirrender Kälte als Reiseausstattung. Die eine der Gestalten: ein jüngerer, gut im Futter stehender Mensch aus Fleisch und Blut, die andere: ein zaundürres, schütteres, beinebaumelndes Männchen aus Holz. Es sitzt dem kräftigen Burschen auf den Knien.

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Dass es ein Königsberger Professor ist, der mit seinem Adlatus Alfred auszog, um der Vernichtung des Bösen auf den Grund zu kommen, erfährt man gleich zu Anfang. Um dann 75 Minuten lang einer, wie richtig angekündigt, atemberaubenden, kurzweilig dramatisierten Geschichte mit bedrohlichen Fledermäusen, neckischen langschwänzigen Ratten, Holzsärgen mit schlecht schließenden Deckeln, Donner-und-Doria-Gruseln schon in der Schänke des alten Jeuni Schagal und seiner sexy Tochter Sarah zu folgen, in die sich der täppische Alfred verguckt, die aber bald – wie das Publikum gleichermaßen – unweigerlich in den Bannkreis Seiner Exzellenz des blutsaugenden, sogar ältliche Jungfern genüsslich vernaschenden Grafen Krolok auf dem nahen Schloss gerät und lange auf Erlösung, natürlich durch Alfred, warten muss.

Arme Sarah? Ach, der große Saal im Haus der Kultur zu Waldkraiburg bebte und zitterte, mal stöhnend, mal hell auflachend, mit der schönen Maid, wohl wissend, dass diese den Fängen des blassen Blaublut-Ungeheuers mit Lust auf Rotblut, der in der Tat täglich wenigstens einen halben Liter Lebenssaft nötig hat, entkommen wird.

Schönschauriges Gruseln. Gruseliges Bibbern. Und immer wieder: Basses Erstaunen über die grandios beherrschte Kunst, die die beiden Protagonisten des mit dem Stück »Die furchtlosen Vampirkiller« gastierenden »Theaters con Cuore« beherrschen wie wohl kaum ein vergleichbares Team. Im Nu wechseln die phantastisch kostümierten Spieler von einer Stimme, von einer Charakterpartie in die andere, bedienen nebenher, gezielt und mit fingerfertiger Raffinesse, einen ganzen kleinen Thesbiskarren-Kosmos schönster Requisiten, zauberhaft gefertigt, kunstvoll ausstaffiert, vor allem aber im Handumdrehen changiert und mit einem derart heiligen Ernst dargeboten, dass es einem den Odem raubt. Freilich immer nur für eine kleine Zeit. Zwischendurch lässt man das gebannt sitzende Publikum wieder durchschnaufen. Und darüber nachdenken, wie der augenzwinkernde Killer-Thriller weiter- und ausgeht.

Ein En-miniature-Theater-Ereignis der Sonderklasse war in Waldkraiburg zu erleben. Einmal mehr kam man als Zuschauer mit sich selbst als Fernsehender ins Unreine, was durchaus heilsam ist. Lieber einmal pro Monat ein solch fraglos eindrückliches Live- als allabendlich ein fragwürdig bedrückendes Glotze-Erlebnis. Hans Gärtner