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»Im geistigen Raum – Kirchner und Kirchnerschüler«

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Kirchner und Kirchnerschüler: Eine Gesamtansicht der ARTS Akzente-Ausstellung im Kunstraum Klosterkirche mit einer Spirale von Paul Fuchs im Vordergrund. (Fotos: Morgenroth)

Der Kulturförderverein ARTS überrascht jedes Jahr in seiner ARTS Akzente-Ausstellung mit abwechslungsreichen, interessanten und hochkarätigen Präsentationen. War im letzten Jahr der Schwerpunkt die Malerei, so bestimmt in diesem Jahr die Bildhauerei das Ausstellungsprogramm. »Im geistigen Raum – Kirchner und Kirchnerschüler« ist der Titel der diesjährigen Ausstellung, in der Plastiken und Skulpturen großer Bildhauerpersönlichkeiten präsentiert werden.


Heinrich Kirchner ist in unserer Region kein Unbekannter, lebte und wirkte er doch von 1970 bis zu seinem Tode am 3. März 1984 in dem kleinen Ort Pavolding. Viele Ausstellungsbesucher werden sich noch an die überlebensgroßen, zum blauen Himmel hochragenden Plastiken erinnern, die in ländlicher Natur mit der Bergwelt im Hintergrund in Pavolding standen.

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Heinrich Kirchner

Heinrich Kirchner wurde am 12. Mai 1902 in Erlangen geboren und studierte an der Akademie der Bildenden Künste in München, der École nationale supérieure des beaux-arts und an der Académie Julian in Paris Bildhauerei. Die Technik des Bronzegusses im Wachsausschmelzverfahren erwarb er sich autodidaktisch. 1932 wurde er Leiter der Werkstätte für Bronzeguss an der Akademie der Bildenden Künste in München, wo er ab 1952 eine Professur erhielt, die er bis 1970 ausübte.

Heinrich Kirchner zählt bis heute zu den bedeutendsten deutschen Bronzeplastikern. Er schuf Porträts, Akte, biblische Figuren, Tiere und kleinplastische Gruppen, die wie etruskische Grabfunde wirken. Die Natur und das Verhältnis, das der Mensch im Laufe seiner Geschichte ihr gegenüber entwickelt hat, gehören zu den Leitmotiven in seinem Lebenswerk. Kirchner war ein Meister in der Beherrschung der handwerklichen Mittel wie auch im Umgang mit Materie und Material und sicher in der Wahl der Vorbilder.

Er reduzierte in seinem Spätwerk seine Figuren auf Grundformen, bei denen jede überflüssige Einzelheit weggelassen wurde, dabei überschritt er aber nie die Grenze zur gänzlichen Abstraktion. In der Traunsteiner Präsentation ist dies an den zwölf ausgewählten Exponaten gut zu erkennen. Der »Friedensbote« am Eingang im Außenbereich der Klosterkirche lässt bereits erahnen, mit welchen Werken der Besucher sich auseinanderzusetzen hat. Im inneren des Kirchenraumes ist wie ein Wächter Kirchners überlebensgroßer »Adam« mittig am Eingang zur Apsis platziert, dahinter sind seine kleineren Bronzearbeiten »Eiermann«, »Lynkeus«, »Prometheus«, »Hl. Severin« und die »Radlerin« aufgestellt; jeweils eine Arbeit seiner Meisterschüler begleitet seine Arbeiten im Chorabschluss. In der linken Seite in der Apsis ist Kirchners ausdrucksstarke Plastik mit dem Titel »Stürzender Reiter« positioniert.

Die Bewältigung der monumentalen Form bei doch harmonisch ausgewogenen Proportionen war Kirchner sehr wichtig. Aber auch das Abweichen von der Symmetrie ist in Kirchners Plastiken bezeichnend und erzeugt die Spannung in jeder einzelnen Figur. Die sichtbar eindringliche Formsuche und -findung legt nicht nur Zeugnis von einem unverwechselbaren Stil ab, sondern gibt vor allem Einblick in eine Welt ergreifender Geistigkeit. Kirchner lehrte als Professor 18 Jahre lang und gab in dieser Zeit sein Wissen und Können an seine Schüler weiter.

So entstand die Idee des Kulturfördervereins ARTS, nicht nur eine Einzelausstellung mit Werken von Heinrich Kirchner zu zeigen, sondern sie mit Werken seiner vier bedeutenden Meisterschüler zu kombinieren. Die Zusammenstellung mit Arbeiten von Lothar Fischer, Paul Fuchs, Jürgen Hochmuth und Egon Stöckle gibt Aufschluss, Einsicht und einen Überblick, wie seine Schüler arbeiten, welches handwerkliche Können sie bei ihm gelernt haben, wie sie sich entwickelt haben, welche Themen sie aufgreifen und bildhauerisch umsetzen und zu welchen eigenen Stil sie gelangt sind. Anhand von ausgewählten Exponaten wird dies in der Traunsteiner Ausstellung sehr deutlich dokumentiert. Der Ausstellungsbesucher kann sich gut orientieren und erkennen, zu welchem Bildhauer die jeweils ausgestellten Arbeiten gehören.

Lothar Fischer

Lothar Fischers Werke wurden nahezu zentral in der Mitte im langgezogenen Kirchenraum aufgestellt, sein »Großer Schreitender« und der »Hl. Martin« von Kirchner bewegen sich aufeinander zu und bilden eine interessante Diagonale im Ausstellungskonzept. Gleich erkennbar ist der eigenwillige und ganz andere Stil der sechs ausgestellten Werke aus Bronze und Eisen von Fischer. Lothar Fischer wurde am 8. 11. 1933 in Germersheim in der Pfalz geboren und studierte von 1952 bis 1957 bei Heinrich Kirchner in München. 1957 gründete er die Gruppe »SPUR«, 1958 absolvierte er das Staatsexamen für das künstlerische Lehramt und Hochschuldiplom. Es folgten Stipendien und Aufenthalte in Rom. Von 1975 bis 1997 war er Professor an der Hochschule der Künste in Berlin, wo er im Wechsel mit München lebte und arbeitete. Er ist am 15. 6. 2004 gestorben.

Zwei bildnerische Konstanten zeichnen sein plastisches Werk seit seinen Anfängen im Informel der fünfziger Jahre aus: Sein Sujet ist die menschliche Gestalt, sein formbildnerisches Material der Ton und Bronzeguss. In äußerster Reduzierung des Ausdrucks auf das Wesen der lebendigen Form entstanden archetypische Figuren, in denen sich Tradition und Moderne auf ungewöhnliche Weise zur Einheit verbinden. Auf der einen Seite steht die künstlerische Auseinandersetzung mit den mythologischen Stoffen der Menschheitsgeschichte, auf der anderen Seite die bildnerische Gestaltung und die Verwandlung aus dem Geist unserer Zeit. Verwandlung ins Fragmenthafte, ins Monströse oder ins beunruhigend Verfremdete, Provozierende; oftmals eine harte, fast absurde Brechung und Kantung des Menschenkörpers.

Paul Fuchs

Gleichen Jahrgangs und zeitgleich als Meisterschüler bei Heinrich Kirchner waren Paul Fuchs und Egon Stöckle von 1958 bis 1963/64. Paul Fuchs wurde 1936 in München geboren, absolvierte eine Ausbildung als Kunst- und Bauschlosser und war sechs Jahre Meisterschüler bei Kirchner. Seit 1967 setzt er sich intensiv mit neu erfundenen Musikinstrumenten auseinander und entwickelt das Projekt »Anima-musica«. Seit 1975 baut er Therapieinstrumente, Ballastsaiteninstrumente, Klangskulpturen, erarbeitet Bild- und Klangkompositionen und gibt Konzerte. Seit 1996 entstehen seine freischwingenden Stahlskulpturen in Italien und Deutschland, von denen einige in der Ausstellung zu sehen sind.

Bereits beim Betreten der Ausstellung steht man direkt vor einer seiner spiralförmigen Arbeiten, und man bemerkt die Leichtigkeit, die Luftigkeit und Transparenz, die diesen Skulpturen innewohnt. Seine 17 präsentierten Arbeiten sind auf der linken Seite des Kirchenschiffes zu sehen. Neben seinen Bronzearbeiten werden Arbeiten aus Eisen und Stahl gezeigt, die markante Akzente in der Ausstellung setzen. Eisendraht und -bahnen sowie Stahl scheinen für Paul Fuchs spannender zu sein als eine vollplastische Figur. Er ist ein Bildhauer, der sein Material eigenhändig formt, biet und knickt. Jeder Griff ist ein gestalterischer Primärakt zur Erkundung des Raums. Jeder Kurvenschwung setzt Bewegung in Gang. Jedes Ausfahren entlädt, jedes Zusammendrücken staut kinetische Energie. Seine auf Textilmaterial gedruckten, großformatigen Farbfotografien von Großprojekten in der Landschaft sind an den beiden Seitenwänden des Kirchenschiffes platziert; sie beeinträchtigen allerdings stark das Gesamtbild der Ausstellung und mindern allein schon durch die Farbe das Niveau der Präsentation.

Egon Stöckle

Egon Stöckle wurde 1936 in Kaufbeuren geboren und absolvierte von 1954 bis 1958 ein Studium der Theologie und Philosophie, anschließend studierte er an der Akademie der Bildenden Künste in München und war Meisterschüler bei Heinrich Kirchner. 1964 erfolgte ein Stipendium des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes in Irland, im Anschluss daran war er in verschiedenen Gießereien in Ascholding und in Oberfinning tätig. Seit 1979 lebt und arbeitet er in Hohenfurch/Lech. Stöckle ist mit vier Arbeiten in der Klosterkirche vertreten, die auf der linken Seite vor der Apsis aufgestellt sind. Es sind dies äußerst eindringliche Arbeiten aus Bronze, Holz und Eisen mit den Titeln »Paar männlich weiblich«, »Großes Gesicht« und »Mutter mit Kind«. Außerdem sind zwei Tore aus Bronze im Stadtpark bei der Kriegergedächtniskirche zu sehen.

Bei der Arbeit »Paar« visualisiert Stöckle allein schon durch die Formensprache das dargestellte Geschlecht, kantig das männliche, rund die Weiblichkeit. Seine Exponate zeigen nicht nur die Spannweite zwischen streng Gebautem und freiem Spiel und das Verhältnis, in dem beides zueinander in Beziehung gesetzt ist, sondern auch den Willen zur Ausgewogenheit, um nicht zu sagen: zur Harmonie. Große Anziehungskraft besitzt sein Werk »Das Gesicht«. Frei im Raum stehende und voneinander getrennt senkrecht aufgerichtete »Holzformen« symbolisieren ein überdimensionales Gesicht, in dem jede Form am Ende mit einem einzelnen Gesichtsteil wie Auge, Mund oder Ohr mit unterschiedlichen Höhen abschließt.

Jürgen Hochmuth

Jürgen Hochmuth wurde 1945 in Würzburg geboren, studierte Philosophie und Kunstgeschichte und war 1967 in der Bildhauerklasse von Professor Heinrich Kirchner und 1970 Meisterschüler bei Kirchner. Hochmuth absolvierte 1971 die Prüfung für das Lehramt an Gymnasien und war bis 2006 Kunstpädagoge in Würzburg. Seine Arbeiten im Kunstraum Klosterkirche sind auf der rechten Seite des Kirchenraums aufgestellt.

Jürgen Hochmuth hat sein Werk auf eine Formensprache reduziert, die sich als bestimmender Faktor seiner Gestaltungen herausbildet. Er liebt die Vielfältigkeit in der Zeichnung und ihre Möglichkeit infolge größerer Spontaneität, während er in der Plastik, bei seinen Objekten überwiegend aus Eisen stärkere Reduktion und Knappheit erreicht. Die Zeichnungen sind für ihn eine zweite, gleichwertige Ausdrucksmöglichkeit. Sie bilden zum skulpturalen Werk eine Parallele. Diese Gegensätzlichkeit führt zu einer gewissen Bereicherung des Gesamtwerks. Seine insgesamt 42 präsentierten Arbeiten zeigen Zeichnungen und Objekte in denen die Architektur, Häuser, die Behausung als solches und der Lebensraum des Menschen eine signifikante Rolle spielen. Dachformation und Baukörper, gezeichnet mit Asphaltlack und Kreide oder dreidimensional in gewichtige Miniaturen umgesetzt, bilden seinen Ausstellungsschwerpunkt. Dabei widmet er sich ganz der Präzision und Perfektion in der Herstellung seiner Objekte. Klarheit und Einfachheit werden zum Endpunkt gebracht, an dem sich nicht mehr viel steigern lässt.

So zeigt sich die Traunsteiner Präsentation als eine sehr ausgewogene Kunstschau mit gekonnter Platzierung der Exponate. Obwohl sich die vier Meisterschüler in einer jeweils ganz anderen Formensprache mit verschiedenen bildhauerischen Material bewegten und bewegen, sind jedoch die Grundgedanken und Themen Kirchners immer spürbar: wie Mensch, Natur und Religion ein nahezu verwandtschaftliches Verhältnis eingehen. Den Menschen und die Natur im Einklang und in Verbindung zum »Göttlichen« darzustellen, wird von den Meisterschülern weitergeführt und mit ihrer eigenen bildhauerischen Sprache umgesetzt.

Die äußerst sehenswerte Ausstellung ist bis zum 14. Oktober zu sehen und Dienstag bis Freitag von 15 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 15 Uhr geöffnet. Eine Führung durch die Ausstellung mit Gottfried Stritar findet am 3. Oktober um 18 Uhr statt. Gabriele Morgenroth