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Im polarisierenden Eifer dieses Gefechts

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Cyrano (Christoph Wieschke) liebt die schöne Roxane (Tina Eberhardt), fühlt sich ihr aber unwürdig. Das Salzburger Landestheater zeigt eine eigenwillige Inszenierung des Stücks. (Foto: SLT/Löffelberger)

»Auf seinen Lippen küsst sie meine Worte«: Ein Satz, den man sich mal auf der Zunge zergehen lassen muss. Wie geht das denn? Das können Zuschauer in einer bemerkenswerten Inszenierung des Salzburger Landestheaters herausfinden: »Cyrano de Bergerac«. Dort ist der »langnasige Held« aus Edmond Rostands romantischer Komödie derzeit in einer gewagten und eigenwilligen Inszenierung zu sehen. Eigenwillig, erfinderisch und sehr mutig, wie der Titelheld der Degen- und Mantelkomödie selbst, ist Carl Philip von Maldeghems Inszenierung, die nun in Salzburg Premiere gefeiert hat.


Mit seinem romantisch-komödiantischen Versdrama »Cyrano de Bergerac« macht der französische Schriftsteller Edmond Rostand 1897 seinen Landsmann aus dem 17. Jahrhundert einem breiten Theaterpublikum bekannt. Neben zahlreichen Musicalversionen sorgt eine Verfilmung mit Gérard Depardieu in der Rolle des aufbrausend-heißspornigen und liebestollen Titelhelden mit dem mächtigen Zinken dafür, dass Cyrano im kollektiven Gedächtnis bleibt.

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Assoziativ schießen dem Zuschauer bei diesem Werk zwei Dinge in den Kopf: Mördernase und große Liebe. Doch diese beiden fallen in Maldeghems Inszenierung eher nicht so groß aus. Christoph Wieschke als Cyrano hätte schon eine größere »Prothese« vertragen und auch seine Liebestollheit zur schönen Roxane (Tina Eberhardt) wäre ausbaufähig. Mehr noch irritierte, dass Cyranos Geschichte »von hinten aufgerollt«, also rückblickend aus der Sicht Roxanes, die sich zurückgezogen in einem Kloster in die Vergangenheit träumte, entsponnen wurde. So wurden die Nonnen in ihrer Fantasie zu Mitspielenden, was in der Konsequenz hieß, dass alle stücktragenden Rollen von Schauspielerinnen gespielt wurden. Da war nun wirklich das Publikum gefordert. Umdenken hieß es, wenn auch in derselben Handlung des Stück bleibend – und raus aus der Hängematte gewohnter geschlechtsspezifischer Stolperfallen: Ein Mann, der rein äußerlich zwar keine Augenweide ist, dafür aber den äußeren Makel seines Riesenzinkens mit umso schöneren Wort- und Textergüssen kompensiert und noch dazu ein exzellenter Fechter ist. Wer ihm blöd kommt, dem geht’s also gleich doppelt an den Kragen.

Sein Drama: Er liebt die schöne Roxane, fühlt sich ihrer aber, ob seiner Hässlichkeit, unwürdig und muss mitansehen, wie seine Angebetete von gleich zwei Verehrern umgarnt wird: Der eine, schön, aber dümmlich – Christian de Neuvillette (Nikola Rudle). Der andere, reich aber verheiratet – Graf de Guiche (Janna Ramos-Violante). Für Roxane aber gibt es nur einen: Christian.

Wenn es gilt, die Lust mit heißen Worten zu schmücken, ist Christian tumb und einfallslos, Cyrano aber ein romantischer Dichter. Also schenkt Cyrano dem Nebenbuhler seine Verse, lässt ihn die allerherrlichsten Liebesbriefe schreiben, »seine« Worte sprechen, souffliert ihm unter düsterem Balkon die eigenen Liebesschwüre und genießt seinen Triumph aus der Ferne. »Auf seinen Lippen küsst sie meine Worte.«

So gewinnt Christian Roxanne, die sich aber, wie sich später herausstellt, doch deutlich mehr für den Inhalt als die Verpackung begeistert. Touché! Das ist wahrlich eine große Liebesgeschichte, deren enttäuschender Ausgang Roxane schließlich ins Kloster gehen lässt. Keine Frage: Das Ensemble gab sein Bestes beim Pöbeln, Fechten und Raufen. Doch im Eifer dieses »Gefechts« glitt dieser Cyrano de Bergerac in Richtung Persiflage ab, die scheinbar weder dem Werk noch den Schauspielern wirklich guttat.

Gelungene Pointen, aberwitzige Situationskomik, rasante Dialoge aus wirklich geschliffen scharfen Worten und die wirklich komische »Balkonszene« machen das Stück dennoch zu einem unterhaltsamen Theaterabend, der somit letztlich dem Auftrag guten Theaters gerecht wird: Er polarisiert.

Kirsten Benekam

Italian Trulli