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Immer mehr Sexvideos werden verschickt – »Das kann enorme psychische Folgen haben«

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Immer mehr Sexvideos beim Dating: »Das kann enorme psychische Folgen haben«
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Für Eltern ist es wichtig, dass sie wissen, welche Bilder ihre Kinder auf dem Handy haben und welche Videos sie verschicken. Die Polizei hat Präventionsmaßnahmen erarbeitet, denn es häufen sich die Fälle, in denen Jugendliche zu Opfern – oder Tätern – werden.

Wer verliebt ist, macht sich meistens wenig Gedanken. Doch das kann schlimme Folgen haben – vor allem für Jugendliche, die sich mit Nacktbildern und Videos erpressbar gemacht haben. Die Kriminalstatistik des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd verzeichnet einen deutlichen Anstieg bei den Fallzahlen, in denen Jugendliche bei der Benutzung von Smartphones Opfer von gewaltverherrlichendem oder sexualisiertem Bildmaterial im Internet werden.


Doch sie sind nicht nur Opfer, sondern auch Täter. Wer Videos mit kinderpornografischem Inhalt teilt, macht sich strafbar, sagt Stefan Sonntag vom Polizeipräsidiums Oberbayern Süd im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt. Und das komme immer wieder vor. »Oft ist dieser Altersgruppe nicht bewusst, dass hinter einem versandten Bild oder Video ein reales Gewaltverbrechen wie sexueller Missbrauch oder eine andere strafbare Handlung stehen kann«, sagt der Polizeihauptkommissar.

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Das Polizeipräsidium Oberbayern Süd habe deshalb ein altersgerechtes Präventionskonzept für Schüler entwickelt. Denn allein im vergangenen Jahr gab es 250 Ermittlungsverfahren wegen des Verbreitens pornografischer Schriften in WhatsApp-Gruppen im südlichen Oberbayern. Dadurch sei es zu einer deutlichen Steigerung (69 Prozent) im Vergleich zum Jahr 2018 (148) gekommen, wie Sonntag sagt.

In den meisten Ermittlungsverfahren wurden als Verbreiter Kinder und Jugendliche identifiziert, die in Chatgruppen von Schulklassen strafbare Inhalte teilten. Diese Inhalte bestanden laut Polizei aus kinderpornografischen oder tierpornografischen Videos und Bildern.

Kinder- und Tierpornos in 8. Schulklasse verschickt

Erschreckend sei dabei das Alter, sagt Polizeihauptkommissar Stefan Sonntag. Er berichtet von einer Schule, an der in 8. und 9. Klassen Kinder- und Tierpornos die Runde gemacht hätten. Das Ergebnis: Straf- und Ermittlungsverfahren gegen zehn beschuldigte Jugendliche und strafunmündige Kinder wegen Verbreitung von pornografischen sowie gewalt- und tierpornografischen Schriften, die gegen die drei Hauptverbreiter mit erzieherischen Maßnahmen nach dem Jugendgerichtsgesetz geendet hätten.

»Ich liebe Dich – Schick mir ein Bild von Dir«

Doch auch ein anderes Phänomen ist unter Jugendlichen zu beobachten: der Versand von eigenen Nacktbildern oder Videos mit sexuellen Handlungen über Messengerdienste und soziale Medien. Polizeihauptkommissar Stefan Sonntag nennt ein Beispiel: Ein 14-jähriges Mädchen ist verliebt in einen 16-jährigen Jungen. Aus Liebe schickt sie ihm ein Nacktfoto von sich und denkt dabei nicht an die Folgen. Wenige Wochen später beendet sie die Beziehung zu ihm. Da der 16-Jährige nicht damit einverstanden ist, erpresst er das Mädchen damit zu sexuellen Handlungen. Andernfalls würde er das Nacktfoto von ihr, das er nach wie vor auf seinem Handy hat, über soziale Medien oder Chats verbreiten.

Noch gravierender seien Fälle, in denen die Opfer ihren vermeintlichen Partner oder ihre Partnerin nur über das Internet kennen, sagt Stefan Sonntag. Sie führten quasi eine Cyber-Beziehung, ohne sich jemals persönlich kennengelernt zu haben. »Im Chatverlauf kommt es dann irgendwann zum gegenseitigen Austausch von persönlichen Fotos, auch Nacktbildern. Der oder die Täter am anderen Ende der Internetleitung fordern dann immer mehr, bis zu Videos von sexuellen Handlungen der Opfer an sich selbst. Ansonsten, so drohen die Täter, werden die bereits verschickten Fotos offen ins Internet gestellt oder über soziale Medien geteilt«, sagt der Hauptkommissar.

So erst kürzlich geschehen im Landkreis Traunstein. Ein Mädchen hatte über geraume Zeit mit einem angeblichen »Jason« (Name von der Polizei geändert) gechattet, mit dem es in der Folge eine Cyber-Beziehung einging. In einem Video-Chat mit »Jason« nahm das Mädchen schließlich sexuelle Handlungen an sich selbst vor. Was die 14-Jährige zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: »Jason« hatte das Video aufgezeichnet und bedrohte und erpresste die Teenagerin damit. Das Mädchen vertraute sich schließlich ihren Eltern an und erstattete Anzeige bei der Polizei.

Solche oder ähnlich gelagerte Fälle würden die zuständigen Fachkommissariate der Kriminalpolizeidienststellen beinahe täglich erreichen, betont Stefan Sonntag, der weiß, dass dies enorme psychische Folgen für die Opfer haben kann: Angst, Scham, Traumatisierung, Schlaflosigkeit und Probleme im Alltagsleben könnten daraus resultieren.

Prävention in den Schulen und Tipps für Eltern

Zusammen mit den Jugendbeamten der örtlichen Polizeiinspektionen hat das Polizeipräsidium Oberbayern Süd nun zielgerichtete Präventionsmaßnahmen erarbeitet, um vor allem die junge Generation auf die hohen Gefahren aufmerksam zu machen, die mit dem unüberlegten Umgang mit gewaltverherrlichenden oder sexualisierten Inhalten verbunden sind. Hauptsächlich in weiterführenden Schulen werden die Jugendbeamten bei Bedarf – Schulen können sich auch jederzeit an das Polizeipräsidium wenden – Vorträge halten und die Jugendlichen in Gesprächen auf die Folgen der Verbreitung von solchen Inhalten hinweisen.

Für die Eltern von jungen Smartphone-Nutzern hat die Polizei folgende Tipps zur Hand:

  • Seien Sie Partner Ihres Kindes und bieten Sie sich als vertrauens- und verständnisvoller Ansprechpartner an, sollte doch mal etwas schiefgelaufen oder etwas Unerwünschtes auf dem Handy gelandet sein.
  • Sprechen Sie offen mit Ihren Kindern über die Gefahren und Folgen, die im Zusammenhang mit dem Verbreiten von pornografischen oder strafbaren Inhalten stehen und dass auf einmal versandte Fotos oder Videos kein Einfluss mehr besteht.
  • Zeigen Sie Ihren Kindern auf, welche psychischen Folgen vor allem für die Empfänger und Opfer von pornografischen oder strafbaren Inhalten entstehen können (Angst, Scham, Schlaflosigkeit, Probleme im Alltagsleben usw.).
  • Nutzen Sie Beratungs- und Hilfsangebote (Jugendsozialarbeit, Jugendamt, örtliche Polizeiinspektion, etc).

Weitere Informationen der Polizei, rund um das Thema Smartphone und Internet für junge Menschen, Eltern und Pädagogen gibt es auf der Homepage www.polizeifürdich.de. KR