Impfen, testen, Sprechstunde: Corona bringt die Praxisteams von Hausärzten an ihre Grenzen

Impfen, testen, Sprechstunde: Corona bringt die Praxisteams von Hausärzten an ihre Grenzen
Bildtext einblenden
Sieglinde Flatscher ist gelernte medizinische Fachangestellte und Praxismanagerin in einer Hausarztpraxis. Die Belastung für das Praxisteam ist auch wegen Corona immens: »Wir sind am Anschlag.«

Ruhpolding – »Wir sind am Anschlag«. In Sieglinde Flatschers Stimme schwingt eine Mischung aus Verzweiflung und Frustration mit. Und es ist ein Hilferuf, mit dem sich Flatscher an die Redaktion des Traunsteiner Tagblatts wendet. Seit 30 Jahren ist die 48-Jährige als Medizinische Fachangestellte (MFA) – das, was im Volksmund gerne als Arzthelferin betitelt wird – tätig. Seit zehn Jahren managt sie zudem die Hausarztpraxis Sebastian Bähr und Dr. Birgit Sauter in Ruhpolding. Doch Zustände, wie sie derzeit auch in den Hausarztpraxen in der Region vorherrschen, hat sie in drei Jahrzehnten ihres Berufslebens nicht erlebt. Schuld daran: die Coronapandemie.


Das Praxisteam kommt sich derzeit vor wie die sprichwörtliche Eier legende Wollmilchsau. »Wir müssen impfen, symptomatische Coronaverdachtsfälle testen, frischoperierte Patienten versorgen, die schon wenige Stunden nach der OP nach Hause geschickt werden, weil nur noch ambulant operiert wird, im Seniorenheim Fälle betreuen, Hausbesuche machen, und ganz nebenbei noch die normale Hausarztsprechstunde abhalten«, beschreibt Flatscher derzeit den Alltag in der Ruhpoldinger Hausarztpraxis.

Gerade schnellen in Ruhpolding, ein Ort mit unterdurchschnittlicher Impfquote, die Coronafälle in die Höhe und stellen das Praxisteam vor eine zusätzliche Herausforderung. »Inzwischen haben wir einen Container im Hof stehen, in dem wir auf Corona testen, um Gesunde und Verdachtsfälle nicht zusammen zu bringen.« Resigniert schiebt sie nach, »gesunde Patienten haben wir fast nicht mehr, alle sind krank, Husten, Fieber, Atemnot, viele Kinder sind darunter.« Der Coronatest liefere dann nur noch das Ergebnis, was meist offensichtlich ist: Sars-Cov2-positiv. »Gefühlt ist das Ergebnis von 85 Prozent der Tests derzeit positiv.« Auch wenn das Praxisteam überwiegend keine Angst vor einer eigenen Infektion hat, weil man nun ständig mit infektiösen Patienten in Berührung kommt, ist dieses Ausmaß doch frustrierend.

Patienten würden hin und her geschoben

Natürlich sieht die erfahrene MFA, unter welchem Druck die Krankenhäuser stehen, dass jeder Patient, der nicht zwangsweigerlich in der Klinik versorgt werden muss, nach Hause geschickt wird. Sie nennt das Beispiel eines Patienten, der nach einer ambulanten Armfraktur-OP bereits nach sieben Stunden entlassen wurde, mit einer Packung Schmerzmittel für die Nacht. »Normalerweise sehen wir solche Patienten nach fünf Tagen, in einem stabilen Zustand zum Verbandswechsel oder zum Fädenziehen«, beschreibt die 48-Jährige die Situation. Ein frisch operierter Patient, schlimmstenfalls alleinlebend und alt, könne sich dann oft gar nicht selbst versorgen. Zudem benötigt er eine viel intensivere Versorgung als jemand, der erst nach einigen Tagen entlassen werde. Zeit, die man in der Praxis nicht hat. »Wenn wir dann den Pflegedienst bitten, sagt der auch nur, 'wir haben keine Kapazitäten'«. Patienten würden hin und her geschoben. Denn egal, wohin man in der Pflege derzeit schaue – vom Krankenhaus bis zu den ambulanten Versorgungsteams wie Hausarztpraxen – es fehlt an Personal. »Und die, die noch da sind, sind ausgebrannt, gehen in Teilzeit oder kündigen«, bringt es Flatscher auf den Punkt. Unter dieser Dauerbelastung jemanden immer und immer wieder zu motivieren, fällt zunehmend schwer. Auch in ihrem Praxisteam habe jüngst eine Kollegin gekündigt. »Sie arbeitet jetzt in der Radiologie, ein angenehmer, ruhiger Job.«

»Wer will den Job noch machen?«

Verstehen kann Flatscher jede Seite. Das aufgrund der Coronapandemie überlastete Personal in den Krankenhäusern genauso wie die am Anschlag arbeitenden ambulanten Pflegedienste. Hängen bleibe daher viel mehr als üblich an den Teams in den Hausarztpraxen. Zusätzliche Arbeit, Fälle, Patienten – nein danke, soll sich doch der andere d'rum kümmern. »Ich habe das Gefühl, alles fährt gerade an die Wand.« Stellenausschreibungen blieben ohne Bewerber, vergeblich habe man sich um einen Azubi bemüht. »Wer will bei der Belastung diesen Job noch machen?« Dabei sei es ein erfüllender Beruf.

Leidtragende sind letztlich die Patienten, die ebenfalls mit Unverständnis auf die Situation reagieren, wenn sich keiner für sie zuständig fühlt. »Wir mussten uns schon als Mörder oder Arschloch beschimpfen lassen, weil jemand nicht binnen der nächsten halben Stunde einen Termin bekommen hat.« Und jetzt komme noch das Chaos bei den Boosterimpfungen hinzu. »Wir haben es heuer schon mal mit Moderna probiert, doch die Leute wollen Biontec.« An sich spreche aus medizinischer Sicht überhaupt nichts gegen eine Kreuzimpfung mit dem mRNA-Impfstoff von Moderna, betont auch Hausarzt Sebastian Bähr. Allein es fehle die Akzeptanz in der Bevölkerung. Zudem bedeute es auch nicht, nur weil der Impfstoff von Moderna nun angepriesen werde, dass er für Hausarztpraxen zur Verfügung stehe. Und jetzt wird der Impfstoff von Biontec auch noch auf 30 Dosen pro Woche rationiert. »Man macht es uns so unnötig schwer«, bedauern Flatscher und Bähr.

Was sich die Praxismanagerin wünscht? »Zwei Kollegen in Vollzeit als Unterstützung, endlich weniger Bürokratie für die Praxen und vielleicht auch einen Coronabonus für die MFAs in den Hausarztpraxen. Die Politik hat uns nämlich in dieser Zeit komplett vergessen.«

vew