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Impulse für den Wechsel der Blickrichtung

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An acht verschiedenen Orten in Traunstein sind noch bis zum 30. Juli die Kunstwerke zu sehen – das Bild »Hall of Fame« von Inge Kurtz hängt im Landratsamt. (Foto: Effner)

Ungewöhnliche Impulse zu neuen Wahrnehmungen und Gedanken in einem scheinbar vertrauten Umfeld gibt aktuell der Kunstverein Traunstein in seiner offenen Jahresausstellung im Rahmen der Chiemgauer Kulturtage. An acht verschiedenen Orten in Traunstein sind noch bis zum 30. Juli rund 70 Kunstwerke unter dem Motto »Stattbesetzung. Kunst im öffentlichen Raum« zu sehen: im Stadtpark und auf dem Areal um die Klosterkirche, in der Alten Wache im Rathaus und auf dem Stadtplatz, im Landratsamt, in der evangelischen Auferstehungskirche und der katholischen Pfarrkirche Heilig Kreuz sowie im Atelier HANDarbeitWERKraum von Helmut Mühlbacher in der Unteren Stadt.


Der Landschaftsarchitekt und Konzeptkünstler hat im Stadtpark bereits deutliche Spuren seiner ungewöhnlichen Performance »… and you« hinterlassen. An zwei Tagen marschierte er jeweils zwölf Stunden lang am Stück auf einem kreisförmigen Trampelpfad im Gras neben der Kirche St. Georg und Katharina. Viele Menschen begleiteten ihn spontan auf seinem Weg und kamen mit ihm ins Gespräch über Konsumgewohnheiten, Werbebotschaften und die Rolle der Kunst, das Gefühl des Getriebenseins in der modernen Informationsgesellschaft, die Beeinflussung durch die Medien oder Hungergefühle und seine körperliche Verfassung während des Marsches.

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»Man nimmt viel mehr Details wahr«

»Ich bin gut im Flow, das quasi ziellose Wandern im Kreis verändert die Wahrnehmung der Umgebung, man nimmt viel mehr Details wahr und es haben sich sehr interessante Gespräche ergeben«, erzählt Helmut Mühlbacher während einer Runde im Kreis. In der Alten Wache ist ein Video der Performance zu sehen, das zusammen mit Schülern des Chiemgau-Gymnasiums entstanden ist.

Wer sich einen schnellen Überblick über die vielfältigen Arbeiten des Kunstvereins verschaffen will, der findet rund um die Klosterkirche reichlich Anregungen: Knapp 40 großformatige Bauzaunplanen zeugen von der kreativen Vielfalt der Künstler. Ebenfalls auf Bauzaunplanen beschäftigt sich Uli Reiter aus künstlerisch-soziologischer Sicht hinter der Stadtpfarrkirche St. Oswald mit der Frage: Gibt es eine Ökonomie ohne Eigentum? Nur ein paar Meter bringt Willee Regensburger im Durchgang der Rathauspassage über den Köpfen auf zwei bemalten Hartfaserscheiben quasi den Sternenhimmel im Zenit des Sommers und des Winters zum Leuchten.

Die Theaterwerkstatt des Katholischen Kreisbildungswerks zeigt die Theaterperformance »Chor der Schutzflehenden« noch am 20. und 26. Juli um 19 Uhr auf dem Stadtplatz und am 30. Juli um 10 Uhr im Stadtpark.

Ein Schwerpunkt der auf drei Stockwerke verteilten, umfangreichen Werkschau im Landratsamt ist das Fotoprojekt »angekommen!?«, das die Katholische Erziehergemeinschaft, der Kunstverein Traunstein und verschiedene Traunsteiner Schulen gemeinsam realisiert haben. Es zeigt in kreativer Weise die unterschiedlichen Wege, wo jemand »angekommen« ist, auch aus der Sicht junger Flüchtlinge und deren Auseinandersetzung mit einheimischen Schülern. In der Alten Wache gibt es dazu drei Videoprojektionen mit Fotos.

Echte Entdeckungen zu machen, gibt es ebenfalls in den beiden Kirchen. In der Auferstehungskirche thematisiert Christine Olbrich in ihrem Textprojekt »Erlesen« die Kulturleistung von Worten, Bildern und Chiffren sowie des eigenständigen Denkens und den drohenden Verwerfungen in der Informationsgesellschaft mit ihrer Inflation des Wissens. »Spuren der Erinnerung« weckt Christine Ambrusch in ihrem farbkräftigen Acrylbild, das in einem faszinierenden Dialog mit dem leuchtend-bunten Chorfenster des auferstandenen Christus steht.

Den geschützten Rahmen der Pfarrkirche Heilig Kreuz mit ihrer ausdrucksstarken Christusfigur nutzt die Künstlerin Anna Kirsch, um die jahrhundertealte Frage nach dem dualistischen Wirken Gottes zeitkritisch aufzugreifen: »Ich wartete des Guten und es kommt das Böse; ich hoffte aufs Licht und es kommt die Dunkelheit.« Ausgehend von diesem Spruch aus dem Buch Hiob stellt sie in ihrem Fotoprojekt »Ver-Zweifel-UNG oder Wie ist Gott denn drauf?« ein Bild von mit Waffen spielenden Kindern auf einem Pony den schrecklichen Eindrücken aus dem Russland-Feldzug gegenüber, ergänzt durch Skype-Porträts von zwei Freundinnen, die vom drohenden Verlust durch eine schwere Leukämieerkrankung gekennzeichnet sind. Zwei Hühnerfüße mit Rosenkranz erinnern ergänzend an das Leid der Tiere.

Hoffnungsschimmer aus dem Hohelied der Liebe

Dieser siebenteiligen, durch Texttafeln ergänzten Arbeit steht auf der anderen Seite der Kirche der Hoffnungsschimmer aus dem Hohelied der Liebe im 1. Korintherbrief gegenüber: Glaube, Liebe und Hoffnung bleiben dem Menschen als Trost, versinnbildlicht durch den Kreislauf des Lebens, wie er in Abbildungen eines sterbenden und eines neugeborenen Menschen greifbar wird. Nicht weniger interessante Ansätze zur Auseinandersetzung bieten die Arbeiten von Franz Angerer, Helmut Morawetz, Herbert Stahl, Heinrich Stichter, Hermann Wagner und anderer Künstler. In der Predigt am Sonntag um 10.30 Uhr sowie um 19 Uhr wird darüber mit den Künstlern diskutiert.

Zur Finissage der Ausstellung des Kunstvereins Traunstein am 30. Juli um 11 Uhr im Stadtpark wird der Rote-Reiter-Preis 2017 verliehen. Im Herbst erscheint ein dokumentarischer Katalog zu der Ausstellung. Axel Effner