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»In Gott’s Nåm’, dånn geh’n ma’s ån«

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Die Szenen mit den Hirtenkindern sind bis heute ein Herzstück eines jeden Adventsingens. (Foto: Adventsingen)

»In Gott’s Nåm’, dånn geh’n ma’s ån« – Das war der übliche Spruch von Tobi Reiser am Beginn des Salzburger Adventsingens. Er hat nicht gesagt: »So wahr mir Gott helfe«, wie man es auf FPÖ-Wahlplakaten derzeit in Österreich lesen muss. Auffallend, dass in der diesjährigen Produktion im Großen Festspielhaus, die Tobi Reiser und Annette Thoma auf die Bühne bringt, auch angespielt wird auf die Nazi-Vergangenheit des Adventsingen-Gründers.


»Tja, die Erkenntnis... reichlich spät«, entgegnet Annette auf Tobias’ Selbstanklage: »Wenn i damals g’wusst hätt’, in welche Richtung des geht... wår wohl der größte Fehler meines Lebens.« Es war dem Textautor und Adventsingen-Leiter Hans Köhl sehr bewusst, dass man eine Jubiläumsproduktion wenige Wochen nach der endgültigen Abschaffung des Tobi-Reiser-Preises nicht machen kann, ohne das heikle Thema zumindest anzusprechen. Das ist elegant gelöst. Bei dem Nebensatz »Alle sind über Nacht wieder fanatische Katholiken geworden«, horcht man auf.

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Im übrigen ist die Geschichte so gebaut, dass sich der »Tobi« – der sehr gut in die Salzburger Mundart sich einfügende Theo Helm – als durchaus kantige, irgendwie ausgemergelt wirkende Nachkriegsfigur profiliert. Susanna Szameit (Annette, Erzählerin) redet striktes Hochdeutsch, was vielleicht für die bayerische Grande Dame des geistlichen Volkslieds verwundert, aber durchaus zur Biografie passt: Annette Thoma war Offizierstochter, aus durch und durch bürgerlichem Milieu. Wenn sie dann als Erzählerin dem Bauerntum und den vermeintlich unverfälschten, uralten Bräuchen das Wort redet, nimmt man ihr das als bis heute verbreitete Utopie von Städtern ab.

Die beiden »erfinden« heuer also das Adventsingen, »gånz oafach und staad«. Geht natürlich so »staad« auch wieder nicht vor zweitausend Menschen, aber es ist szenisch und von der Konzeption her eine runde Sache geworden (Regie: Caroline Richards). Die Akkuratesse der Nachkriegs-Kleidung (Hellmut Hölzl) und die Perfektion, mit der Dietmar Solt eine ganze Residenzplatz-Vedute gleich mit Gaisberg- und Untersberg-Perspektive vor den Eisernen Vorhang gestellt hat, tun das Ihre. Gerade das Armselige sieht auf der Bühne des Großen Festspielhauses bemerkenswert unaufdringlich aus. Fast möchte man »Understatement« dazu sagen.

Kraftvoll ist die Musik. Dass vorwiegend Profis am Werk sind, nutzt man schon geraume Zeit, um Saitenmusik, Drei- und Viergesang, Salzburger Volksliedchor und Berufsmusiker in Neukompositionen und anspruchsvolle Volksmusik-Sätze (Liedkantaten) gemeinsam einzubinden. Die Traditionslinien von den »Fischbachauer Sängerinnen« oder den »Riederinger Sängern« sind ja schon vor gut zehn Jahren gekappt worden. Das »Salzburger Saitenmusikensemble« steht für eine ganz andere stilistische Haltung als einst das Ensemble Tobias Reiser. Auch der »Mühlviertler Dreier« und das »Mühlviertler Vokalensemble« sind Vokalensembles modernen Zuschnitts. Wenn sie gemeinsam einen Jodler anstimmen, ist das ob der Gesangstechnik beeindruckend. Die Altistin des Dreigesangs übernimmt auch den Part des Backstage-Engels. Den g’schmackigen Hall, vor allem in der stilistisch anfechtbaren Verkündigungsszene, sollte man schleunigst zurückdrehen. Man umschifft Kitsch ja sonst gut.

Viel Kostbares findet sich in der Musik von Klemens Vereno. Das Magnificat, von dem vorab der Dirigent Herbert Böck so schwärmte, ist tatsächlich ein musikalisches Fresko von beachtlicher Wirkkraft. Die doppelchörigen Effekte, die gute Synchronisation auch mit den Bläsern hinter der Bühne oder am Podiumsrand – dieses Salzburger Adventsingen kann man herzeigen und hören lassen. Bewährt, wie Simone Vierlinger (Maria), Bernhard Teuifl (Josef) und Katrin Auzinger (Elisabeth) Volkslied-Schlichtheit und Oratorien-Tonfall differenzieren. Die Hirtenkinder haben musikalisch nicht wenig zu tun.

Eine Neuerung beim Andachtsjodler: Das Publikum darf ihn zweimal singen, das zweite Mal ein wenig höher geschraubt. Das klappte bei der Hauptprobe vorzüglich und bringt vielleicht auch etwas, wenn mehr auswärtiges Publikum da sitzt oder steht. Aufführungen finden bis 11. Dezember statt, Restkarten gibt es unter www.salzburgeradventsingen.at. Reinhard Kriechbaum