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In Memoriam Mascha Kaléko

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Il Coro Nuovo im Halbkreis um Friederike Röthlein, rechts Alessandra De Crescenzo. (Foto: Kaiser)

Im vollbesetzten Großen Saal im Traunsteiner Rathaus wurden kurz vor Beginn der Matinee auch noch die Stühle an Besucher vergeben, die eigentlich dem Chor zugedacht waren. Das Chiemgauer Vokalensemble Il Coro Nuovo mit Chorleiterin Alessandra De Crescenzo eröffnete dort seine diesjährige Konzertreihe; zusammen mit der Heilerzieherin und Rezitatorin Friederike Röthlein widmete sich der Chor dem Werk der Schriftstellerin und Poetin Mascha Kaléko.


Geboren 1907 in Galizien, am Rande der damaligen Donaumonarchie, musste sie mit ihrer Familie bei Beginn des 1. Weltkriegs nach Westen fliehen. Berlin wurde für »ein paar leuchtende Jahre« ihre Heimat. Sie kam in Kontakt mit der Berliner Avantgarde, mit Malern, Schauspielern und Literaten, darunter Kästner, Tucholsky und Ringelnatz, und begeisterte mit ihren ersten Veröffentlichungen das verwöhnte literarische Berlin. Mascha Kaléko beherrscht die Verspieltheit und den Sprachwitz, auch die satirisch-sezierende Schärfe ihrer »Leitsterne« Heine und Tucholsky, doch es schwingt bei ihr ein (im besten Sinn) weibliches Sehnen als melancholische Grundhaltung mit.

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Im New Yorker Exil (1938-1960) war sie hauptsächlich tätig für die Unterstützung ihres zweiten Mannes, des Musikwissenschaftlers, Dirigenten und Komponisten Chemjo Vinaver (»Kaléko« war der Familienname ihres ersten Mannes, den sie als Künstlernamen behalten hatte) und für ihren kleinen Sohn. Immerhin erschienen ihre Exilgedichte 1945 in dem Band »Verse für Zeitgenossen«; Geld allerdings brachte der Band kaum. 1960 siedelte die Familie nach Jerusalem um. Ihr Mann war in der neuen Heimat bald integriert, sie aber fühlte sich isoliert und kraftlos: »Nur das 'Weh', es blieb, das 'Heim' ist fort-« 1968 stirbt ihr ebenfalls künstlerisch tätiger Sohn mit 28 Jahren; 1973 stirbt ihr Mann – Mascha Kaléko erlebt eine letzte Blüte ihres Schaffens.

1974 tritt sie eine letzte Europareise an, muss sich in Zürich einer Operation unterziehen, stirbt am 21. Januar 1975 an Magenkrebs. Sie ist auf dem Israelitischen Friedhof Friesenberg in Zürich bestattet.

Diesem facettenreichen und unruhigen Leben gingen Il Coro Nuovo und Friederike Röthlein feinsinnig und anrührend nach. Der engagierte Kammerchor, umsichtig und liebevoll geführt von Alessandra De Crescenzo, stellte Stücke aus dem Bändchen »Lieder für Zeitgenossen« vor, die der Badenser Uli Führer 1998 in gemäßigt moderner Diktion vertont hat. Nachdenklich klang das Lied »Das berühmte Gefühl« (»Als ich starb zum ersten Mal...«), entschlossen und rhythmisch »Chanson für morgen«, ein motivierender Ausblick auf das »Morgen, wenn wir Schwerter zu Pflügen schmieden«. »Einem Kinde im Dunkel« antwortete auf das sehr persönlich gehaltene und doch allgemeingültige Gedicht »Schutzengel«, das Friederike Röthlein in klarer Aussprache, ruhig und überzeugend vortrug.

Mit liebevoller Ironie ließ sie die Dichterin im Jahr 1932 Bilanz ziehen: »Interview mit mir selbst«, gefolgt von einem »Post scriptum/anno 45«, distanziert und engagiert zugleich. Anrührend war die »Bescheidene Anfrage« an eine vergangene Episode: »Steht mein Bild noch auf dem Tisch?«, beunruhigend kam die »Zeitgemäße Ansprache« (»Wie kommt es nur, dass wir noch lachen?«), lapidar wirkte die Formulierung: »Irren ist menschlich, wenn auch nicht human« aus Heiligenscheinheilige«. Sehr feinfühlig kam das Ende der Veranstaltung mit »Ich und Du«, mit »Die Zeit steht still«, vom Chor mit einem »Canto senza parole« begleitet, endete sie.

Wie immer bei seinen Konzerten verlangte der veranstaltende Chor keinen Eintritt, bat aber um Spenden für die Behindertenarbeit der Lebenshilfe Traunstein.

Die Besucher kamen dieser Bitte gern und willig nach. Engelbert Kaiser