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Ingo Dannhorn – Wanderer zwischen zwei Welten

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Professor Ingo Dannhorn im Kreise seiner Studentinnen.

»Sternstunden pianistischer Gestaltung!«, so oder ähnlich betiteln die Medien regelmäßig Klavierabende mit Ingo Dannhorn, von dem sein Lehrer an der Hochschule für Musik und Theater in München, Professor Gerhard Oppitz, sagte, er gehöre zu den »bemerkenswertesten Pianisten seiner Generation, mit fabelhaften manuellen Fähigkeiten und einer idealen Kombination aus Intelligenz und ausgeprägter Sensibilität für klangliche Valeurs.« Und in der Tat: Ingo Dannhorn ist ein begnadeter Pianist mit furioser Technik und unnachahmlichem Sinn und Gespür für Struktur und Klang. »Dahinter« meint Dannhorn salopp, »steckt nicht nur Talent, son-dern auch eine ganze Menge an Arbeit.«


Erste Klavierstunden mit Fünf

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Als Fünfjähriger erhielt Dannhorn, der in München geboren wurde, in Taching am See aufwuchs und nach der Grundschule das Rottmayr-Gymnasium in Laufen besuchte, seine ersten Klavierstunden. Mit neun war er Schüler von Professor Anton Czjzek in des-sen Hochbegabtenklasse in Salzburg, Soloklavierabende gab er ab 12 und mit 14 war er Jungstudent an der Hochschule für Musik und Theater in München. Unmittelbar nach Abschluss seines Studiums wurde er mit 23 Jahren jüngster Lehrbeauftragter an dieser Hochschule, lehrte an den Universitäten von Augsburg und Bremen und gewann Wettbewerbe in Serie. Er ist Preisträger des international renommierten Beethoven-Wettbewerbs in Wien, der Sydney International Piano Competition sowie der internationalen Klavierwettbewerbe in Salzburg, Wien, Senigallia und Ettlingen. Die Städte München, Traunstein und Münster sowie die Yamaha Music Foundation of Europe ehrten ihn für sein herausragendes künstlerisches Wirken.

Ingo Dannhorn konzertiert in berühmten Sälen wie dem Münchner Herkulessaal, dem Großen Saal des Musikvereins Wien, in der Bayerischen Aka-demie der schönen Künste, im Seoul Opera House, in der Eremitage von St. Petersburg, der Philharmonie München und in Musikzentren wie Brüssel, Ve-nedig, Santiago de Chile, Sydney, Wien, Zürich und Salzburg.

Sein weitgefächertes Interesse und eine unglaubliche Lernbereitschaft erlaubten es ihm, sich schon in jungen Jahren ein Repertoire anzueignen, das für Pianisten, die sich oft auf wenige Komponisten spezialisieren, einfach unglaublich erscheint. Seine Werkliste reicht von Bach bis Berio und weit über 500 Liederabende mit nahezu allen Liedzyklen und zahllose Kam-mermusikabende erweiterten seine musikalische Vita sowohl als begehrter Liedpianist für Francisco Araiza, Elisabeth Scholl, Kieth Engen und Jose Cura als auch als Kammermusikpartner mit Christian Altenburger und Maxim Vengerov. Produktionen, Konzertmitschnitte und Einspielungen für den Bayerischen, Österreichischen, Ungarischen, Dänischen, Italienischen, Englischen Rundfunk, für BBC London, für die deutsche »harmonia mundi«, für »soundscapes«, ABC Classic FM sind an der Tagesordnung sowie Fernsehaufnahmen für das ZDF und den ORF.

Sein außerordentliches Können belegen zudem zahlreiche CD -Einspielungen. Dabei ist er auch immer auf der Suche nach Neuem, nach neuen Herausforderungen, nach Originalem. So wurde Dannhorn jüngst durch einen glücklichen Zufall auf die lange Zeit unentdeckt gebliebenen Kompositionen des letzten Hannoverschen Königs Georg V. aufmerksam, der kunstsinnig um die Mitte des 19. Jahrhunderts Hannover zum Zentrum der damaligen musikalischen Welt machen wollte. In Zusammenarbeit mit dem NDR spielte er nun die poetische Klaviermusik dieses Königs ein, mit romantischen Cha-rakterstücken bis hin zu hochvirtuosen, symphonisch angelegten Klavierwerken.

Uni nur für Frauen

Typisch für Dannhorn ist, dass ihn seine Suche nach Neuem und neuen Herausforde-rungen nunmehr nach Seoul, der Hauptstadt von Südkorea, brachte. Vor Jahren bekundete er einem befreundeten koreanischen Pianisten, dass er, Sohn einer koreanischen Mutter und eines deutschen Vaters, Interesse am Heimatland seiner Mutter Joung-Ja zeige. Jahre danach erhielt er von dort den Ruf der Sungshin Universität Seoul. Sungshin ist eine private Universität nur für Frauen. Diese Besonderheit im südkoreanischen Bildungssystem stammt aus der Zeit, als die anderen Universitäten allein den männlichen Studenten zugänglich waren. Frauenuniversitäten wurden privat, teils von christlichen Missionaren, errichtet. Universitäten exklusiv für Männer gibt es heute in der Republik Korea nicht mehr.

Dannhorn erzählt, dass ihn im April 2014 eines Morgens überraschend ein Telefonanruf aus Korea erreichte und ihm – formlos und ohne weiteren Schriftverkehr – eine Gastprofessur angeboten wurde. Da er aber Lehrverpflichtungen in Deutschland hatte, benötigte er dringend einen schriftlichen Nachweis zu seiner Beurlaubung. Kurzfristig und ohne weitere Komplikationen war auch das erledigt und mit viel Entgegenkommen seiner Vertragspartner in Deutschland und einiger Ermunterung durch seine Familie, wagte er sich in dieses Abenteuer. »Nun«, so Dannhorn, »bin ich ein Wanderer zwischen zwei Welten; ein halbes Jahr in Fernost; ein halbes Jahr im Abendland.«

Begeistert zeigt sich Dannhorn, dessen Gastprofessur mittlerweile in eine ordentliche Professur umgewandelt wurde, vom Lernwillen und vom Eifer seiner Studentinnen. »Durch den großen Einfluss des Konfuzianismus wird der Bildung in Korea traditionell ein sehr hoher Wert beigemessen«, erzählt Dannhorn und auch heute sei das spürbar, da die Ausbildung wesentlich den späteren sozialen Status bestimmt.

Heute weist Südkorea eine der höchsten Alphabetisierungsraten weltweit auf und die gut ausgebildete Bevölke-rung wird als einer der wesentlichen Gründe für den starken wirtschaftlichen Aufschwung in der Vergangenheit angesehen. Das südkoreanische Bildungssystem geriet in den letzten Jahren aber auch zunehmend in die Kritik. Insbesondere wird der große Leistungsdruck in der High School kritisiert. So ist es für Schüler dieser Schulen, ähnlich wie in Japan, nicht unüblich, dass sie einen 12-Stunden-Tag haben und mehrere Hagwon genannte Paukschulen besuchen. »Die Abschlussprüfung ist entscheidend dafür, welche Universität man besuchen kann und diese wiederum ist maßgeblich für die späteren Berufschancen und den sozialen Status«, weiß Dannhorn zu erzählen. Die Sungshin Universität jedenfalls genießt einen hervorragenden Ruf.

Die Fortführung seiner eigenen pianistischen Karriere und die Pflege seiner musikalischen Kontakte in der westlichen Sphäre sind nun zwangsläufig der vorlesungsfreien Zeit vorbehalten. »Für das kommende Jahr ist mein Kalender schon wieder gut gefüllt«, meint Dannhorn dann lächelnd. In der Tat liegen die Termine dicht gedrängt zusammen: Klavierabend in Burgkunstadt, Eröffnungskonzert und Meisterkurs in Bayreuth, eine Tour nach Südafrika und Schlosskonzerte in Bad Iburg und Ismaning sind einige der Verpflichtungen die diesem Pianisten, Pendler zwischen Ost und West, zwischen fernöstlichem Denken und westlich geprägtem Leben, bevorstehen. Und dann gibt es auch noch seine Familie mit Ehefrau und kleiner Tochter, die ihren Lebensmittelpunkt in Oberfranken hat. Reiner Pfaffendorf