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Ingo Schulze: Wir haben uns einlullen lassen

Berlin (dpa) - Der Berliner Schriftsteller Ingo Schulze («Adam und Evelyn») sieht nach der Finanzkrise 2008 und der anhaltenden Eurokrise die Demokratie zunehmend in Gefahr.

Ingo Schulze
Mahnruf eines Intellektuellen: Ingo Schulze warnt vor einem Verlust der Demokratie. Foto: Karlheinz Schindler Foto: dpa

«Die Spielregeln der Märkte werden als etwas Objektives genommen, woran sich die Politik auszurichten hat», sagte der 49-Jährige in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. «Der Mehrheit unserer politischen Vertreter ist das Selbstbewusstsein abhandengekommen. Ihr Selbstverständnis lässt sie alle Anstrengungen unternehmen, um die Demokratie marktkonform zu machen, anstatt die Märkte demokratiekonform zu gestalten.»

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Schulze hat seine Analyse jetzt unter dem Titel «Unsere schönen neuen Kleider» als Buch vorgelegt. Der 80 Seiten starke Text ist die überarbeitete Fassung seiner Dresdner Rede vom 26. Februar, die damals große Beachtung fand.

Ausgehend von Hans-Christian Andersens Märchen «Des Kaisers neue Kleider» geht er ebenso analytisch wie poetisch der Frage nach, wie Börsen und Finanzmärkte eine solche Übermacht bekommen konnten, ohne dass es Gegenwehr gab. «Wir sind eingelullt worden und haben uns eingelullt, wir sind gar nicht mehr gewohnt, über Alternativen zum Status quo nachzudenken», sagt Schulze.

Die Folgen sind seiner Ansicht nach eine ständige Schwächung der Demokratie, eine zunehmende Polarisierung in Arm und Reich, ein Abbau des Sozialstaats und die Vernachlässigung öffentlicher Bereiche wie Bildung, Gesundheit, Kunst und Verkehr. «Während den einen jeder Cent vorgerechnet wird, werden auf der anderen Seite in Windeseile Milliardenbeträge aus dem Ärmel gezaubert, für die im Zweifelsfalle das Gemeinwesen geradezustehen hat», schreibt er in seinem Buch.

Auch die Eurohilfen für Länder wie Griechenland und Spanien gehen für Schulze in die falsche Richtung. An diesen Hilfen verdienten etliche sowohl in Deutschland wie den betroffenen Ländern, die Rechnung zahle aber wiederum die übergroße Mehrheit der Bürger auf beiden Seiten. «Wollte man den Griechen von außen tatsächlich helfen, hieße das für Deutschland, weniger zu exportieren beziehungsweise mehr griechische Waren zu importieren. Aber welcher Politiker sagt das?»

Im Märchen gehen den von ihrem nackten Kaiser gefoppten Bürgern erst da die Augen auf, als ein Kind ruft: «Aber der hat ja gar nichts an!» Schulze ruft in seinem Buch dazu auf, sich wieder auf die demokratischen Rechte zu besinnen und Mitsprache einzufordern. «Wir müssen über die Geste und die symbolische Handlung hinaus unseren Willen gewaltlos kundtun, und dies - wenn nötig - auch gegen den Widerstand der demokratisch gewählter Vertreter», schreibt er.

(Ingo Schulze, Unsere schönen neuen Kleider, Hanser Berlin, 80 Seiten, 10 Euro, ISBN 978-3-446-24091-9)

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