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Innovative Pädagogik auch im Landkreis Traunstein

Lehrer sind Menschen, die so tief in der Materie stecken, dass sie manchmal in ihrem Alltag Traum und Realität verwechseln. Elf theaterbegeisterte Pädagogen aus dem Landkreis Traunstein kleiden solche Situationen in Sketche und amüsieren sich darüber statt sich zu ärgern. »PISAker« nennen sie sich, mit einem Rotstift an der Stelle des »I«; »Nachsitzen« heißt ihr neues, ihr 7. Programm – eigentlich konsequent, stand doch über ihrem »Best of«-Programm von 2011 die Note »5+«; im Vorjahr haben sie auch noch »geschwänzt«! Doch heuer kehrten sie reumütig in die Aula der Mittelschule Chieming zurück, wo sie Rektor Alxander Fietz erfreut als »einen der kulturellen Mittelpunkte des Chiemgaus« begrüßte.

Alle PISAker beim Schlusschor. (Foto: Kaiser)

Der »Unterricht« dort begann mit der »Literaturstunde«. Sie sollte »Wanderers Nachtlied« von Goethe zum Thema haben, wurde aber immer wieder unterbrochen: durch einen verspäteten Schüler (»Der Wecker ist kaputt!«), durch eine Lautsprecherdurchsage (»Der Schüler Kevin Klein, 5a, bitte ins Sekretariat kommen!«), durch die Sekretärin (»Dem Kollegen Kirst fehlen noch sechs Hefte...«). Genervt konzentriert sich der Lehrer mit geschlossenen Augen auf die Rezitation, bemerkt den eintretenden Rektor nicht und ignoriert seine Bemerkungen, es kommt zu Missverständnissen und Verärgerung: »... in allen Wipfeln spürest du..« / »Was? Wie? Noch sind wir per Sie!«; »Warte nur, balde...« / »Jetzt reicht's aber!«. Die Schüler sind mit gespannter Aufmerksamkeit dabei: »Hammermäßig, geil, rattenscharf« – so erfassen auch Hauptschüler bei einfühlsamer Vermittlung die ganze Tiefe klassischer Lyrik.

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In »Der frühe Vogel – Schülermangel türk« werben die Förderschulrektorin, der Mittelschulrektor und die Gymnasialdirektorin um den Schulbesuch von Achmed. Es kommt mit seiner Mutter, Frau Özdeniz, zu Unklarheiten: »Also, was du geben, wenn Achmed gehen Gynasion?« Der Song »Sag mir, wo die Schüler sind« mit Ulrich Rothe und Bernhard Benoist am Flügel umrahmt »das Problem schrumpfender Humanressourcen« musikalisch.

Großen Erfolg hatte wieder Frank v. Sicard, der mit Gerhard Wonner die Texte erarbeitet hat und Regie führt, mit seinem Solo als Schelinsky, Lehrer im Ruhestand mit Rollator und Stock. Er hatte aber wenig Zeit, weil er Wahlkampf in der heißen Phase führte: »Sche als Präsident! Yes we can!« Es ging um den Vorsitz im Bewohnerbeirat des Altersheims: »Wir Unter-80-Jährigen müssen die Macht der Alten endgültig ablösen. Selbst der neue Papst ist unter 80!«

Aber es blüht auch das zarte Pflänzchen des Eros im Lehrerleben. Herr Mannhard (Uli Rothe) weinte sich bei Frau Schlammburger (Hildegard Rott) aus. Seine Beziehung zu Ulla ging in die Brüche, obwohl er doch jeden Akt gewissenhaft vorbereitet, Methodenwechsel eingebaut, nach dem fragend-entwickelnden Gespräch den klassischen Übungsteil begonnen, doch auch die Stillarbeitsphase nicht vergessen hatte, während der er jedes ihrer Koseworte zur Erlebnis-, nein Ergebnissicherung mit vorbereiteten laminierten Wortkarten festhielt... .

In schwarzer Montur, mit Schlagstock und starken Sprüchen bewaffnet (»Wer lange fackelt, hat bald kein Feuer mehr« – »Können Sie sich ausweisen? Nein? Aber ich kann Sie ausweisen!«) trat Andreas Hüdepohl als Educator III vor vier hinter einer Betonstahlmatte eingesperrten Schülern auf: »Hier gilt die Schulordnung, und die bestimme ich!« Eindrucksvoll klang danach (nach einer bekannten Melodie) das Lied vom »Dampfhammerlehrer – wir brauchen Guantanamo mehra!« Ein echtes Glanzlicht im Programm war die Lehrerkonferenz mit den TOPs AMOK (Aktuelle Monatliche Organisations-Konferenz), Inklusion und Bewaffnung der Schule. Das Klima von Wichtigtuerei, Profilierungssucht und Desinteresse war trefflich herausgearbeitet, ein Gag jagte den nächsten. Die Lieder »Förderung«, ein echter Integrationssong nach »Tweedle dee, tweedle dum«, und »Bring die Waffen her« (Scha la la la la) passten haarscharf. Zu letzterem verteilte die Sekretärin Seifenblasenpistolen... .

Im Beitrag »Nomen est Omen« erinnert sich eine Werklehrerin nach 40 Jahren: »Anfangs hieß das Fach »Werken« und die Kinder bastelten immer so originelle Vogelhäuschen. Dann hieß das Fach »Technisches Werken« mit Arbeitsteilung und so weiter. Das Ergebnis: Starenkästen. Dann hieß es »GtB« (Gewerblich technischer Bereich) mit Technisch Zeichnen und CAD. Ergebnis: Nistkästen. Jetzt in der Mittelschule heißt das Fach »Technik«, ist vernetzt mit der Architektenkammer, dem Handwerk, der Industrie und dem Bund Naturschutz – wir konzeptieren jetzt »Ornithologische Domizile«.

Das war eine willkürliche Auswahl, eher nach dem Zufallsprinzip. Ein »Nachsitzen« wird empfohlen, um weitere Highlights zu erkunden (Drive-in-school; der Expert XR21; Führungspersonal...) und um das Lied »Kultusminister« zu hören oder »Nimm Abschied, Bildung, ungewiss...« Engelbert Kaiser