Inobhutnahmestelle Litzelau bietet Kindern in Not Zuflucht – Zweites Haus in Reit im Winkl ab Herbst

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Mit ihrer Inobhutnahmestelle in Litzelau, einem Ortsteil der Gemeinde Unterwössen, bieten Einrichtungsleiterin Ulrike Duda (links) und ihre Stellvertreterin Viola Berger Kindern in Notsituationen einen Zufluchtsort. Im Herbst ist die Eröffnung eines zweiten Haus in Reit im Winkl geplant. (Foto: Christl)

Unterwössen – Für Ulrike Duda sind Kinder ihr Leben: Bereits seit 2002 arbeitet die gelernte Erzieherin als Pflegemutter und hat bis 2016 über 130 Minderjährige, die dringend Schutz suchten, vorübergehend in ihrer Familie aufgenommen. Gleichzeitig zog sie ihre fünf eigenen Kinder groß. Als dann 2015 die Flüchtlingswelle kam, traf sie eine weitreichende Entscheidung: Sie beschloss, die ehemalige Kegelbahn auf dem Grundstück ihres Campingplatzes zu einer Inobhutnahmestelle für Kinder und Jugendliche in Not umzubauen. »Es gab ja nicht mehr nur die Flüchtlinge, sondern auch noch die Kinder bei uns, die in ihren Familien nicht mehr sicher waren. Da habe ich gesagt: Ich will mehr Schutz bieten, ich baue jetzt.« 


Im September 2016 wurde schließlich die Inobhutnahmestelle Litzelau feierlich eröffnet. Seitdem fanden dort schon etwa 300 Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen eine vorübergehende Bleibe von bis zu drei Monaten.

Normalerweise sind es etwa neun Kinder, die gleichzeitig in der Einrichtung leben, zu Corona-Zeiten waren es zwölf. Sie müssen aufgrund von seelischer oder körperlicher Gewalt, Vernachlässigung oder Missbrauch sofort aus ihren Familien geholt werden. Die Kinder kommen aus den Landkreisen Traunstein, Berchtesgadener Land, Rosenheim, Altötting, Mühldorf und München.

Mit ihrem Projekt ist Einrichtungsleiterin Ulrike Duda bayernweit einzigartig. Normalerweise gibt es nur sogenannte Schutzstellen, bei denen die Kinder kurzfristig versorgt und dann an feste Wohngruppen mit einem flexiblen Inobhutnahmeplatz weitergeschickt werden. Ulrike Duda und ihr Team sind stolz auf ihr besonderes Konzept, mit dem sie viel mehr pädagogische und psychologische Hilfestellung für die teilweise traumatisierten Kinder und Jugendlichen leisten können.

Zehn pädagogische Fachkräfte, ein Psychologe und eine Traumapädagogin sind in der Litzelau beschäftigt. »Jedes Kind hat pro Woche zwei Therapiestunden«, erklärt die stellvertretende Einrichtungsleiterin Viola Berger.

Kinder finden ein zweites Zuhause

Zunächst sind das Jugendamt beziehungsweise die Polizei dafür zuständig, im Fall einer akuten Kindeswohlgefährdung einzugreifen. Ist ein Kind aufgrund von Vernachlässigung, Gewalt oder Missbrauch jeglicher Art in seiner Familie nicht mehr sicher, kommt es in die Inobhutnahmestelle – sofern ein Platz frei ist. »Ich musste erst letztens an einem Tag sieben Kinder abweisen. Das tut mir in der Seele weh – vor allem, wenn man Namen doppelt hört, will man eigentlich unbedingt helfen«, erzählt Ulrike Duda.

Auch die Kinder selbst lassen sich manchmal in Obhut nehmen, wenn sie die Situation daheim nicht mehr aushalten. Dann geben sie bei Nachbarn oder in der Schule Bescheid, manche laufen auch einfach von zu Hause weg.

So ähnlich war es bei der 15-jährigen Selina (Name von der Redaktion geändert). Sie wuchs bei ihrem Großvater auf, die Mutter war noch sehr jung und hatte die Familie verlassen. Als Teenager lebte Selina eine Weile in einer Wohngruppe und wünschte sich, endlich zu ihrer Mutter zurückkehren zu können, was schließlich auch klappte. Doch Selinas Mutter konnte ihre eigenen Probleme nicht überwinden – und das Zusammenleben scheiterte. Die Jugendliche ließ sich schließlich in Obhut nehmen. Ausnahmsweise wurde ihr in Litzelau ermöglicht, länger als drei Monate zu bleiben, um in Ruhe für ihren Schulabschluss lernen zu können. Selina lebt nun in einer anderen Einrichtung, in der sie einen dauerhaften Platz hat.

Etwas erfolgreicher verlief die Rückführung beim zweijährigen Maxi (Name von der Redaktion geändert). Auch er hatte eine sehr junge Mutter und lebte mit ihr in sozial schwachen Verhältnissen. Durch ihre Drogenprobleme waren die junge Frau und ihr kleiner Sohn obdachlos geworden. Das Kindeswohl war dadurch so stark gefährdet, dass Maxi in die Einrichtung in Litzelau gebracht wurde. Dort bekam er ein Zuhause mit festen Strukturen, die ihm Orientierung und Schutz boten: »Maxi konnte bei uns zur Ruhe kommen und sich altersgerecht entwickeln, ohne durch Krisen von außen belastet zu werden«, berichtet Viola Berger.

Maxis Mutter erhielt viele Hilfsangebote vom Jugendamt, das sie unter anderem bei der Suchtbewältigung und der Wohnungssuche unterstützte. Nach drei Monaten konnte Maxi zu seiner Mama zurückkehren und lebt nun schon seit eineinhalb Jahren mit ihr in einem Mutter-Kind-Heim.

»Bei uns erhalten die Kinder nicht nur Schutz und Struktur, sondern auch die Liebe und Unterstützung, die ihnen im Elternhaus gefehlt hat«, betont Ulrike Duda. Es gibt einen festen Tagesablauf, Betreuung bei den Hausaufgaben, es wird gemeinsam gespielt, gebastelt und gekocht. Regelmäßige Ausflüge wie Berggehen oder Schlittenfahren stehen ebenfalls auf dem Programm. »Wir arbeiten sehr familiär. Es ist uns wichtig, dass die Kinder auf drei schöne Monate bei uns zurückblicken und eine andere Perspektive auf das Leben gewinnen«, so Ulrike Duda.

Neben den regelmäßigen Therapiestunden gibt es Gesprächstermine mit dem Jugendamt, Arztbesuche, Therapietage mit Reiten oder Schwimmen und Elternbesuche, bei denen begleitet und beobachtet wird, wie die Eltern mit dem Kind umgehen. »Das ist wichtig für gerichtliche Entscheidungen, ob die Kinder wieder zu ihren Eltern zurückdürfen«, erklärt Viola Berger.

Können die Kinder und Jugendlichen nicht nach Hause zurück, macht sich das Team um Ulrike Duda gemeinsam mit dem Jugendamt auf die Suche nach einem dauerhaften Platz für sie. »Wir verfügen über ein großes Netzwerk und kennen pädagogische Wohngruppen in verschiedensten Formen, in denen die Kinder in einem geschützten Rahmen groß werden dürfen.«

Zweite Einrichtung ab Herbst

Um noch mehr Kindern einen Zufluchtsort bieten zu können, machte sich Ulrike Duda auf die Suche nach einem Haus für eine zweite Inobhutnahmestelle. So stieß sie auf das Forsthaus in Reit im Winkl, das seit 13 Jahren leer stand und von den Bayerischen Staatsforsten zum Verkauf angeboten wurde. Aus der Politik erhielt Duda große Unterstützung – und so gelang es ihr, das Forsthaus zu kaufen. Der Gemeinderat stimmte der Nutzungsänderung vor kurzem zu (wir berichteten) – und so ist der Weg zur neuen Einrichtung geebnet.

Das ganze Haus wird energetisch saniert, neue Bäder und neue Fenster werden eingebaut. Es entstehen neun Kinderzimmer, ein Büro, Betreuerzimmer sowie Therapieräume. Durch das zweite Haus ergibt sich auch die Möglichkeit, die Kinder nach Altersgruppen aufzuteilen. In Reit im Winkl sollen dann ab Herbst Kinder und Jugendliche im Alter von acht bis 17 Jahren einziehen.

Künftig bilden die beiden Häuser dann als »Inobhutnahme Litzelau« und »Inobhutnahme Forsthaus« die »Schutzräume Duda«. Als sozialpädagogische Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung in privater Trägerschaft finanzieren sie sich von der Bezahlung durch das Jugendamt als hauptverantwortlichem Leistungsträger. Doch dieses Entgelt reicht nur für den Tagesbetrieb. Alles darüber hinaus – Kleidung, Spielsachen, Lernmaterialien, Computer, Ausflüge, Klassenfahrten – wird durch den Förderverein der Inobhutnahmestelle in Form von Spenden finanziert. Auch für den Bau eines Spiel- und Sportplatzes am Forsthaus wird Geld benötigt. Da die Kinder oft nichts mitbringen außer der Kleidung, die sie gerade tragen, wenn sie aus ihrer Notsituation geholt werden, werden gut erhaltene Sachspenden wie Kleidung, Spielzeug und Kinderzimmerausstattung ebenfalls gerne angenommen.

Ulrike Duda und Viola Berger betonen darüber hinaus, wie hilfreich die gute Zusammenarbeit mit der Polizei Grassau und mit den umliegenden Schulen, allen voran mit der Grund- und Mittelschule Unterwössen, sei, um ihre tägliche Arbeit bewältigen zu können. Auch auf die ärztliche Versorgung im Umkreis können sie sich verlassen: »Wir bekommen überall kurzfristig Termine, weil jeder weiß, wie wichtig es ist, unsere Neuankömmlinge schnell gesundheitlich überprüfen zu lassen.« Am meisten stolz und dankbar ist Ulrike Duda jedoch für ihr »bärenstarkes Team, das diesen Job genauso mit Herzblut lebt wie ich.«

JuC