Intensivbetten zu 93 Prozent ausgelastet: Pflegepersonal am Anschlag
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Dr. Wolfgang Krämer, Leiter des Gesundheitsamts, lieferte dem Kreisausschuss Fakten zur aktuellen Corona-Lage. (Foto: Kretzmer)

Intensivbetten zu 93 Prozent ausgelastet: Pflegepersonal am Anschlag

Traunstein – Die Impfkampagne im Landkreis Traunstein hat wieder Fahrt aufgenommen. Die Impffortschritte können die exponentielle Corona-Fallzahlentwicklung nicht stoppen. Die Kliniken Südostbayern (KSOB) mussten schon Intensivpatienten in andere Krankenhäuser in Bayern verlegen. Das Personal arbeitet am Anschlag. Dies untermauerten Landrat Siegfried Walch und der Leiter des Gesundheitsamts, Dr. Wolfgang Krämer, am Mittwoch im Kreisausschuss mit Fakten.


Die Sieben-Tage-Inzidenzen pro 100.000 Einwohner in der Region bewegen sich demnach aktuell um den Wert 1000. In Österreich liegen die Inzidenzen mit fast 1500 in Oberösterreich und knapp 1600 in Salzburg noch höher. Der Andrang an den Impfofferten des Landkreises mit zwei Impfzentren, vier mobilen Teams und dem Impfbus ist wieder groß. Impfstoff ist ausreichend vorhanden. Dazu Walch: »Wir sind froh um jeden Impfwilligen, der kommt. Ungefähr die Hälfte lässt sich zum ersten Mal impfen. Etwa die Hälfte lässt sich boostern – was genauso wichtig ist. Beides wird derzeit stark nachgefragt – glücklicherweise. Die Impfquote bei uns ist mit 55,7 Prozent bei den Zweitimpfungen schwach.«

Durch die enge Zusammenarbeit zwischen den Inn-Kliniken in den Landkreisen Altötting und Mühldorf und den KSOB stehen aktuell 81 Intensivbetten zur Verfügung. Derzeit sind sie zu 93 Prozent ausgelastet. Der Anteil für Corona-Patienten schwankt um die 53 bis 55 Prozent. Von den gestern insgesamt 120 Covid-Patienten in den Kliniken Südostbayern lagen nach Walchs Worten 98 Patienten, davon 66 Prozent ungeimpft, auf der Normalstation und 22 Patienten, davon 72 Prozent nicht geimpft, auf der Intensivstation. Das Pflegepersonal arbeite »weit über der Belastungsgrenze«, so der Landrat. Die Kliniken seien voll - nicht nur in Südostbayern, sondern in ganz Oberbayern. Die KSOB hätten bereits Patienten in andere Krankenhäuser verlegt, etwa nach Würzburg oder Neustadt an der Saale in Unterfranken. Siegfried Walch weiter: »In den Kliniken in Salzburg wird tria-giert. Dort müssen Ärzte entscheiden, ob jemand behandelt wird oder stirbt. Kein Gesundheitssystem dieser Welt kann solche Belastungen aushalten.«

30 Prozent lasten Kliniken zu 70 Prozent aus

»Viel niedriger als allgemein vermutet« ist laut Landrat die Durchbruchrate im Landkreis Traunstein. Die Personenzahl wirke hoch. Viel entscheidender sei die Belegungsdauer. Die Anzahl der Belegungstage in den Kliniken Südostbayern zwischen 1. Januar und 31. Oktober bezifferte der Landrat mit 14.139 für Covid-Patienten. Davon seien 12.385 Tage auf die Normalstation und 1.754 auf die Intensivstation entfallen. 65 Prozent der Belegungstage auf der Normalstation hätten ungeimpfte Personen ausgelöst, auf der Intensivstation sogar 78 Prozent. Der Landrat rechnete vor: »30 Prozent der Bevölkerung lasten die Kliniken zu 70 Prozent aus.« Wenn man die Zahl der bislang nicht impfbaren Kinder abziehe, sei der Wert »sogar noch schlimmer«, konstatierte Walch auf Fragen von Andreas Füssel (AfD). Der Landkreis habe keine Betten mangels Pflegepersonal abgebaut, erwiderte der Landrat weiter. »Aber die Mitarbeiter sagen: 'Ich will doch nicht die Dummheit der Menschen pflegen.' Sie müssen sich dumm anreden lassen von Maskenverweigern und Impfgegnern.« Betten seien ausreichend da. Zusätzlich seien jedoch beispielsweise Beatmungsgeräte und Pflegepersonal erforderlich. Siegfried Walch: »Unsere Mitarbeiter stehen an der Front – während andere Menschen überlegen, ob sie ein gutes Gefühl beim Impfen haben. Operationen müssen verschoben werden. Jeder ist Teil eines Kollektivs. Niemand entscheidet für sich, sondern auch für die Gemeinschaft mit.«

Nicht jeder könne sich impfen lassen, warf Füssel ein. Das sei richtig, treffe aber nur für einen einstelligen Prozentsatz der Bevölkerung zu, sagte Walch und unterstrich: »Jeder, der sich impfen lässt, schützt auch die, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können.« Zur Art der vom Landkreis offerierten Impfstoffe mahnte Walch: »Hört auf zu träumen. Wir können nicht zu jeder Zeit jeden Impfstoff anbieten. Wir bekommen nicht immer alles. Wer einen bestimmten Impfstoff wünscht, kann zum Hausarzt gehen.«

»Wir müssen als Gemeinschaft agieren«

Zu den enormen Neuinfektionen stellte Siegfried Walch fest: »Je mehr Personen infiziert sind, desto wahrscheinlicher ist es für jeden, jemanden zu treffen, der infiziert ist.« Der Landrat ging auf die angebliche Praxis absichtlicher Ansteckungen ein: »Das ist unglaublich und unsolidarisch.« Die kritische Lage zu überwinden, gelinge nur gemeinsam: »Wir brauchen jede Bürgerin, jeden Bürger. Wir müssen als Gemeinschaft agieren. Es geht nur, wenn jeder aus eigener Entscheidung dazu beiträgt.«

Weitere Fragen beantwortete Dr. Wolfgang Krämer, etwa von Dr. Lothar Seissiger (FW/UW). Die meisten Durchbrüche gingen auf den Impfstoff Johnson & Johnson zurück. Die mRNA-Impfstoffe hätten sich ganz gut bewährt, betonte der Chef des Gesundheitsamts. »Klassische Impfdurchbrüche« würden ausgelöst durch den zeitlichen Abstand nach erfolgter Impfung unabhängig vom Impfstoff: »Eigentlich kann man nicht von Durchbruch sprechen. Aber die Impfwirkung lässt nach. Deshalb rufe ich dringlichst zur Booster-Impfung auf.« Der Landrat merkte an: »Sich nicht impfen zu lassen, weil man jemand mit Impfdurchbruch kennt – das ist bitter.« Wie lange der Schutz durch Boostern anhalte, hakte Dr. Seissiger. Bislang gebe es noch keine entsprechenden Daten, antwortete Dr. Krämer. Nach ersten Erfahrungen scheine es einen Unterschied zu machen, ob jemand eine Infektion hatte. Derzeit sei von einem Schutz für fünf bis sechs Monate auszugehen. Dr. Krämers Rat: »Wenn man jetzt boostert, kann man gut über die Winterzeit kommen.« Sowie mehr wissenschaftliche Daten zur Verfügung stehen, werde er sie liefern. Manfred Kösterke (FW/UW ) sprach den Personenkreis für Boostern an. Dr. Krämer befürwortete die Nachimpfung für sämtliche Altersgruppen ab 18 Jahren. Die personellen Kapazitäten wie genug Impfstoff seien vorhanden.

Mehr über Infektionen von Kindern und Jugendlichen wollte Kreisrätin Walburga Mörtl-Körner (Grüne) wissen. »Die Hauptinfektionsübertragung findet im privaten Bereich statt«, gab Dr. Wolfgang Krämer Auskunft. Nur in Einzelfällen erfolge die Corona-Übertragung in der Schule. Dort werde getestet. Allerdings sei der Banknachbar eines Schülers oft auch dessen bester Freund mit entsprechenden Kontakten zu Hause. Aktuell liege kein einziges Kind corona-pflichtig auf einer Intensivstation. Der gestrige Bericht ging auf Grünen-Kreisrätin Katharina Hallweger zurück. Sie unterstrich: »Ich wollte niemand kritisieren, sondern die Gelegenheit nutzen, dass sich Menschen wieder abgeholt fühlen.« Dazu Landrat Siegfried Walch: »Die Situation belastet uns 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche. Wir alle arbeiten unter höchstem Druck. «

kd