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Interessante Kombination von Moderne und Romantik

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Dirigent Christoph Adt bedankt sich stellvertretend für das ganze Orchester bei seiner Konzertmeisterin. (Foto: Kaiser)

Zwei Publikumslieblinge hatten Christoph Adt und die Bad Reichenhaller Pilharmonie bei ihrem letzten Beitrag zu den Sinfonischen Konzerten Traunstein mitgebracht, beide aus der Feder von Felix Mendelssohn Bartholdy, das Violinkonzert e-Moll und die »Italienische«, die Sinfonie A-Dur – eine hohe Besucherquote war eigentlich zu erwarten. Nun ist dem Dirigenten auch die zeitgenössische Musik wichtig; er versucht, sie in seinen Konzerten aus ihrem Nischendasein herauszuholen und einem breiteren Publikum hörbar zu machen. Deshalb hatte er Moritz Eggerts (geboren 1965) im Jahr 1991 komponierte Ouvertüre für Kammerorchester »Der Rabe Nimmermehr« den Mendelssohn-Werken vorangesetzt. Diese Programmgestaltung kann doch nicht der Grund dafür gewesen sein, dass die Besucherzahl in der Aula der Berufsschule an der Wasserburger Straße eher enttäuschend war. Was ist los mit den Musikliebhabern der Region, dass sie solche Angebote nicht wahrnehmen?


Christoph Adt bot vor seinem eigentlichen Auftritt als Dirigent eine kurze Hinführung zu Moritz Eggerts Werk an – »ohne Sie belehren zu wollen« – und rezitierte einige Strophen aus dem recht langen Gedicht »The Raven Nevermore« von Edgar Allan Poe, das der Ouvertüre zugrunde liegt, in deutscher Übersetzung; er machte so die Zuhörer mit dem besonderen Humor trotz des Bewusstseins eines Verlustes bekannt, der diesem amerikanischen Schriftsteller eigen ist.

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Moritz Eggert, ein kreativ-eigenwilliger Querdenker mit Sinn für Widersprüchliches und Ausgefallenes, nannte seinen »Raben« eine »umgekehrte Ouvertüre zu einer imaginären Oper«. »Mir ist unklar, was er damit sagen wollte«, meinte Christoph Adt, doch er dirigierte dieses Werk der kurzen Entwicklungen in intensivem Eingehen auf oft sehr karge Details, arbeitete die Auseinandersetzung zwischen harmonischer Ruhe und dissonanten Kontrasten eindrucksvoll heraus: eine schmeichelnde Solovioline, Oboengemeckere, Streicherweben, eine nachdenklich gefühlte Holzbläserepisode, Pizzikatoelemente, eine choralartige Passage mit den Schlägen der Röhrenglocken, Becken und Gongs.

Immer präsent war dabei das umfangreiche Schlagwerk: Flaschenspiel (mit Wasserfüllung gestimmte Weinflaschen), eine Metalltonne zum Hineinwerfen von Knallerbsen, die üblichen Trommeln, Bongos und Becken, ein Donnerblech, zwei Tam-Tams. Nein, es war subtil, nicht laut, aber nicht ganz einfach nachzuvollziehen beim einmaligen Hören. Das Überraschende für den Berichterstatter: Ihm kam kein einziges Mal der Gedanke an den Raben, er spürte nur waches Interesse, das reich belohnt wurde.

Dann stellte sich mit Felix Mendelssohn Bartholdys Konzert für Violine und Orchester e-Moll op. 64 Julia Galic dem Publikum und gewann es für sich durch ihre Erscheinung, ihre engagierte, doch unaufgeregte Körpersprache, vor allem aber durch ihre großartige Tongebung und Phrasierung. Voll Freude lauschte sie den Orchesterzwischenspielen vor ihrer ausgedehnten, ausgekosteten Kadenz im 1. Satz, beeindruckte durch ihre Doppelgriffe und Oktavenpassagen, durchformte und akzentuierte auch noch die heftigen Läufe im Schlusssatz in vollkommen entspanntem Engagement. Ein »Thema aus Schindlers Liste« von John Williams war ihr Dank an das begeisterte Publikum.

In seiner Sinfonie Nr. 4 A-Dur op. 90, genannt »Die Italienische«, reflektierte Mendelssohn die Eindrücke seiner Italienreise in den Jahren 1830/31. Christoph Adt stellte sie dem Traunsteiner Publikum in einer dynamisch sorgsam abgestuften, im Tempo straff-geschmeidigen Fassung vor; besonders die Ecksätze ließen pure »Italianità« in heller Lebensfreude aufblitzen. Ein markant einleitendes Unisono und delikate Steichherstakkati prägten den 2. Satz, menuettartig kam der folgende. Der Schlusssatz, vom Komponisten als »Saltarello« betitelt, riss die Zuhörer wie eine neapolitanische Tarantella mit. Engelbert Kaiser