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IOC schaltet sich in FIFA-Affäre ein

Frankfurt/Main (dpa) - FIFA-Boss Joseph Blatter wird von allen Seiten attackiert. Selbst Mitstreiter aus der FIFA-Exekutive rücken von ihm ab, auch das IOC will sich an diesem Wochenende in London mit der Schmiergeldaffäre des Fußball-Weltverbandes beschäftigen.

FIFA-Chef
Joseph Blatter steht schwer in der Kritik. Foto: Fredrik von Erichsen Foto: dpa

Dem 76 Jahre alten Schweizer Blatter droht die Rote Karte. Der schwer beschädigte Boss des Fußball-Weltverbandes muss sich nun vor seinem Exekutivkomitee erklären und gegen Rücktrittsforderungen wehren. Dabei sollte die Sitzung eigentlich der Startschuss für einen Reformkurs sein. Und der Deutsche Fußball-Bund weist Blatters Andeutungen, bei der WM-Vergabe für 2006 sei nicht alles mit rechten Dingen zugegangen, weiter heftig von sich.

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Das Führungsgremium der FIFA will ausgerechnet jetzt den Ethik-Kodex verabschieden und die Vorsitzenden der beiden Kammern der Ethikkommission einsetzen. «Die Sitzung des Exekutivkomitees ist eigentlich anberaumt worden, um den Reformprozess zu verabschieden. Aber diese Sitzung ist total überschattet von dem, was jetzt öffentlich geworden ist», sagte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach vor dem brisanten Treffen und nach den Enthüllungen in der ISL-Affäre, wo Bestechungsgelder geflossen sind.

DOSB-Präsident Thomas Bach forderte eine vollständige Aufarbeitung. «Es sollte aus meiner Sicht alles aufgeklärt werden. Denn die Einstellungsverfügung macht lediglich zwei Personen und eine Summe von angeblich 14 Millionen öffentlich, während insgesamt wohl 140 Millionen über mehrere Jahre in Rede stehen», sagte der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung».

Der ehemalige FIFA-Präsident Joao Havelange und dessen brasilianischer Landsmann Ricardo Teixeira hatten vor Jahren von der inzwischen insolventen Schweizer Marketingfirma ISMM/ISL rund 14 Millionen Schweizer Franken (heute umgerechnet etwa 13 Millionen Euro) Schmiergeld kassiert. Insgesamt soll ISL aber geschätzt 138 Millionen Schweizer Franken (umgerechnet rund 114 Millionen Euro) an rund ein Dutzend Funktionäre gezahlt haben.

Das in den Akten der Staatsanwaltschaft Zug belegte Ausmaß der FIFA-Korruptionsaffäre hat weltweit Wellen geschlagen und ein schlechtes Licht auf Blatter geworfen. Gerade deshalb misst Exekutivmitglied Theo Zwanziger der Exekutivsitzung große Bedeutung bei. «Die nunmehr öffentlichen Informationen beweisen leider in negativer, aber auch eindrucksvoller Weise, wie zwingend notwendig der aktuelle Reformprozess bei der FIFA und wie wichtig die Schaffung einer komplett unabhängigen Ethikkommission und eines klaren Ethikreglements ist», sagte der frühere DFB-Präsident der Nachrichtenagentur dpa.

«Ich bin zuversichtlich, dass die von Professor Mark Pieth für den Vorsitz der beiden Kammern vorgeschlagenen Personen bestätigt werden, sofort ihre Arbeit aufnehmen und sich auch dieser Sache - komplett unbeeinflusst von der FIFA - noch einmal annehmen», sagte Zwanziger.

Der ehemalige FIFA-Direktor Guido Tognoni erhob schwere Vorwürfe gegen Blatter, nachdem dieser in einem Interview am Wochenende Unregelmäßigkeiten bei der WM-Vergabe für das «Sommermärchen» 2006 angedeutet hatte. «Sepp Blatter war immer dabei. Wenn Sepp Blatter den Deutschen jetzt irgendwelche Vorwürfe macht, dann treffen die auf ihn zu. Denn er hätte ja das Ganze stoppen können, wenn es unsauber gelaufen wäre. Dann hätte er sagen müssen: So geht es nicht», sagte der Schweizer im ARD-Morgenmagazin.

Der FIFA-Chef habe jedes Detail bei der WM-Vergabe im Juli 2000 an Deutschland gewusst: «Jetzt im Nachhinein zu kommen, das finde ich etwas billig.» Gegen Blatter selbst will das IOC nicht ermitteln, teilte ein IOC-Sprecher mit: «Die FIFA hat eine neue ethische Kommission eingerichtet, die ist jetzt gefordert.»

In einem offenen Brief an «Fußball-Deutschland» relativierte Blatter seine Aussagen zu Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe der WM 2006. Der FIFA-Boss erklärte in der «Bild», dass «man immer einen Vorwand finden kann, um die Rechtmäßigkeit eines Entscheides zu bezweifeln.» Sogar in Zusammenhang mit Deutschland, «das eine perfekte WM lieferte. Ein Sommermärchen sondergleichen, worauf das Land stolz sein kann.»

Der FIFA-Boss glaube nicht an Verschwörungstheorien, sondern nur an Fakten. «Solange keine konkreten Beweise vorliegen, dass bei irgendeiner WM-Vergabe etwas schief gelaufen ist, muss und soll man an der Rechtmäßigkeit der Wahl festhalten. Dies gilt für Deutschland ebenso wie für alle anderen Länder. Das ist die Kernaussage meiner Botschaft.»

Nachträgliche Sanktionen gegen den FIFA-Ehrenpräsidenten Havelange, der im Dezember als IOC-Mitglied zurückgetreten war, schloss Rogge aus. «Herr Havelange ist kein IOC-Mitglied mehr und fällt damit auch nicht unter IOC-Regeln. Herr Havelange ist als Mitglied zurückgetreten und kann deshalb auch kein Ehrenmitglied werden», sagte der Belgier. Havelange war durch seinen Rücktritt dem Ausschluss aus der Ringe-Organisation wegen seiner Verwicklung in die Korruptionsaffäre um die Marketingfirma ISMM/ISL zuvorgekommen.

Der deutsche Ligapräsident Reinhard Rauball hatte Blatter telefonisch zum Rücktritt aufgefordert. Niersbach reagierte zunächst entsetzt auf die jüngsten Enthüllungen, zeigte sich aber gelassen, was Blatters Andeutungen um die WM-Vergabe für 2006 angingen. Er sprach auf «Sky Sport News HD» von «komischen Nebelkerzen» des FIFA-Präsidenten und meinte: «Wir haben da sauber gearbeitet.»

Auch Franz Beckenbauer wehrte sich als WM-Organisationschef erneut: «Klarstellung: Das Abstimmungsergebnis für die WM 2006 war 12:11 (nicht 10:9) und die enthaltene Stimme war schriftlich Deutschland zugesichert», twitterte der «Kaiser». Er erinnerte damit daran, dass das Votum im Juli 2000 nicht 10:9 ausgegangen war, wie Blatter behauptet hatte.

Der inzwischen verstorbene Neuseeländer Charles Dempsey hatte vor der Abstimmung den Saal verlassen. Bei einem Patt hätte Blatters Stimme gezählt. Der FIFA-Präsident stand auf der Seite Südafrikas, das dann vier Jahre später den Zuschlag für die WM 2010 erhielt. Das Exekutivkomitee war damals das Abstimmungsgremium.

Als unabhängigen Chefankläger wünscht sich die FIFA den argentinischen Top-Juristen Luis Moreno Ocampo. Der 60-Jährige war von 2003 bis zum Juni dieses Jahres Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag.

«Man kann die Geschichte ja nicht zurückdrehen. Die Ethik-Kommission hätte man früher gründen sollen», räumte «Survival-Spezialist» Blatter («Frankfurter Allgemeine Zeitung») ein. Der 76-Jährige gibt sich als großer Reformer, nachdem er jahrelang nichts gegen den Filz unternommen hatte und erntet dafür auch viel Spott. «Der Sepp heiligt die Mittel», titelte am Montag die «Süddeutsche Zeitung».