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»Irgendwann muss Schluss sein« – Musikgeschäft in Traunreut schließt nach 40 Jahren

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Nach über 40 Jahren im »Haus der Musik« in Traunreut ist altersbedingt Schluss: Paul und Ingrid Komlew wollen die restlichen Jahre genießen, ohne ins Geschäft zu müssen.

Traunreut – Paul und Ingrid Komlew haben Traunreut und die Umgebung seit mehr als vier Jahrzehnten mit allem versorgt, was ein Musikerherz begehrt. Ihr Haus der Musik war eine Institution in der Stadt und viele Stammkunden bedauern sehr, dass es zum Jahresende schließt. »Irgendwann muss aber Schluss sein«, sagt der 72-jährige Geschäftsinhaber mit Bedauern, da es nicht möglich war, einen Nachfolger zu finden.


Paul Komlew wurde 1948 in Haslach bei Traunstein geboren. Trotz der Armut nach dem Krieg mietete sein Vater Paul für den damals Neunjährigen ein kleines Akkordeon. »Das war der Anfang, die Musik wurde mein Begleiter und ist es bis heute geblieben«, sagt der 72-Jährige.

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In jungen Jahren spielte er mit Alfons Schuhbeck in der Band »The Scalas«. Sie wurde schnell zu einer gefragten Tanz- und Showband.

Die jungen Burschen spielten teils täglich im Tanzcafé Excelsior in Traunstein und Paul Komlew erinnert sich: »Walter, unser Bassist, war damals erst 16 Jahre. Immer wenn es zu einer Polizeikontrolle im Lokal kam, versteckte er sich hinter seiner großen Bass-Box und entzog sich so jeder Anzeige.«

Sein persönliches Highlight als Bandmusiker war 1972, als die Band »Ric Gerty´s«, in der er als Berufsmusiker spielte, die offizielle Olympiaband in München wurde und täglich in der Disco im olympischen Dorf vor Sportlern aus der ganzen Welt auftrat.

Am 3. Mai 1976 eröffnete er in Traunreut dann das »Haus der Musik« an der Marktstraße. Das gesamte Areal gibt es heute nicht mehr und ist Teil der Firma Heidenhain. Schnell hatte er erste Angestellte und auch an den allerersten Verkauf erinnert sich der Besitzer noch: »Der erste verkaufte Artikel war ein Klavierstuhl an die Familie Eliseit aus Vachendorf.«

Unzählige Musikschüler in den folgenden Jahren und die Erweiterung des Musikhauses zeugten von seinem Erfolg. Im eigenen Konzertsaal und im Kurhaus in Chieming fanden die Jahreskonzerte seiner privaten Musikschule statt, die jedes Mal eine große Besucherschar anlockten. Im Jahr 1985 hatte die Musikschule 450 Schüler, sechs vollbeschäftigte Lehrkräfte mit staatlich anerkannter Prüfung, zwei in Teilzeit beschäftigte Lehrkräfte, fünf Angestellte in drei Läden in Traunreut. Der rasante Aufstieg wurde dann jedoch mit der Gründung der kommunalen Musikschulen, zu denen die Gemeinden hohe Zuschüsse zahlten, gebremst.

Bekannte Berufsmusiker aus der Region lernten bei Paul Komlew, darunter Knut Mensing, Silke Aichhorn, Harfenistin, Helmut Jahn und sein Sohn Alex Komlew, der heute als Filmkomponist und Musikproduzent erfolgreich ist.

1998 zog das Haus der Musik in die Traunwalchner Straße um, wo es bis heute ist. 2001 kam seine Frau Ingrid in den Verkauf und setzte noch einmal völlig neue Akzente. Ihre stets offene und fröhliche Art hat viele Kunden begeistert und zu Stammkunden werden lassen. Die Kinder des Paares waren inzwischen außer Haus und die Ehefrau nahm die neue Herausforderung im Geschäft mit vollem Elan an.

Paul und Ingrid Komlew haben die lange berufliche und geschäftliche Reise bis zum heutigen Tag sehr genossen. Der Entschluss, aufzuhören, geschieht altersbedingt. Denn das Geschäft lief gut. In 44 Jahren »Haus der Musik« seien Musikinstrumente und Dienstleistungen für 20 Millionen Euro verkauft worden. »Ich habe über Jahrzehnte akribisch einen Tagesplan geführt und kann auf eine Arbeitsleistung von 106 225 Stunden zurückblicken«, betont der Senior.

»Dies entspricht einer Stundenwochenleistung von rund 55 Stunden. In den 44 Jahren fehlte ich nicht einen Tag krankheitsbedingt im Geschäft, was ich in erster Linie meiner lieben Ingrid zu verdanken habe. Sie ist jetzt 50 Jahre an meiner Seite und hat mit mir alle Höhen und Tiefen durchgestanden, ein Umstand, der alles andere als selbstverständlich ist«, sagt Paul Komlew.

Jetzt wollen beide die restlichen Jahre, die ihnen zusammen noch bleiben, genießen, ohne jeden Tag im Geschäft stehen zu müssen. Paul Komlew resümiert: »Der Standort Traunreut war 1976 die absolut richtige Entscheidung. Eine junge aufstrebende Stadt mit wachsender Bevölkerung, die noch dazu sehr musikalisch war.

Wir freuten uns aber natürlich auch über Kundschaft aus ganz Deutschland und der Welt und machten uns ein eigenes Ritual für Instrumentenlieferungen in weit entfernte Gebiete: Ein Klavier in eine Villa von Thurn und Taxis nach Südfrankreich, eine schwarze Violine nach Luxemburg, ein weißes Kawai Klavier nach Bonn und andere mehr. Diese Lieferfahrten haben wir stets an Wochenenden terminiert und diese sogleich mit einem schönen Kurzurlaub verbunden.« mix


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