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Irre – wir behandeln die Falschen!

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Die Usancen der Finanzwelt erklärte Clemens von Wagner dem Publikum im NUTS. (Foto: Barbara Heigl)

Zu dem im Titel zitierten Schluss könnte man nach dem Kabarettprogramm in der Traunsteiner Kulturfabrik NUTS kommen, in dem der auch in Funk und Fernsehen präsente Kabarettist Claus von Wagner den Aberwitz des weltweiten Finanzgebarens anprangerte. In dem Buch »Irre – wir behandeln die Falschen« beschreibt der Autor Manfred Lütz das kriminelle Finanzgebaren und dessen Auswirkungen und kommt zu dem Schluss, das die vermeintlichen Irren im Vergleich mit denen in den Banken und an den Börsen, geradezu harmlos sind. Das bekannte Zitat von Bertolt Brecht »Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?« trifft wahrscheinlich heute mehr denn je den Nagel auf den Kopf – das machte von Wagner den Zuhörern mit seiner so umfangreichen wie tragikomischen Finanzanalyse klar.


Geradezu beklemmend still wurde es, als er erzählte, wie seine Finanzberaterin bei der Bank sein weniges Erspartes »sicher« anlegte und sich das Geld irgendwann in eine Seifenblase auflöste. »Wir sind das Plankton im Meer der Finanzhaie« beschrieb von Wagner die Situation treffend. Später, in der Pause, konnte man in den aufgeschnappten Gesprächsfetzen hören, dass diese Erfahrung wohl einige selbst betrifft. Daher wohl das betretene Schweigen im Saal.

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Wie meistens in seinen Programmen, hat er auch hier wieder eine komplexe Figur geschaffen, die klar macht, dass das Politische und das Private eng miteinander verknüpft sind. Im neuen Programm war es sein eben erst gestorbener Vater, ein ranghoher Finanzhai, dessen E-Mailverkehr dem Sohn einen Schrecken nach dem anderen einjagte. Im Tresorraum der Deutschen Bank, aus Versehen für Stunden eingesperrt, sichtete er die Hinterlassenschaft seines Vaters.

Die Bank hatte ihn so zusagen verschlungen, und am Ende hätte sie ihn fast auch noch verdaut! Eine schöne Parabel auf den ganzen Irrsinn, dem offensichtlich auch die Politik nichts entgegensetzen möchte, denn man trifft sich ja – siehe Merkel und Ackermann- auch mal zu einer gemeinsamen Feier oder einem Abendessen.

Dem Programm muss eine sehr umfangreiche und genaue Recherche vorausgegangen sein; man muss diese akribische Detailarbeit einfach nur bewundern, die von Wagner da geleistet hat! All diese Puzzleteile der Finanzwelt zusammenzusetzen und sie kabarettistisch aufzubereiten ist ihm jedenfalls toll gelungen.

Einige Schlaglichter: etwa die Wetten auf die Lebensversicherungen von Senioren, 1984-Sprech wie »Negativ-wachstum«, Anlagepyramiden in der Form der bekannten ägyptischen Grabmäler, Ratingagenturen, die Prognosen für die Zukunft aus der Vergangenheit extrahieren, und unser Umgang mit dem Geld-schein. Herrlich auch das Bild der Märkte, das er entwarf. Er stellte uns die Märkte als einen 500-Kilo-Mann vor, in einem kleinen Zimmer auf dem Rücken liegend, und alle, die ihn sehen, sagen, die Märkte müssten unbedingt noch wachsen und stopfen ihm immer mehr in den gierigen Rachen. Und es ist kein Ende abzusehen, denn die Eliten werden nicht mehr verantwortlich gemacht, so Wagner; das Volk schaut nur belämmert zu, weil es ja auch nicht so recht durchblickt, wie letztlich keiner mehr, ob oben oder unten.

Nach so einem Abend könnte man vor Wut heulen, so schön auch der Abend mit dem sympathischen, jungenhaften Schlaks war, denn – was nun? Was tun mit seiner Wut? Dazu hatte er eine schöne Idee, die auch leicht umzusetzen ist. »Gehen Sie immer mal auf Ihre Bank und lassen Sie sich Ihr angelegtes Geld mit den Worten 'Ich will nur schauen, ob es noch das ist' bar auszahlen und, wenn vorhanden, wieder zurück buchen.« Die Macht der Verbraucher wäre groß, würden sie diese so subtil nützen, wie von Wagner das vorschlägt. Ist man nicht zufrieden mit seiner Bank, kann man diese ja auch wechseln. Kleinvieh macht auch Mist, nicht nur als Kleinanleger, der den Swimmingpool des Finanzberaters finanzieren soll, sondern eben auch als aufgeweckter Kunde.

Mit emphatischem Beifall belohnte das Publikum die Mühe, die der Künstler auf sich genommen hat, ihm so unterhaltsam einen Ausschnitt aus der Finanzwelt zu erklären. Wer sein Wissen darüber noch erweitern will, kann sich ja die vorletzte Folge von »Neues aus der Anstalt« in der Mediathek des ZDF ansehen, in der Urban Priol beim Scrabbeln das Wort Bundeskanzlerin in »Bankzinsenluder« umdreht. Barbara Heigl