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Italien und die Populisten

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Matteo Salvini
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Matteo Salvini (l), Innenminister von Italien, bei einer Kundgebung der Partei Lega Nord. Foto: Simone Arveda Foto: dpa

Wie tickt diese Regierung, die Europa in Aufruhr versetzt? Eine Dokumentation widmet sich Italien im Umbruch. Und versucht zu zeigen, was das für Europa bedeuten kann.


Rom/Berlin (dpa) - Es sind Massen, die Matteo Salvini zujubeln. Die Menschen sind wie im Rausch, überall sind Smartphones, die diesen Moment festhalten sollen. Solche Szenen spielen sich fast täglich in Italien ab, dabei ist der Wahlkampf längst vergangen.

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Salvini, der Vize-Premier, Innenminister und Chef der rechten Lega mischt nicht nur sein Land, sondern die gesamte EU derzeit stärker auf als irgendein anderer. Die Arte-Dokumentation »Italien und die Populisten« zeigt an diesem Dienstag (20.15 Uhr) das von EU-skeptischen Populisten regierte Italien und stellt die Frage, ob das eine Gefahr für Europa werden könnte.

Nach einer denkwürdigen Wahl im März und einer monatelangen Hängepartie taten sich Salvinis Lega und die populistische Fünf-Sterne-Bewegung zusammen. Seitdem ist das Land im Umbruch. Die Macher der Dokumentation geben einen Einblick in dieses andere Italien, indem sie nacherzählen, was in den ersten Monaten nach Regierungsantritt passierte und die derzeitigen Protagonisten - Salvini und Sterne-Chef Luigi Di Maio - vorstellen. Einschätzungen liefern neben Politikern auch andere bekannte Persönlichkeiten des Landes.

Die Dokumentation ist eine Reise, die nicht nur in die Machtzentralen Roms, sondern auch in den von Arbeitslosigkeit geplagten Süden und in die Heimat von Salvinis Partei, den Norden, führt - jeweils die Hochburgen der so unterschiedlichen Partner. Das »politische Alphatier, vor dem heute ganz Europa zittert« gibt ein Exklusiv-Interview, darin präsentiert sich Salvini als Mann des Volkes, für den er von vielen auch gehalten wird. »Ich habe kein Geheimnis, keine Strategie, niemand schreibt mir meine Reden. Mein Geheimnis ist die Normalität«, sagt er. Abends gehe er noch immer in Shorts zum Joggen und fahre »heimlich« mit der U-Bahn. »Ich führe ein ganz normales Leben, gehe einkaufen, tue aber auch das, wozu ich angetreten bin.«

Zu Wort kommen auch Salvini-Bewunderer wie der ehemalige Trump-Berater Steve Bannon oder der belgische Rechtspopulist Mischaël Modrikamen. »Viele sagen, Populismus bedeute viel Reden, aber kein Handeln«, sagt Modrikamen. »Salvini beweist das Gegenteil: Er handelt da, wo es immer hieß, das geht nicht.«

Die Dokumentation zeichnet ein düsteres Bild, für Italien und für Europa. Das liegt auch an den vielen ausgewählten kritischen Stimmen: »Wenn Di Maio und Salvini ihr Programm durchziehen, wird Europa implodieren, die Beziehungen zwischen Italien und Europa werden sich auflösen, und das Land wird auf katastrophale Weise isoliert sein«, sagt zum Beispiel der italienische Journalist und Herausgeber der Zeitung »Il Foglio«, Giuliano Ferrara. »Im selben Zuge werden die Menschen verarmen, die ihren Unmut zum Ausdruck gebracht und den Rechtspopulisten zur Macht verholfen haben.«

Doch was hält der »normale Italiener«, das Volk von all dem? Die, die nicht hochrangige Staatsanwälte oder renommierte Schriftsteller sind? Diese Seite wird weitgehend ausgeblendet. Die Zivilgesellschaft, die sich der Doku zufolge langsam rührt, wird nur aus der Ferne gezeigt. Auch die verängstigten Alten, von denen die Rede ist, die perspektivlose Jugend, die Menschen, die sich das versprochene Bürgereinkommen herbeisehnen - sie kommen nicht zu Wort.

Vox populi, vox dei