Jonglieren mit den Maßnahmen

Bildtext einblenden
Der Eingang beim Sportgeschäft »Krenn« im Panorama Park ist verriegelt. Rein kommt man nur mit einem negativen Test und Registrierung. (Foto: Eva Goldschald)

Berchtesgaden – Während die letzte Woche ein kurzer Hoffnungsschimmer für die Einzelhändler war, ist die Situation seit Montag wieder eine ganz andere. Wer einkaufen will, braucht einen negativen Corona-Test und muss sich registrieren, weil die Drei-Tage-Inzidenz über 100 liegt. Jede Woche jonglieren die Geschäfte mit den neuen Maßnahmen, halten sich an alle Regeln und werden trotzdem immer wieder aufs Neue vor den Kopf gestoßen. Wer nicht zu den systemrelevanten Sparten wie beispielsweise Drogerie, Lebensmittel oder Optiker zählt, muss täglich mit neuen Einlassbeschränkungen oder gar Schließungen rechnen.

Anzeige

»Was soll ich sagen, uns geht’s schlecht«, klagt Eva Krenn vom Sportgeschäft »Krenn« im Panorama Park. Letzte Woche freute sie sich noch über regen Zulauf der Kunden, in dieser Woche kommen höchstens zehn Leute pro Tag, und dann seien es meistens Paare. Regulär ist das Geschäft seit Montag für die Laufkundschaft geschlossen. Wer rein will, muss sich am Empfang, für den immer ein Mitarbeiter zuständig ist, anmelden. Ohne negativen Corona-Test darf man nicht rein. Eva Krenn erhält pro Tag etwa 150 Anrufe von Kunden, die wissen wollen, ob geöffnet ist und was jetzt genau gilt. »Es kennt sich ja niemand mehr aus, jede Woche kommen neue Maßnahmen und Bestimmungen, da verlieren die Leute einfach den Überblick«, erzählt sie.

Viele Anrufe und wenig Kundschaft

Am liebsten ist es der Geschäftsführerin, wenn die Leute schon alles parat haben und dann einfach nur eintreten. Das wäre für sie dann Luxusshopping, so ganz allein im Laden. Sie habe jetzt auch Schnelltests bestellt, um auch die spontanen Kunden schnell bedienen zu können. »Viele fragen sich ohnehin, wieso ich nebenan ohne jegliche Maßnahme zum Rossmann und zum Edeka spazieren kann, während ich dann bei uns oder im Baumarkt so einen Aufwand betreiben muss«, erklärt Krenn. Auch finanziell wäre die Lage schwierig. Zwar dürfe Eva Krenn die Überbrückungshilfe 3 beanspruchen, bei der sie Fixkosten geltend machen kann. Weitere Hilfen wären nur möglich, wenn sie die Ware wegwerfen würde. »Das kommt für mich aber nicht infrage, wo sind wir denn. Alle reden wir von Nachhaltigkeit, wohnen im Nationalpark und dann solle man für Geld Ware wegwerfen. Da glangst dir doch ans Hirn.«

Auch Jessi Wagner, Mitarbeiterin beim »Sunny« in Berchtesgaden, hat kein Verständnis für die Maßnahmen. Während ihr Freund in Salzburg normal einkaufen kann, gelten ein paar Kilometer weiter ganz andere Regeln. »Die Zahlen drüben sind sogar höher als bei uns, und trotzdem lassen sie die Geschäfte offen, während sie einfach nur eine bestimmte Anzahl an Kunden reinlassen«, erklärt Wagner. Anders als bei Sport Krenn, unterschied sich die Kundenanzahl im »Sunny« in dieser Woche nicht wirklich von der letzten. »Die Leute sind generell verunsichert. Wir bekommen so viele Anrufe, ob wir offen haben und was sie tun müssen, um einkaufen zu können. Letztendlich kommen dann aber doch nur drei Kunden, so wie in dieser Woche.« Vorteil für den »Sunny« sei allerdings der Onlineshop, der über Zalando laufe. Jessi Wagner bestätigt, dass viel mehr Leute online kaufen als normal und zeigt dafür vollstes Verständnis: »Wenn ich so einen Aufwand betreiben müsste nur für ein T-Shirt, dann würde ich auch nicht einkaufen gehen, sondern lieber online bestellen.«

Maria Rupprecht, Chefin der Buchhandlung »Rupprecht« in Berchtesgaden, sieht die Situation etwas gelassener. Zwar sei der Aufwand schon sehr hoch, allerdings funktioniere das System mit Click&Collect bei ihr sehr gut. »Bei uns wissen die Leute meistens eh, was sie wollen. Dann bestellen Sie und holen es bei uns ab. Das war auch vor der Verschärfung schon so. Für diejenigen, die erst mal stöbern möchten, ist es natürlich umständlicher«, gibt sie zu. Einen Test vor Ort biete sie nicht an, da die Leute ohnehin dazu angehalten wären, sich vorab testen zu lassen.

Das »Seifenkistei« von Brigitte Zobel hat gleich gar nicht geöffnet. »So viel können sich die Berchtesgadener ja gar nicht waschen, dass sich das rentiert«, lacht Brigitte Zobel und fügt hinzu: »Wir sind auch keine Drogerie in dem Sinne und wegen einem Stück Seife für 3,50 Euro macht doch keiner einen Corona-Test.« Zobel bietet einen kostenlosen Lieferservice im Talkessel und Leute können bei ihr online bestellen.

Brigitte Zobel hat das System Click & Meet ausprobiert, aber nachdem sie am letzten Freitag den ganzen Vormittag 25 Euro Umsatz gemacht hatte, entschloss sie sich dazu, den Laden erst mal nicht mehr zu öffnen. »Click  &  Meet, Click & Collect, Click &  Meet  &  Collect oder Click &  Test, da kennt sich doch niemand mehr aus. Die Stimmung ist katastrophal«, beklagt sie. Da tue es zumindest gut, dass die Einheimischen einem gut zusprechen und damit Mut machen. Auch die Stammkunden würden ihr ein gutes Gefühl geben.

Alle wollen, nur wenige dürfen

Zobel beklagt, dass es fünf vor zwölf ist. Es ginge einem als Einzelhändler und Mitarbeiter an die Nieren, dass man nie weiß, wann und wie es weitergeht. Alle wollen arbeiten und dürfen nicht.

»Es setzt einem wirklich zu«, seufzt Zobel und ergänzt: »Ich denke so oft an Pfingsten. Wenn sie da auch noch nicht aufsperren, weiß ich nicht, wie vor allem Gasthäuser und Hotels das überleben sollen.« Eva Goldschald

Einstellungen