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Junge Hirten verändern die Welt

Es war ein ganz besonderes Gesamtkunstwerk, das Gastspiel des Münchner Adventsingens im Bad Reichenhaller Kurgastzentrum. Mit einer gut zusammengestellten Mischung aus überwiegend volksmusikalischen und szenischen Beiträgen gelang es den beteiligten Interpreten, das Publikum vielschichtig und differenziert auf das bevorstehende Christfest einzustimmen. Wohldurchdacht war die Abfolge von Volksweisen, Chorsätzen und Instrumentalstücken auf den Inhalt von Josef Kriechhammers Hirtenspiel »Die guten Willens sind« ausgerichtet.

Die »Herrschaft« (Josef Kriechhammer) setzt ihren guten Willen in die Tat um und halbiert die Pacht. (Foto: Janoschka)

Unter der Gesamtleitung des Leiters der Münchner Schule für Bairische Musik, Moritz Demer, dessen einfühlsame Harfenklänge die verschiedenen Vokal- und Instrumentalgruppen begleiteten, musizierten der Chor und das Ensemble des Münchner Adventsingens unter der Leitung von Stefan Metz im Wechsel mit dem Hamberger Viergsang, der Lichtenstern Soatnmusi, den Bläsern des Münchner Adventsingens, dem Mühlviertler Vokalensemble sowie den Südtirol Bayrischen. Alle Instrumentalisten musizierten sehr einfühlsam miteinander, begleiteten die Sängerinnen und Sänger, interpretierten zarte Zwischenspiele mit transparenten Klangfarben und wechselnder Instrumentierung – das war kunstvolle, echte, professionell dargebotene Volksmusik vom Feinsten.

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Beinahe wie ein Leitmotiv erklang wunderbar von Chor, Gesangsgruppen und Instrumentalensemble »Der Herr gibt Hoffnung unsrer Welt, den Frieden, den die Welt nicht gibt«, denn dieses Thema wurde im Hirtenspiel aufgegriffen und szenisch dargestellt. Die erlösende Antwort darauf war der imposante Chor-Epilog »Gott hat ein Licht gebracht in dunkle Zeiten«. Auch »Der Mensch soll nicht stolz sein«, eine sauber intonierte eindringliche Botschaft des Mühlviertler Vokalensembles, stellte einen inhaltlichen Bezug zu Kriechbaumers Stück dar, ebenso wie »Auf, auf, Ihr Hirten« des Hamberger Viergsangs.

Nahtlos gingen die einzelnen Programmpunkte ineinander über und geleiteten das Publikum gedanklich durch die besinnlichen Inhalte. Die Anordnung der einzelnen Gruppen auf der Bühne war so harmonisch, dass das Dargebotene beinahe wie ein Singspiel anmutete, dessen Handlungsablauf vor einem Wald von Tannenbäumen und mit stimmungsvollen Landschaftsbildprojektionen an der Bühnenrückwand bald durch Gesang, bald durch die Hirtenkinder voran getrieben oder durch meditative Instrumentalstücke unterlegt wurde.

In den fünf Bildern des Hirtenspiels erzählt der Autor Josef Kriechhammer, der auch künstlerischer Leiter des Ainringer Theatersommers ist, die Geschichte der Geburt Jesu und der Geburt des Stammhalters einer reichen Familie in parallelen Handlungssträngen. Genauso wie in der Bibel wird das Geschehen zuerst von den Hirten wahrgenommen, gedeutet und sodann den Menschen, hier der reichen Familie, verkündet, was sofort seine Wirkung zeigt, denn fortan sind der edle Herr (Josef Kriechammer) und seine Gemahlin zum Teilen mit den Ärmeren bereit.

Das Außergewöhnliche an diesem Hirtenspiel sind die verschiedenen Ebenen, auf denen sich das Geschehen abspielt: Vordergründig geht es um die Hirtenkinder, die alle ihre Rolle sehr überzeugend gestalteten, allen voran der kleine Michl. Ihre Armut, ihre verantwortungsvollen Aufgaben füreinander und für ihre Schafe sowie ihre kleinen Pflichten - darum dreht sich in erster Linie ihre Unterhaltung, die auch mit Komik durchsetzt ist. Aber der Hunger bringt sie zum Nachdenken über soziale Ungleichheit. Die Volkszählung und wie der Michl einem »Mann und einer hochschwangeren Frau« zu einer Herberge verhilft – die Geschichte von Jesu Geburt ist eingebettet in sozialkritische Gedanken über Verantwortung, Teilen, Frieden und guten Willen, aber auch Zweifel und Ironie tauchen auf.

Auf der sprachlichen und philosophisch-spirituellen Ebene bewegt sich das Thema des Willens als Leitmotiv durch alle fünf Bilder: in seiner Negativgestalt als Egoismus, als ein Aufzwingen des eigenen Willens auf andere, aber dann vor allem als der gute Wille, der das Unrecht aus der Welt schaffen und Frieden stiften kann. Die verschiedenen Ebenen laufen am Ende wieder auf dem ursprünglichen Handlungsstrang beim Michl, dem jüngsten Darsteller, zusammen, der dem frischen Brot für die Herrschaft nicht widerstehen konnte und zugibt, dass ihn der gute Wille für einen Moment leider doch verlassen hat.

Herzerfrischend und tiefgründig wurde hier mit Wort und Musik, mit Spiel und Gesang, das Wort Gottes anschaulich verkündet – in einem Adventsingen, das hoffentlich noch öfter die Reise nach Bad Reichenhall antreten wird. Jubelnder Applaus belohnte alle Mitwirkenden für ihr Engagement und ihr Können. Brigitte Janoschka