Jungrinder völlig abgemagert – 2800 Euro Geldstrafe wegen Tiermisshandlung

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Foto: dpa/Peter Steffen/Symbolbild

Traunreut – Wegen Misshandlung von sieben Kühen und sechs Jungrindern durch zu wenig und zu schlechte Fütterung musste sich eine ehemalige Landwirtin aus Traunreut vor dem Amtsgericht Traunstein verantworten. Richter Thilo Schmidt verhängte nach Anhörung von fünf Zeugen lediglich wegen der Fälle mit den jüngeren Tieren eine Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu je 70 Euro, also von insgesamt 2800 Euro. Die Vorwürfe bezüglich der erwachsenen Rinder hatte das Gericht zuvor auf Antrag der Staatsanwaltschaft eingestellt.


Durch anonyme Anrufe waren die Behörden auf die Tiermisshandlung aufmerksam geworden. Staatsanwältin Salome Engelsberger warf der gelernten Landwirtschaftsmeisterin und Nebenerwerbslandwirtin in der Anklageschrift vor, die 13 Tiere wochen-, wenn nicht gar monatelang unzulänglich gefüttert zu haben. Bei einer Nachkontrolle am 12. August 2019 habe das Veterinäramt Traunstein einen »deutlich reduzierten Ernährungszustand sowie einen mangelhaften Entwicklungszustand« festgestellt. Die sieben Kühe seien mittel- bis hochgradig abgemagert gewesen, die sechs Jungrinder ebenfalls, dazu noch in Wachstum, Entwicklung und Allgemeinzustand zurück geblieben. Ein Jungrind sei als »hochgradig kachektisch« eingestuft worden. Der Zustand beruhe auf »einer chronischen Unter- und Mangelernährung über längere Zeit«. Der stark abgemagerte Zustand der Tiere als solches rufe schon Schmerzen und Leiden hervor. Zu wenig und zu schlechte Fütterung führten zusätzlich zu erheblichen Stresszuständen, damit zu erheblichen Leiden. Dies habe die Angeklagte aufgrund ihrer beruflichen Erfahrung und des Aussehens der Rinder gewusst.

Wortreich erklärte die Angeklagte, die ihren Betrieb inzwischen aufgegeben hat, die Umstände im Jahr 2019. Sie berief sich auf Überlastung. Die Landwirtschaft habe sie aufrechterhalten wollen und sich auf die regelmäßigen Beratungen des LKV (Landeskuratorium der Erzeugerringe für tierische Veredelung e.V.) verlassen. Deren Vertreter seien bis zu viermal pro Jahr auf dem Hof gewesen und hätten nie etwas gesagt, ebenso wenig ein Tierarzt. Dazu der Vorsitzende Richter: »Sie wussten, mit den Tieren stimmte etwas nicht. Sie wussten aber nicht, was?« Das bejahte die Angeklagte. Sie habe an Parasiten gedacht, wegen denen die Tiere Futter nicht mehr richtig verwerten könnten.

Richter Thilo Schmidt verwies auf frühere Kontrollen des Landratsamts. 2015 und 2017 sei angeordnet worden, den Tieren ausreichend Futter und Wasser zu geben. Sie habe mehr als das Erforderliche getan, erwiderte die Ex-Bäuerin. Mit dem Futterberater des LKV sei sie alle Tiere durchgegangen. Dass diese geschrien hatten, räumte die Frau ein: »Das ist wie bei einem Hund, wenn sein Herrchen heimkommt. Wenn ich mit dem Traktor in den Stall fuhr, wussten sie, ah, jetzt kommt Futter. Nur wenn eine Kuh sehr lang durchschreit, muss man was tun.«

Was die Angeklagte beim Anblick der Tiere gedacht habe, wollte die Staatsanwältin wissen. Die Antwort war: »Rinder schauen in verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich aus. Für mich sahen sie gesund und vital aus.« Außerdem sei zu hohes Gewicht nicht gut: »Wenn sie 50 Kilogramm mehr gehabt hätten, hätten die Gelenke darunter gelitten. Ich wollte, dass es den Tieren gut geht.«

Unter den Zeugen waren zwei Amtstierärztinnen vom Veterinäramt Traunstein. Sie führten aus, Parasiten könnten im Einzelfall Wachstumsstörungen auslösen. Die 13 Kühe und Jungrinder hätten aber zumeist keine Parasiten gehabt. Ein Tierarzt sprach von Tieren aus »Haut und Knochen«. Sie hätten »sicher gelitten«: »Sie hatten ständig Hunger. Aber kein Tier war am Verhungern. Ich habe schon viel Schlimmeres gesehen.« Eine Milchviehproduktionsberaterin des LKV und ihr Kollege stuften die meisten Tiere, die sie im Juli 2019 gesehen hatte, »im normalen Bereich, der verbesserungsmöglich war«, ein, nur zwei als »eher unterdurchschnittlich«.

Richter Thilo Schmidt zog die Zwischenbilanz, der Tatnachweis sei bei den sieben Kühen »problematisch«. Auf Antrag von Staatsanwältin Salome Engelsberger wurde dieser Teil eingestellt. Bezüglich der Jungrinder, die »dramatisch zu klein waren infolge Mangelernährung«, forderte die Anklägerin wegen sechsfacher Tiermisshandlung durch Unterlassen eine Geldstrafe von 100 Tagessätzen à 30 Euro, somit von 3000 Euro. Freispruch beantragte Verteidiger Martin Neugebauer aus München. Die Tiere seien zu klein gewesen. Ob sie aber »Schmerzen« erlitten hätten, habe kein Zeuge sagen können. Im Fall einer Verurteilung seien allenfalls 20 bis 30 Tagessätze angemessen. Im »letzten Wort« meinte die Angeklagte, sie sei in ihrem jetzigen Beruf auf ein einwandfreies Führungszeugnis angewiesen.

Im Führungszeugnis, in das Geldstrafen erst ab 90 Tagessätzen eingetragen werden, wird die verhängte Strafe nicht auftauchen. In die Höhe des Tagessatzes bezog das Gericht weitere Einnahmen der ehemaligen Landwirtin ein. Der Vorsitzende hob den entscheidenden Punkt der Tiermisshandlung heraus. Die Tiere hätten wohl keine »Schmerzen« gehabt, aber »Leiden« ertragen: »Die Jungtiere hätten eigentlich das Zwei- bis Dreifache wiegen müssen.« Hätten alle Parasiten gehabt, hätten diese jedenfalls tierärztlich behandelt werden müssen – was nicht geschehen sei. Die Unterernährung sei dokumentiert, zuletzt auch durch das Schlachtgewicht der Tiere. Den Jungrindern sei – trotz Verbesserungen nach der amtlichen Kontrolle – nicht mehr zu helfen gewesen, schloss der Vorsitzende. kd