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Käfer im Rahmen und Sofabezug im XXL-Format

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Für den Transport von Riesenkunstwerken braucht es besondere Lösungen: Die Teilnehmer der Kunstsprechstunde stehen um die Skulptur »Winterschlaf« von Georg Baselitz. (Foto: Effner)

Im Traunreuter Museum DASMAXIMUM gibt es faszinierende Meisterwerke der deutschen und amerikanischen Gegenwartskunst zu entdecken. Das hat sich nicht nur in der internationalen Fachwelt herumgesprochen, sondern weckt auch in der Region zunehmendes Interesse. Einen Blick hinter die Kulissen des regulären Ausstellungsbetriebs werfen konnten jetzt die 50 Besucher der »Kunst-sprechstunde«. Diese seit mehreren Jahren von den Künstlern Helmut Mühlbacher und Cosima Strähhuber in Traunstein veranstaltete Gesprächs- und Diskussionsreihe war im Rahmen des bayernweiten Festivals »Kunst & gesund« erstmals auswärts zu Gast im Museum DASMAXIMUM.


Dessen Leiterin Dr. Birgit Löffler gab zum Teil ver-blüffende Einblicke, wie anspruchsvoll sich die Arbeit gestaltet, wenn es um den Wert- und Substanzerhalt von Kunstwerken geht. Der Bogen reichte dabei von käferzerfressenen Transportkisten aus Tropenholz und Flecken auf Leinwänden über Transporte tonnenschwerer Skulpturen bis hin zu echten Neuentdeckungen auf der Rückseite von Kunstwerken.

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Wie organisiert man etwa einen neuen Schutzüberzug aus Baumwollnesselstoff für ein gut neun Meter breites, ausladendes Sofa? Diese Frage stellte sich vor dem Werk »Wiley’s Island« von John Chamberlain aus dem Jahr 1997, wie Löffler erläuterte. »Wir haben die meterlangen Stoffbahnen, Nähmaschinen und Bügeleisen kurzerhand hier im Museum aufgebaut und alles schrittweise angepasst«, erklärte die Kunsthistorikerin. Verschmitzt grinsend erinnerte sie an den notwendigen Ideenreichtum und das Fach-wissen bei der Umsetzung mit der Schneidermeisterin und Schnittdirektrice Christine Fichtner aus Traunstein. Das trickreiche Unterfangen gelang offenbar so gut, dass die New Yorker Dia Art Foundation ebenfalls mehrere »Maßanzüge« von bis zu elf Metern Länge für die dortigen Chamberlain-Sofas bestellt hat.

Dass die Präsentation von Minimal Art maximale Herausforderungen bergen kann, stellte Löffler am Beispiel von Werken Walter De Marias vor. Teures Spezialglas etwa ist nötig, um einzelne, fingergroße und mit Bleistift wie hingehaucht wirkende Begriffe auf Großformaten aus billigstem Papier überhaupt erkennbar bleiben zu lassen. Paradox: Auf der Rückseite sind die Rahmen des Künstlers oft mit genauen Anweisungen zur Hängung und Präsentation beschrieben. Eine mehrtägige und aufwändige Reinigungsprozedur war notwendig, um die aus hoch-glanzpoliertem Edelstahl konstruierten Metallstäbe des Künstlers von bereits oxidierten Fingerspuren zu befreien. »Natürlich reizt die Oberfläche zum Anfassen, aber wenn ich alles unter Plexiglas verstecke, geht die Wirkung verloren«, schilderte Löffler den Konflikt in der Ausstellungspraxis. Sie berichtete ebenfalls von den hohen Versicherungsanforderungen bei Kunstwerken im Museum.

»Da hätte uns fast der Schlag getroffen«, berichtete die Museumsleiterin vom Auspacken der Transport-kisten für großformatige Werke des Künstlers Imi Knoebel. Splintholzkäfer hatten sich unbemerkt in der Transportverpackung eingenistet. Zur Sicherheit landeten die Kunstwerke aus Hartfaserplatten umgehend im Stickstoffzelt, wo sie wochenlang bleiben mussten. Die unerwünschten Krabbler wären auch für das Parkett im Museum eine Katastrophe gewesen. Um sich fachlichen Rat zu holen, stieß Dr. Löffler seinerzeit auch auf die Diplom-Restauratorin Michaela Tischer aus München. Sie arbeitet seither regelmäßig für DASMAXIMUM, war beim Rundgang aber verhindert.

Ebenfalls ein Abenteuer war der An- und Abtrans-port zweier Riesenkunstwerke von Georg Baselitz aus Holz und Bronze, wie Löffler anhand von Lichtbildern deutlich machte. Der Bau eigens angepasster Transportkisten und das Manövrieren per Kran im Museum zeugten vom immensen Aufwand der Kunsttransporte.

Die Frage, inwieweit Veränderungen, der Austausch abgenutzter Originalteile (etwa Leuchten bei Werken von Dan Flavin), Restaurierungen oder problematische bzw. fehlende Künstleranweisungen zur Aufstellung von Kunstwerken dessen Echtheitsgrad und damit auch Wert beeinträchtigen, wurde in der Diskussion kontrovers beleuchtet. Ebenso ausführlich diskutiert wurde die Frage, inwieweit sich bestimmte Kunstwerke, etwa aus Lebensmitteln oder Videokunst, dauerhaft restaurieren lassen. Axel Effner