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Kamasi Washington: Überwältigungs-Jazz für die Popcharts

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Kamasi Washington
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Ein Mann für die längeren Stücke: Kamasi Washington. Foto: Kabir Dhanji/EPA Foto: dpa

Erneuerer oder doch eher Traditionspfleger? Das zweite Großwerk des Saxofonisten Kamasi Washington macht die Sache noch nicht klarer. Aber auch «Heaven And Earth» dürfte den Jazz wieder weltweit in die Popcharts bringen.


Berlin (dpa) - Vor drei Jahren tauchte der bis dahin nahezu unbekannte Saxofonist Kamasi Washington erstmals auf der Bildfläche auf - und war sogleich eine Sensation.

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Sein an großen Vorbildern wie John Coltrane und Charlie Parker geschulter, politisch aufgeladener Soul-Jazz auf dem Debüt «The Epic» (drei CDs, vier Vinylplatten!) war so ausgereift und mutig, dass manche Experten von einem Erneuerer des Traditions-Genres sprachen.

Nach einem Intermezzo mit dem Mini-Album «Harmony Of Difference» (2017) ist nun «Heaven And Earth» erschienen, Washingtons ähnlich monumentaler «Epic»-Nachfolger: 16 Tracks mit fast 150 Minuten Spieldauer, unter Beteiligung von mehr als 50 Musikern inklusive Jazz-Band, Soul-Sängern, Chor und Streichorchester - schon rein quantitativ ein großer Wurf. Aber auch qualitativ lässt der 37 Jahre alte US-Amerikaner aus Los Angeles kaum Wünsche offen - außer vielleicht dem, mal etwas ganz Neues zu wagen.

«Heaven And Earth» ist wieder berührender Überwältigungs-Jazz mit Einflüssen aus Klassik, Filmmusik, Afrobeat, Latin und Gospel. Die politische Botschaft ist ebenfalls erneut glasklar: schwarzes Selbstbewusstsein und das Streben für gesellschaftliche Harmonie - kämpferisch ausgedrückt etwa im Opener «Fists Of Fury»: «Our time as victims is over», heißt es da nicht ohne Soul-Pathos.

Aber manche dieser langen, mit ausufernden Soli von Saxofon, Trompete, Bass oder Piano verzierten Stücke klingen eben doch, als stammten sie aus denselben Sessions wie das in den Charts sehr erfolgreiche «The Epic». Nachdem Kamasi Washington sein Saxofon zuletzt auf vielen angesagten Alben aus Hip-Hop und Pop ertönen ließ, konsolidiert er nun den Ruf als Führungsfigur des modernen Jazz - eine Revolution bleibt aber aus. Wer ihm bisher schon folgte, hat jedoch keinen Grund, dies nicht weiter zu tun.

Website Kamasi Washington