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Rita Poser vom Bund Naturschutz kritisiert das Vorgehen beim Jennerbahnbau

Kampf am Berg: Jennerbahn steht in der Kritik

Schönau am Königssee – Mit dem Neubau der 50 Millionen Euro teuren Jennerbahn wird nicht nur eines der derzeit größten Projekte im Landkreis umgesetzt, sondern auch eines der medienträchtigsten: Das liegt auch daran, dass der Eingriff in die Natur im Besonderen durch den Kreisverband des Bundes Naturschutz beäugt wird, dessen Vorsitzende Rita Poser ist.

Die Jennerbahnstraße Foto: Pfeiffer

Sie stellt sich nicht nur die Frage, »ob Bauwerke dieser Dimension in das Gesamtbild der Berchtesgadener Bergwelt passen«. Bescheide mit den Auflagen zum Schutz des Nationalparks und des Natura-2000-Gebietes seien »in erheblichen Teilen missachtet worden«, sagt sie gegenüber dem »Berchtesgadener Anzeiger«. Noch diesen Monat geht die Sache bei einem Erörterungstermin vor das Verwaltungsgericht. Die Jennerbahn-Verantwortlichen streben einen außergerichtlichen Vergleich an.

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Frau Poser, im oberen Abschnitt der Jennerbahn-Baustelle ist Ruhe eingekehrt. Die Baumaschinen stehen den Januar über teilweise still. Ist das die allseits bekannte Ruhe vor dem Sturm?

Rita Poser: Der Baustopp gilt nur für das Gebiet oberhalb des Mitterkasers bis einschließlich Bergstation. Das heißt, dass die Baustellen an der Talstation, an der Mittelstation und am Mitterkaser vom Baustopp nicht betroffen sind.

So sieht es aktuell auf der Jenner-Baustelle aus:

Wie wichtig ist denn eine neue Jennerbahn generell? Wie wichtig ist diese für den Tourismus?

Poser: Die Jennerbahn war und ist sicherlich ein wichtiger Bestandteil des touristischen Angebots unserer Region. Das ist nicht die Frage. Die Frage ist vielmehr, ob Bauwerke dieser Dimension in das Gesamtbild der Berchtesgadener Bergwelt und in die Erwartungen unserer Gäste passen. Im August 2017 wurde ein Artikel über die Forschungsergebnisse der Situation des Tourismus in Berchtesgaden von Prof. Dr. Jobst veröffentlicht. Die Überschrift lautete: »Es geht zu wie auf der Wies'n«. Das ist auch gleichzeitig die Kernfrage: Ab wann beginnt Rummel abschreckend zu wirken?

Möchte, dass man sich beim Neubau der Jennerbahn an die behördlichen Bescheide hält: Rita Poser, Kreisvorsitzende des Bundes Naturschutz. (Foto: Pfeiffer)

Ist für Sie als Umwelt- und Naturschützerin der Klimawandel allgemein ein Argument gegen den Bau solcher Bahnen? Oder differenzieren Sie?

Poser: Gegen eine Erneuerung der Bahn gab es keine Einwände, allerdings hielten die Naturschutzverbände eine kleiner dimensionierte Bahn für ausreichend. Auch die massiven Eingriffe in die Landschaft zur Verbesserung der Skiabfahrten zulasten der Wanderer haben wir abgelehnt. Die Argumente der Jennerbahn waren von Anfang an nicht schlüssig bei einer geplanten Steigerung der Besucherzahlen von 20 Prozent, einer Verdreifachung der Förderkapazität und einer Verdopplung der Gastronomieplätze – das passt doch alles nicht zusammen.

Dieser Vorwurf dürfte Ihnen nicht fremd sein: Muss man als Naturschützer immerzu Nein zu allem sagen? Was würden Sie entgegnen, wenn Ihnen jemand vorwürfe, Sie seien ein Projekt-Verhinderer?

Poser: Wir haben niemals versucht, einen Neubau der Jennerbahn zu verhindern. Wir haben uns aber von Anfang an bemüht, die aus den Plänen erkennbaren Überdimensionierungen, die nun für jedermann sichtbar werden, auf ein vernünftiges Maß zurückzuführen. Mit Nein-Sagen hat das nichts zu tun, wenn wir darauf bestehen, dass Abmachungen und behördliche Auflagen eingehalten werden.

Der Bund Naturschutz, dessen Vorsitzende Sie im Berchtesgadener Land sind, hat gegen die Maßnahme am Hausberg von Schönau am Königssee geklagt: zu groß dimensioniert, sagen Sie. Vor allem hinsichtlich der Lage in unmittelbarer Nachbarschaft zum Nationalpark Berchtesgaden. Was genau ist denn zu groß?

Poser: Eigentlich alles, begonnen an der Talstation. Da wird das ganze Ortsbild verschandelt und das zieht sich dann hinauf bis zur Bergstation, wo das Landschaftsbild massiv beeinträchtigt wird. An die Unterhaltung und spätere Entsorgung dieser Bauwerke möchte ich gar nicht denken.

Im Vorfeld des Projektes wurde immer wieder öffentlich bekundet, dass die Planungen zwischen Verantwortlichen und Bund Naturschutz abgestimmt gewesen seien. Es hieß, dass es am Ende ein Kompromiss »mit etwas Bauchweh« war. Jetzt, nach dem Start der Bauarbeiten, heißt es allerdings, dass seitens der Jennerbahn-Verantwortlichen entgegen aller Absprachen gehandelt wurde. Inwiefern?

Poser: Entgegen aller Absprachen ist sicher übertrieben, Fakt ist aber: Die Bescheide mit den Auflagen zum Schutz des Nationalparks und des Natura-2000-Gebietes sind in erheblichen Teilen missachtet worden.

Sie gehen sogar so weit, zu sagen, dass der Bund Naturschutz getäuscht wurde. Stichwort Baustraße, Stichwort Felssprengung. Erklären Sie doch mal ...

Poser: Der größere Teil des biotopkartierten Felsens mit dem Sendemast am Jenner sollte erhalten bleiben. Nachdem dort zahlreiche rote Markierungen angebracht waren, fragten wir nach deren Bedeutung, erhielten aber keine Antwort. Einige Wochen später war der Fels dann beseitigt, wie es hieß, wegen Gefahr im Verzug. Das erfuhren wir aber wiederum erst ein paar Wochen später. Der neu errichtete Baustraßenabschnitt unterhalb der Bergstation im Nationalpark wurde komplett anders errichtet als beantragt und genehmigt. Er beansprucht deutlich mehr Fläche, das heißt: Er lag über der Erheblichkeitsschwelle.

Bekanntlich war das Birkhuhn der Grund für den ersten Baustopp. Zu Recht?

Poser: Auch die aktuelle Rote Liste Bayerns beschreibt das Birkhuhn als vom Aussterben bedroht. Die Antragsteller, in dem Fall die Verantwortlichen der Jennerbahn, sind in ihren Antragsunterlagen zu dem Ergebnis gekommen, dass mit der Errichtung der Baustraße eine erhebliche Beeinträchtigung der Birkhuhnpopulation einhergeht. Deshalb wurde eine Reihe von Maßnahmen vorgeschlagen, um die Erheblichkeit zu reduzieren. Diese Maßnahmen beruhen nicht auf Wunschvorstellungen des Bundes Naturschutz. Sie sind vielmehr Bestandteil der rechtsgültigen behördlichen Bescheide. Nur auf deren Beachtung bestehen wir und deswegen klagen wir auch vor dem Verwaltungsgericht. Die zweite Klage betrifft die Baugenehmigung der Bergstation – unter anderem die 139 Quadratmeter große Betriebsleiterwohnung.

Bei der Jennerbahn möchte man sich bisweilen nicht äußern. Dort strebt man einen außergerichtlichen Vergleich mit dem Bund Naturschutz an. Wie stehen Sie dazu?

Poser: Dazu möchten wir den Erörterungstermin beim Verwaltungsgericht, der aller Voraussicht nach in diesem Monat stattfindet, abwarten. Kilian Pfeiffer

Die Jennerbahn-Verantwortlichen wollten sich auf Nachfrage des »Berchtesgadener Anzeigers« aktuell nicht zum Thema äußern.