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Besonderer Moment: Karlheinz Kas verabschiedete Magdalena Neuner. Die deutsche Biathletin bestritt bei der Weltmeisterschaft 2012 in Ruhpolding ihr letztes WM-Rennen.

Karlheinz Kas im Interview: »Eine Riesen-Werbung für Ruhpolding und für die Region«

Im vergangenen Sommer hat Sportreporter Karlheinz Kas die ganz große Bühne verlassen und sich zur Ruhe gesetzt. Doch der ehemalige Zeitungsredakteur und beliebte Radiokommentator (unter anderem war Kas Woche für Woche in der Bayern-1-Kultsendung »Heute im Stadion« zu hören) kann noch nicht so ganz die Finger vom Mikrofon lassen und deshalb wird er diese Woche wieder beim Biathlon-Weltcup in Ruhpolding als Stadionsprecher im Einsatz sein – zum 19. Mal in Folge! »Bisher habe ich 17 Weltcups und eine Weltmeisterschaft kommentiert«, erzählt der 66 Jahre alte Ansbacher, der seit 1975 in Trostberg lebt, stolz.


Die Stimme des Ruhpoldinger Weltcups verrät im Interview mit unserer Sportredaktion, warum die Rennen in Ruhpolding (12. bis 16. Januar), die wohl ohne Zuschauer ausgetragen werden müssen, diesmal eine besondere Herausforderung für ihn sind und was er den deutschenBiathleten beim zweiten Heim-Weltcup innerhalb weniger Tage zutraut.

Sie sind seit Sommer 2021 im Ruhestand. Warum machen Sie jetzt in Ruhpolding als Stadionsprecher weiter, Herr Kas?

Das ist Alzheimer-Prophylaxe bei mir! Ich kann einfach nicht von 100 auf Null gehen. Ich bin ja auch noch Stadionsprecher beim TC Großhesselohe in der Tennis-Bundesliga, schreibe noch den einen oder anderen Artikel oder kommentiere noch die eine oder andere Veranstaltung.

Wie lange werden Sie noch die Stimme des Biathlon-Weltcups in Ruhpolding sein?

Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich schaue immer von Jahr zu Jahr und warte, ob ich angerufen werde.

Haben Sie mit Ruhpolding denn keinen langfristigen Vertrag?

Das läuft immer ganz unkompliziert ab: Ich warte, wie gesagt, ob mich das Organisationskomitee anruft und dann reden wir darüber. So war's auch diesmal – allerdings mit einem Unterschied: Es gab eben auch die Frage, ob ich geimpft bin. Das ist der Fall. Und weil das Organisationskomitee unbedingt wieder die gleichen Stimmen wie in den letzten Jahren haben wollte, sind wir uns wieder einig geworden. Auch DJ Lumpi (Alexander Klammer, Anm. der Red.) ist dabei!

Dennoch wird heuer vieles anders sein: Gleich am ersten Wettkampftag wird es ein Geisterrennen – also ohne Zuschauer – geben...

Es wird heuer in der Tat alles ein bisschen anders sein als sonst. Ich habe etwa keinen Helfer an meiner Seite. Ich bin allein mit DJ Lumpi in der Sprecherkabine. Es ist für mich aber nichts Neues, dass ich Geisterreporter bin. Ich war ja auch in den vergangenen Monaten als Kommentator für den Bayerischen Rundfunk alleine in den Fußball-Stadien – also in der Münchner Allianz-Arena oder dem Grünwalder Stadion sowie in den Stadien in Augsburg und in Nürnberg.

Müssen Sie sich auf dem Weltcup deshalb anders vorbereiten als sonst?

Nein. Ich bereite mich immer gleich gut vor – und zwar auf alle Athleten. Ich möchte immer zwei, drei Sätze zu jedem Sportler sagen können. Gerd Rubenbauer – er war mein Lehrmeister beim Bayerischen Rundfunk – hat mal zu mir gesagt: »Kasi, bereite dich immer gut vor – egal, ob du eine Stunde redest oder ob du nur fünf Minuten auf Sendung bist.« Das habe ich immer befolgt. Das gehört zum Handwerkszeug dazu.

Aber ohne Zuschauer ist das Ganze schon eine andere Herausforderung, oder?

In der Tat: Ich darf keinen einzigen Fehler machen. Es muss jedes Detail stimmen. Diesmal hören mich die Trainer, die Athleten und das Schießstandpersonal. Da muss man schon sehr konzentriert sein. Ich habe heuer auch keinen Sprecher an meiner Seite, der den englischen Part übernimmt. Das haben bisher Hermann Ohletz und Maria Wünn übernommen. Da konnte ich normalerweise dann immer ein wenig durchschnaufen. Aber bei diesem Weltcup rede ich komplett durch und das wird anstrengender als sonst sein. Es wird fast so werden wie bei der Weltmeisterschaft 2012, da hatte es ja doppelt so viele Wettbewerbe gegeben.

Das heißt also für Sie: fünf Tage volle Konzentration!

Das wird wieder Anspannung pur sein. Was halt abgehen wird, ist das Gesellige. Ich bin immer im Hotel direkt neben dem Champions Park, den es in diesem Jahr ja auch nicht gibt, untergebracht gewesen. Wir hatten an den Abenden sonst immer eine Mordsgaudi. Diesmal werden DJ Lumpi und ich direkt mit dem Shuttle zu unserem eigenen Eingang am Stadion gebracht. Coronabedingt soll es so wenig Kontakte wie möglich geben.

Haben Sie eigentlich ein Lieblingsrennen?

Ich mag am liebsten die Rennen, die auch für den Stadionsprecher am spannendsten sind! Das sind die drei Formate, bei denen der Erste auch wirklich der Erste ist. Also beim Massenstart, den haben wir in diesem Jahr leider nicht in Ruhpolding, beim Verfolger und bei der Staffel – und die beiden letzteren Formate haben wir ja diesmal in der Chiemgau-Arena!

Das heißt: Die Einzelrennen und die Sprints finden Sie nicht so gut?

Die Einzel sind mühsam. Die kannst du nur vom Bildschirm weg kommentieren und darfst dabei ja keinen übersehen! Und auch der Sprint ist schwer. Denn oft sind die Deutschen beim Starten nicht im Bild, aber ich muss sie als Stadionsprecher ja rausschicken. Was beim Sprint noch passieren kann: Es kann eine Deutsche starten, eine zum Liegendschießen kommen, eine zum Stehendschießen und eine zum Zieleinlauf. Wir haben da unsere Prämisse festgelegt, die heißt: Zieleinlauf vor Stehend- vor Liegendschießen vor Start.

Welche Chancen räumen Sie den deutschen Biathleten in Ruhpolding ein?

Wir müssen sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern weiter kleine Brötchen backen. Ein Top-Ten-Platz wäre super. Von einem Podestplatz wage ich gar nicht zu träumen. Wenn Franziska Preuß in Ruhpolding starten kann, darf man sich von ihr nach ihrer Verletzungspause nicht zu viel erwarten.

Geisterfußball oder Geisterbiathlon – was ist Ihrer Meinung nach schlimmer?

Das wird sich zeigen. Beim Biathlon habe ich ja noch keine Erfahrung. Ich habe es jetzt nur zweimal angehört, um eben zu hören, wie es die Kollegen machen – also Stefan Steinacher beim Weltcup in Hochfilzen und Herbert Fritzenwenger bei der World Team Challenge in Ruhpolding. Es kommt im Fernsehen ganz gut rüber, finde ich. Ich hoffe, dass ich auch ein bisschen im Hintergrund zu hören sein werde. Ich muss genau das machen, was mein Regisseur Hermann Hipf mir sagt, der eng mit dem ZDF zusammenarbeitet. Das Fernsehen sagt, wie laut, wie leise und wie viel.

Also muss sich auch DJ Lumpi an die Vorgaben halten?

Natürlich. Ich weiß jetzt noch gar nicht, was er alles spielen wird. Das Fahnenlied beispielsweise funktioniert ja nur mit Zuschauern. Da war ja immer die Hölle in der Chiemgau-Arena los, bevor es mit den jeweiligen Rennen losging. Ich weiß auch nicht, ob er den Bayerischen Defiliermarsch spielen wird. Der kam ja immer, wenn die Kampfrichter an den Schießstand einmarschiert sind. Wir haben uns natürlich aber schon ein paar Gedanken gemacht. Wir könnten zum Beispiel den Beppos ein paar Fähnchen in die Hand geben, die könnten dann damit kurz vor dem Start wedeln und wir könnten dann eben doch das Fahnenlied spielen.

Sie haben viele Fußballspiele ohne Fans erlebt. Wie war das für Sie?

Ich war privilegiert. Ich war einer von ganz wenigen, die ins Stadion durften. Das war schon mega. Du bekommst da dann auch mit, was du sonst nie hörst. Beim FC Bayern wusste ich plötzlich, wer den Ton angibt – und das war nicht Kimmich! Der schreit überhaupt nicht. Beim FC Bayern hatten letzte Saison nur zwei Spieler das Sagen gehabt. Das waren der Alaba hinten und der Müller ab der Mittellinie. Das Ganze hatte also durchaus auch seine Vorteile. Aber es war natürlich auch sehr traurig, dass keine Fans im Stadion waren. Ganz klar: Man will ja auch die Emotionen auf den Rängen ein wenig rüberbringen. Aber das ist halt in der Corona-Pandemie nicht möglich.

2021 musste der Weltcup in Ruhpolding coronabedingt komplett ausfallen. In diesem Jahr darf er zumindest stattfinden. Ist es trotz der Umstände ein schönes Gefühl?

Absolut! Es ist eine Mega-Veranstaltung und eine Riesen-Werbung für Ruhpolding und für die Region!

Gibt es ein schönes oder lustiges Erlebnis in Ihrer Zeit als Ruhpoldinger Stadionsprecher, an das Sie sich gerne zurückerinnern?

Das Größte war für mich, dass ich 2012 bei der Weltmeisterschaft Magdalena Neuner verabschieden durfte. Sie hat mir jetzt auch Grüße geschickt zum Abschied beim Bayerischen Rundfunk. Das war lieb!

Und fällt Ihnen auch etwas Lustiges ein?

Einmal sind zwei Ordner zu uns in die Sprecherkabine mit einem kleinen Buben gekommen, der seine Eltern verloren hat. Der Kleine hat nur geweint. Er hat uns auch seinen Namen nicht verraten wollen. DJ Lumpi wollte ihn dann mit Autogrammkarten ködern, das hat den Buben aber gar nicht interessiert. Wir haben schließlich ein Kamera-Team in die Sprecherkabine geholt und dann waren wir groß auf allen Videowalls zu sehen. Es stellte sich heraus, dass der Bub der Sohn des Pressesprechers des Deutschen Skiverbands, also von Stefan Schwarzbach, war. Aus dem Grund haben den Buben natürlich auch keine Autogrammkarten interessiert, denn er hatte ja Tausende durch den Papa daheim. Der Bub ist mittlerweile erwachsen, aber wenn ich den Stefan heute treffe, dann frage ich ihn immer noch: Hast du deinen Buben eh nicht verloren?

Sie sind lange im Geschäft dabei. Was hat sich im Sport in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Vor allem die Sprache! Die hat sich wirklich sehr verändert. Beim Fußball beispielsweise gehst du jetzt nicht mehr in den Strafraum, du bist jetzt in der Box. Oder es gibt jetzt den VAR – also den Video Assistant Referee. Diese ganzen neuen Fachausdrücke – eine falsche Sechs oder eine falsche Neun – das ist alles verrückt. Ich bin aber noch ein wenig traditioneller und habe mich nicht so angepasst.

Und der Kontakt zu den Sportlern?

Auch das kann man gar nicht mehr vergleichen. Als die Sechziger in die 1. Bundesliga aufgestiegen sind – 1994 in Meppen war das – da war ich nach dem Spiel in der Kabine. Da habe ich mit Karl-Heinz Wildmoser, mit Werner Lorant und mit allen Spielern gesprochen – und kam dann nicht mehr raus aus der Kabine! Die Fans hatten diese nämlich belagert und aus Sicherheitsgründen durfte niemand mehr raus. Meine Kollegen in München mussten über eine Stunde auf die Interviews warten. Ich hatte sie zwar, aber ich konnte sie von der Kabine aus nicht überspielen. Das ist heute undenkbar. Jetzt wird dir ein Spieler hingeschoben und den musst du dann interviewen.

Ist das beim Biathlon auch so?

Beim Biathlon ist das Gott sei Dank noch ein wenig anders. Auch deshalb ist der Biathlon-Weltcup in Ruhpolding eine Herzensangelegenheit für mich und ich freue mich unheimlich drauf. 

Stephanie Brenninger