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Bilanz nach zwei Jahren

Karola Wille gibt ARD-Vorsitz ab

Karola Wille
Ulrich Wilhelm, Intendant des Bayerischen Rundfunks (BR), löst Karola Wille ab. Foto: Jan Woitas Foto: dpa

Zwei Jahre lang war Karola Wille ARD-Vorsitzende. Am Jahresende ist Schluss. Die MDR-Intendantin macht keinen Hehl daraus, dass manches schwieriger war als erwartet. Und dass sie an manchen Stellen gerne noch weiter gekommen wäre, im Streit mit den Verlegern etwa.


Leipzig (dpa) - Als MDR-Intendantin Karola Wille vor zwei Jahren ARD-Vorsitzende wurde, wusste sie im Groben, was auf sie zukommt. Aber sie hat kaum ahnen können, wie stark der Wind von vorn sein würde.

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Bei den Diskussionen über die Glaubwürdigkeit der Medien etwa, beim Streit um den Rundfunkbeitrag, gegen den einige Kritiker bis vors Bundesverwaltungsgericht zogen. Und bei der Auseinandersetzung mit den Verlegern, der in den vergangenen Monaten noch einmal an Schärfe zugenommen hat. Nun gibt Wille den ARD-Vorsitz wieder ab. 

Sie erwarte eine Zeit enormer Herausforderungen, für die Politik, die Gesellschaft und für die ARD, hatte sie im Januar 2016 gesagt. «Und genauso ist es gekommen. Ich habe damals auch gesagt 'Die See ist rau geworden.' Aber sie wurde dann noch rauer, als ich gedacht hatte.»

Die Zeit sei insgesamt schwieriger geworden als erwartet. «Das spiegelt sich auch darin wider, dass wir Tabubrüche und Grenzverschiebungen erlebt haben», sagt Wille. «Dazu gehört für mich auch das Thema Staatsrundfunk, das ein Teil der öffentlichen Debatte geworden ist. Wir haben auch einen Werteschwund. Mich beschäftigt schon, was in den sozialen Netzwerken teilweise los ist. Und wir erleben auch eine Ignoranz gegenüber Fakten.»

Manches hat Wille erreicht, bei manchem wäre sie gerne weiter gekommen. Kritisch sieht sie die Reaktionen auf den Bericht, den die ARD im September an die Rundfunkkommission der Länder überreicht hat: «Das Papier ist in der öffentlichen Wahrnehmung ein Einsparpapier, was ihm nicht gerecht wird», sagt sie. «Weil sich dahinter ein Diskussionsprozess verbirgt, bei dem am Anfang die Frage steht, was sich in der Kommunikationswelt verändert, und die nächste Frage ist, wofür stehen wir und welche Verantwortung tragen wir?» In den öffentlichen Debatten hätten aber nur die Einsparpotenziale im Vordergrund gestanden.

Positive Entwicklungen sieht sie beim Thema Vertrauen in die Medien: «Wir müssen uns immer vergegenwärtigen, dass demokratische Gesellschaften das Vertrauen ihrer Bürger brauchen - und das gilt genauso für das Verhältnis der Bürger zu den Medien», betont sie. «Vertrauen ist das Grundkapital in demokratischen Prozessen.» Nach den Kölner Silvesterereignissen habe es intensive Diskussionen zu Qualitätsfragen im Journalismus gegeben. «Wir haben uns in der ARD kritisch hinterfragt: Trennen wir immer sauber zwischen Nachricht und Kommentar, zwischen Fakten und Meinung?»

Es sei richtig gewesen, diese Qualitätsdiskussion öffentlich und intensiv zu führen. «Wir haben versucht, transparenter in der journalistischen Arbeit zu werden und zu erläutern, was wir wie warum machen.» Wichtig sei auch ein offener Umgang mit Fehlern. «Es ist aus meiner Sicht sogar demokratieförderlich, wenn man sagt, was man falsch gemacht hat», betont die ARD-Vorsitzende. «Transparenz in der journalistischen Arbeit halte ich auch in der Zukunft für einen entscheidenden Punkt, mit dem wir deutlich machen: Wo verorten wir uns, wie arbeiten wir?»

Wille sieht sich durch aktuelle Studien zum Thema Glaubwürdigkeit bestätigt, die zeigten, dass das Vertrauen in die Medien nach wie vor hoch sei, insbesondere gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und den Tageszeitungen. «Eine Studie der Universität Würzburg zeigt außerdem, dass es den Medien ein Stück besser gelungen ist, dem von rechtspopulistischen Parteien verbreiteten Eindruck entgegenzutreten, ihre Berichterstattung sei politisch gefärbt und von oben gesteuert», erklärt Wille. «Das heißt, die Debatten, die wir auch als ARD geführt haben, waren wichtig, um hier entgegenzuwirken.»

Zur Glaubwürdigkeit gehöre die differenzierte Abbildung der Lebenswirklichkeit, auch der im Osten Deutschlands: «Man kann sie nicht auf Rechtsradikalismus und Kriminalität reduzieren. Sie ist vielfältiger und facettenreicher, mit Blick auf Themen, auf die Leistungen der Menschen und ihre Meinungsbilder», betont die MDR-Intendantin. «Wir sind hier noch nicht am Ende des Weges angekommen, sondern sollten daran arbeiten, dass die Lebenswirklichkeit im Osten bundesweit stärker reflektiert wird.»

Das bleibe eine ständige Aufgabe. «Und wir sind noch nicht so weit, wie ich mir das gewünscht hätte.» Die Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum 3. Oktober habe sie persönlich berührt: «Er hat einen entscheidenden Satz gesagt: Dass die Geschichten aus dem Osten Deutschlands zu unserem Wir gehören sollten. Darüber nachzudenken, diese Geschichten zu erzählen und sich dafür zu interessieren, ein differenziertes Bild aus dem Osten Deutschlands zu zeichnen, darum geht es.»

Nicht zufrieden ist Wille mit den Diskussionen mit den Zeitungs- und Zeitschriftenverlegern. Die Positionen etwa im Streit um die Frage, was die ARD in ihren Apps und im Internet darf und was nicht, haben sich eher verhärtet. Es sei ihr Ziel gewesen, die Kooperationen mit anderen Qualitätsmedien zu stärken. «Und dazu gehörte dann auch, den Streit mit den Verlegern zu beenden», sagt Wille. Nach einer langwierigen Diskussion mit Höhen und Tiefen sei es leider nicht gelungen, den gordischen Knoten durchzuhauen. Wille plädiert aber dafür, die Gespräche fortzusetzen und bietet den Verlagen an, sie in der Auseinandersetzung mit Internet-Giganten wie Google beim Thema Leistungsschutzrecht zu unterstützen.

Im neuen Jahr übernimmt der Intendant des Bayerischen Rundfunks (BR), Ulrich Wilhelm, den ARD-Vorsitz. Karola Wille ist all die Themen, die sie zuletzt beschäftigt haben, damit nicht los. Als MDR-Intendantin bleibt sie an vielen Diskussionen weiterhin beteiligt.