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Keine Rede von Gedankenfreiheit

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Gregor Schulz entwickelt als Don Carlos im Stück eine immer stärkere Präsenz, Julienne Pfeil überzeugt als dessen ehemalige Verlobte Elisabeth von Valois. (Foto: Löffelberger/SLT)

Mit spanischer Realgeschichte hat schon der Dichter selbst nicht viel am Hut gehabt. Die Figuren hat es gegeben, das Hofzeremoniell, die Inquisition. Kein Historienstück ist »Don Carlos« anno 1787 geworden, sondern ein bewegendes Ideen- und Gefühlsdrama umstrickt mit coolen Intrigen. Regisseurin Alexandra Liedtke hat in ihrer Inszenierung des »dramatischen Gedichts« von Friedrich Schiller so klassisch gearbeitet, dass man Ironie durchaus unterstellen, aber nicht konkret orten kann. Sie hat den Text weder ent- noch eine eigene »Fassung« nach Schiller er-stellt, und ist dennoch souverän mit dem Stück umgegangen. Sie hat gar nicht wenig gestrichen, einzelne Figuren eingespart und Textpassagen verschiedener Rollen auf einzelne Personen zusammengelegt. Eine Spielvorlage wie nach einem Frühjahrsputz.


Da ein hoher Kragen, dort eine Schärpe, damit ist der ganze Königszauber aber auch schon wieder abgehandelt. Mit Understatement entwickelte Johanna Lakner die Kostüme, die mit kleinen und kleinsten Anspielungen eine Klammer vom 16. Jahrhundert zur Gegenwart spannen. Der Herzog von Alba trägt Pistole statt Degen und ein lang geschnittenes Sakko zwischen Uniform und Gehrock. Der getreue Graf von Lerma, der Oberste der Leibwache, kommt dagegen wie ein Chef-Page daher, ohne dadurch lächerlich gemacht zu werden. Ebenso sprechend wie zurückhaltend sind die Kostüme der Damen, der liebenswürdig eleganten Hofdamen oder der zum Fürchten radikalen Oberhofmeisterin.

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Sie alle agieren im steil-schrägen Bühnenbild von Raimund Orfeo Voigt in reinem Weiß. Die Szene deutet Zimmerfluchten in einem weitläufigen Palast ebenso elegant an, wie die Gärten oder Kerker von Aranjuez. Dazu kommt die sinnfällig eingesetzte Musik von Karten Riedl. Alexandra Liedtkes Personenführung in diesem Setting ist geradlinig und schnörkellos. Sie hält ihre Schauspielerinnen und Schauspieler in Bewegung, Gestik, ja Mimik ebenso zur Zurückhaltung an, wie in der Lautstärke. Die Schillerschen Verse fließen in allen Rollen souverän, auch rein sprech-technisch wurde hier hervorragend am Text gearbeitet.

Marcus Bluhm ist der ebenso tyrannische wie einsame Philipp II. König von Spanien, Julienne Pfeil seine Gemahlin Elisabeth von Valois, die vormalige Verlobte des Kronprinzen und Titelhelden Don Carlos: Gregor Schulz entwickelt als Infant den Abend über eine immer stärkere Präsenz und Intensität. Gregor Schleuning bewegt als Marquis von Posa, als Carlos’ getreuer Freund und legendärer Streiter für Gedankenfreiheit. Sein direkter Gegenspieler ist Marco Dott als Herzog von Alba, der noch mehr als sonst über Leichen geht, um Philipp zu dienen und die alte Ordnung zu bewahren. In diesem Streben steht ihm Britta Bayer als bedrohlich ruhige Oberhofmeisterin Herzogin von Olivarez zur Seite.

Nikola Rudle ist eine sehr liebenswürdige Prinzessin von Eboli, fast mag man ihr die Gemeinheiten nicht glauben, die sie auf den Weg bringt, nachdem sie sich von Carlos abgewiesen sieht. Eine zweite Hofdame ist Janina Raspe als Marquisin von Mondecar. Den Großinquisitor des Königreichs gibt in einem effektvollen einzigen Auftritt Walter Sachers, als der, der tatsächlich die Fäden zieht und auch Philipp am Bändel hat.

Dass die Inquisition im alten Spanien schon über elektronische Abhörmittel verfügt hat, ist nur logisch – eine der wenigen modernen Einsprengsel, ironisch und zielgenau eingesetzt. Ensembleleistung und Inszenierung überzeugen in dieser spannenden Produktion. Heidemarie Klabacher