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Das Konzert von William Youn am neuen Steinway-Flügel war der Höhepunkt des »Klaviergipfels« bei den »InselKonzerten«. (Foto: Marco Frei)

Klangpoesie und ein Hörkrimi: Bei den »InselKonzerten« weihen Oliver Schnyder, Anna Gourari und William Youn einen neuen Steinway-Flügel ein

Sie ist bescheiden. Ihren Namen würde Monika Horn am liebsten gar nicht lesen. Allerdings wird er im Programmheft genannt, und deswegen willigt sie ein. Dabei hat die Münchnerin für die »InselKonzerte« viel geleistet. Ihr ist es zu verdanken, dass die schmucke Kammer-Reihe im Alten Schloss auf Herrenchiemsee einen neuen B-Flügel von Steinway hat. Über Musiker-Freunde kam der Kontakt zu den »InselKonzerten« zustande.


»Es macht doch Sinn, dass dieser wunderbare Flügel für wunderbare Musiker bereitsteht«, erklärt Horn. Dass sich diese Investition mehr als nur gelohnt hat, offenbarte sein großer »Klaviergipfel« am Wochenende. Mit ihm wurde der neue Flügel im Bibliothekssaal des Augustiner Chorherrenstifts erstmals bespielt. Drei Pianisten an zwei Tagen mit zentralem Repertoire aus drei Epochen: Das gab es noch nie bei den »InselKonzerten«.

Ein starkes Zeichen wurde da gesetzt. Immerhin standen Hauptwerke der Klavierliteratur von Barock bis zur frühen Moderne an. Der neue Flügel hat diese Feuerprobe durchweg bestanden. Aus der Schweiz war Oliver Schnyder angereist. Er hatte die »Goldberg-Variationen« BWV 988 von Johann Sebastian Bach im Gepäck. In diesem 1742 veröffentlichten Zyklus werden 30 höchstkomplexe Einzelstudien zu seinem Mammut-Werk aufgetürmt.

Die berühmte »Aria« bildet nur den Rahmen. Die »Variationen« dazwischen haben kaum etwas mit der »Aria« gemein. Für ein »Clavicimbal« mit zwei Manualen hat Bach dieses Werk komponiert. Wie übersetzt man diesen Originalklang auf ein modernes Instrument? Indem man den modernen Flügel in Phrasierung und Artikulation historisch informiert befragt. Genau das hat Schnyder getan.

Statt einen romantisierenden Legato-Fetisch zu zelebrieren, spielte er wohltuend klar. Hierfür nutzte Schnyder vor allem auch das linke »Corda-Pedal«, das den Tonumfang reduziert. Gleichzeitig nahm Schnyder schon in der »Aria« das Tempo fließend, um zudem auch den Tanzcharakter zu schärfen. Das alles hat auf dem neuen Flügel perfekt funktioniert, zumal das »Corda-Pedal« einen betörenden Silber-Glanz zu zaubern vermag.

Schon bei diesem Bach-Auftakt erstaunte der Steinway-Flügel mit einem schier endlosen Reichtum an Klanglichkeiten. Für Schnyder war dieser Bach-Zyklus am Nachmittag bei brüllender Hitze freilich genauso ein Kraftakt wie am folgenden Morgen für Anna Gourari die »24 Präludien« op. 11 von Alexander Skrjabin. Ähnlich wie in Bachs »Goldberg-Variationen« zeichnet jedes einzelne Präludium einen ganz eigenen Charakter und Ausdruck.

Wie sehr sich der Russe in diesem Zyklus von 1893/96 auf Frédéric Chopin stützt, verrät allein das »Misterioso« Nr. 16. Dieses Präludium reflektiert den berühmten Trauermarsch aus der Sonate op. 35. Sonst aber sind die »24 Präludien« op. 28 von Chopin die zentrale Inspiration. So war es nur konsequent, dass Gourari die Präludien von Skrjabin mit drei bekannten Stücken von Chopin koppelte: das »Nocturne« Nr. 1 aus op. 9, die »Polonaise« Nr. 1 aus op. 26 und das »Scherzo« Nr. 2 aus op. 31.

Im vollgriffigen und zugleich lyrischen Spiel von Gourari offenbarte sich, dass der neue Flügel auch im rechten Halte-Pedal farbenreiche Schattierungen schenkt. Welche schier endlose Palette an klanglichen Farblichkeiten und Nuancen in diesem neuen Instrument steckt, das offenbarte sich vollends in den Schubert-Gestaltungen von William Youn. Der Co-Leiter der »InselKonzerte« war der Gipfelstürmer dieses Klaviergipfels.

Beim CD-Label Sony wächst derzeit seine Gesamtaufnahme der Klaviersonaten von Franz Schubert heran. Mit der unvollendete »Reliquien«-Sonate D 840 gab Youn einen Vorgeschmack auf eine kommende CD seiner Gesamtaufnahme. Wie es Youn schaffte, aus diesem rätselhaften Fragment eine fast schon abgründige, fragile Schönheit zu zaubern, das war ein Hörerlebnis allererster Güte.

Er scheut keine Risiken, lässt sich genauso Zeit für das zerbrechlich-stille Piano wie für die dramatischen Spannungsbögen. Nicht zuletzt spannt Youn die unendlich weiten Melodiebögen auf. Sein kantabler, weltentrückter Lyrismus berührt zutiefst, ohne auf schroffe, innere Dramatik zu verzichten. Mit diesem Profil verlebendigte Youn auch die die Sonaten D 537 und D 894. Er spielt eben nicht einfach Klavier, sondern macht Musik.

Youn ist ein sinnlicher Klangpoet, ohne zu glätten und dekorativ zu säuseln. Was er aus dem Flügel an Farbschattierungen herausstellt, auch dank eines stupenden Vermögens im Anschlag, ist ein Hörkrimi: jede einzelne Note, jeder Tonarten-Wechsel ein Großereignis. Besser konnte dieser »Klaviergipfel« nicht laufen. Für die Zukunft liebäugelt Co-Leiter Nils Mönkemeyer beim neuen Flügel auch mit impressionistischem Repertoire, etwa Maurice Ravel. Es bleibt spannend bei den »InselKonzerten«.

Marco Frei