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Diana Ketler und Marianna Shirinyan inszenieren vierhändig Strawinskys »Sacre du Printemps«

Klangwerk von archaischer Wucht

Diana Ketler (links) und Marianna Shirinyan nahmen ihre Zuhörer mit auf eine Art musikalische Zeit- und Abenteuerreise durch das 20. Jahrhundert. (Foto: Effner)

Handgreiflichkeiten, Duellforderungen, Höllenlärm und tumultartige Zustände: Bereits bei der Uraufführung von Igor Strawinskys »Le Sacre du Printemps« am 29. Mai 1913 im Théâtre des Champs-Élysée in Paris wurde deutlich, dass hier eine Komposition von epochaler Wucht seine Geburtswehen durchlebte. Ein Jahrhundertwerk, dessen Radikalität und Bruch mit den Hörgewohnheiten die Musik nachhaltig verändert hat.


Sogar mit dem Abstand von über 100 Jahren hat das »Frühlingsopfer« nichts von seiner Modernität verloren. Auf einen spannenden musikalischen Parforceritt durch die Tiefen dieser archaisch anmutenden musikalischen Urgewalt nahmen die beiden Pianistinnen Diana Ketler und Marianna Shirinyan die Zuhörer als Höhepunkt des Musikfrühling-Konzerts unter dem Titel »Danse, Danse, Danse« im Kloster Seeon mit. Technisch höchst anspruchsvoll ist das Werk in einer vierhändigen Aufführung am Flügel nur selten zu hören.

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Damals 31 Jahre alt, schrieb der Komponist seinen »Sacre« im Auftrag der in Paris gefeierten Ballettgruppe der »Ballets Russes« von Sergej Djagilew. Nach den Erfolgen seiner Ballettmusiken »Feuervogel« und »Petruschka« schwebte ihm etwas komplett Neuartiges vor: die Vision einer heidnischen Feier im alten Russland. Material hatte er im Zentrum für Volkskunst bei Smolensk gesammelt. Nach der Anbetung der Erde wird eine Jungfrau ausgewählt, die dem Frühlingsgott geopfert werden soll. Sie tanzt sich im zweiten Teil des Stücks in einem rauschhaften Ritual zu Tode.

War bereits die Bühnenfassung des Balletts als Abfolge archaischer Tanzrituale statt einer exotisch-freizügigen Bühnenhandlung höchst irritierend, so war es die Musik umso mehr. Strawinsky brach hier radikal mit den Hörgewohnheiten. Raue, mitunter brachiale Klänge und flirrende Ostinati prägen den Eindruck, die lose wechselnd durch verschiedene Instrumente geschickt werden und sich zu unterschiedlichen Klangschichten verdichten oder überlagern, Polytonalität, viele Taktwechsel, komplizierte Rhythmen, nicht alltägliche Instrumentierungen und immer wieder ein über weite Passagen hämmernder Grundrhythmus.

Diana Ketler, die künstlerische Leiterin des Festivals, und der armenischen Pianistin Marianna Shirinyan glückte das Kunststück, die Zuhörer emotional packend mitzunehmen auf eine Art musikalische Zeit- und Abenteuerreise durch das 20. Jahrhundert. Der hektische Großstadtrhythmus, Kriegsgefahr, Jazz, die Auflösung aller Ordnungen und Barbarei oder die süße Harmonie impressionistisch perlender Frühlingsklänge zauberten beide im konzentrierten Spiel verwoben aus den Tasten. Trotz des fehlenden Farbenreichtums der Orchesterfassung ließen sie im virtuosen Zusammenspiel am Flügel die Grundstruktur und Essenz des »Sacre« umso deutlicher hervortreten. Ein echtes Erlebnis.

Die thematische Klammer des »Tanz«-Konzertabends bildeten zwei beschwingte Walzer, op. 54 von Antonin Dvorák sowie der Kettenbrückenwalzer und die Vergnügungszugpolka von Johann Strauss, Vater und Sohn. Die beiden Violinisten Boris Brovtsyn und Philippe Graffin sowie Rastvan Popovici (Viola), István Várdai (Cello) und Zoran Markovic (Bass) setzten damit heitere Kontraste zur anspruchsvollen Kost des »Sacre«.

Impressionistische Experimentierfreude, allerdings noch in konventionellem Rahmen, ließ dagegen Maurice Ravels einziges Klavier-Trio in a-Moll erkennen, das Marianna Shirninyan, Boris Brovtsyn, Philippe Graffin und István Várdai in ihrem lebendigen Spiel erklingen ließen. Im ersten Satz löst Ravel den 8/8-Takt in asymmetrischen Achtelgruppen auf und bündelt die Noten mal zu Dreier-, mal zu Zweiergruppen, sodass mehrdeutige, luftig-schwerelose Rhythmen entstehen. Im zweiten Satz »Pantoum«, der auf eine in Indonesien verbreitete Form der Dichtung anspielt, schichtet er ungerade Taktarten in den Streichern und gerade Taktarten im Klavier übereinander. Als solider Gegenpol zu den zerbrechlichen Klangwelten gibt der dritte Satz »Passacaglia« mit barocker Formstrenge Halt, bevor Ravel im Finale mit wuchtigen Klangkaskaden eine beinahe orchestrale Wirkung erzielt. Axel Effner