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Die »Amici Fisarmonica« und die Kantorei gaben ein Konzert in der Auferstehungskirche Traunstein

»Klassik populär« zum Erhalt der Kirchenorgel

Das Benefizkonzert, das die »Freunde des Akkordeons« (so der deutsche Name des Ensembles »Amici Fisarmonica«) zusammen mit dem leicht verkleinerten Kantorei-Chor in der Evangelischen Auferstehungskirche in Traunstein gaben, kann mit seinem reichhaltigen Programm als »populäre Klassik« eingeordnet werden. Insbesondere zählen hierzu die heute so beliebten und allüberall in verschiedensten Versionen wiedergegebenen Teile der »Jahreszeiten« von Vivaldi.

Die Traunsteiner Kantorei und das Ensemble »Amici Fisarmonica« gaben ein Benefizkonzert in der Evangelischen Auferstehungskirche Traunstein.

Aber auch die hier vorgetragenen, eigentlich dem strengsten musikalischen Klassikkanon zugehörenden Konzert-, Sonaten- und Partitenteile aus dem Werk von Johann Sebastian Bach können in den speziellen Bearbeitungen für ein Akkordeon-Quintett als »Populärmusik« betrachtet werden. Denn das Akkordeon – die sogenannte »Ziehharmonika« – gilt als das beliebteste und am meisten im deutschen Volkstum verbreitete Volks- und Hausmusikinstrument.

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Entwickelt wurde dieses sogenannte »Zungeninstrument« schon in der frühen Biedermeierzeit, um 1830. Als Solo- und Begleitinstrument in der Kammermusik unter verfeinerter Mechanik kam das Akkordeon gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf.

So brachte das Ensemble mit einem Präludium von A. Volpi, einem Komponisten des 20. Jahrhunderts, eine Originalkomposition für Akkordeon zu Gehör. Interessant für das Publikum als Beispiel für die stilistische Kontinuität vom Barock bis zur Moderne! Verstärkt wurde diese Perspektive durch Präludium und Fuge von M. Seiber, auch ein Komponist des 20. Jahrhunderts, ausdrücklich Dietrich Buxtehude nachempfunden, dem sehr viel älteren Lehrer Johann Sebastian Bachs.

Das insgesamt »berührendste« Stück des Abends aber stammte von Carl Czerny, dem Schüler Beethovens und Lehrer Franz Liszts: »Preghiera«, deutsch »Gebet«, vorgetragen als Solostück von dem jungen Thomas Egger. Dieser zeigte hier, wie sehr das Akkordeon doch über den rein mechanisch dominierten musikalischen Ausdruck hinaus in fein phrasierter Dynamik zu einer zarten und anrührenden Ausdrucksgestaltung gelangen kann.

Unterbrochen wurden die Akkordeon-Partien durch kleinere Motetten nach verschiedenen Psalmentexten, geboten von der Kantorei und Ulrike Ruf an der kleinen Truhenorgel. Im letzten Stück – der bekannten »Ratswahlkantate« von Johann Sebastian Bach – konnten alle Konzertbeteiligten zusammenwirken. Der »Ratswahlkantate« vorgeschaltet war der 1. Satz aus der berühmten 3. Solopartita für Violine in E-Dur als reines Instrumentalstück, bevor der Kantatenchor einsetzte. Und damit wiederholte sich die innere Frage des Musikliebhabers, die sich schon bei Vivaldis »Winter« – einem von Haus aus reinen Streicher-Werk – gestellt hatte: Wieweit ist es legitim, die Originalmusik in einen instrumentalen »Als-Ob«-Modus zu setzen? Das sonst so virtuose Akkordeonquintett kann den Geist dieser Musik, wie er von den Komponisten aus gesetzt und empfunden ist, eigentlich nur sehr entfernt wiedergeben.

Gleiches gilt natürlich auch für das Violin-Konzert a-Moll von Johann Sebastian Bach, das auch in durchaus virtuoser Stimmungs-Nachahmung von den »Amici« gespielt wurde. Ein wirklich beseelter, atmender Streicherklang kann von der Harmonika einfach nicht erreicht werden. Die »Ratswahlkantate« selbst zeigte dann in ihren wie in einen Schraubstock eingepressten Lobeshymnen auf den neuen Leipziger Rat – sehr dynamisch konsequent dargeboten von der Kantorei und ihrer stringenten Dirigentin – wie sehr irdisch eingespannt in Dienstpflichten Bach zu seinen Lebzeiten war. Im Übermaß musste er zu hunderten von Anlässen komponieren und aufführen und wurde von ebendiesem Rat, der »pflichtschuldigst« zu preisen war, übelst traktiert und schlecht honoriert.

Das zahlreiche dankbare Publikum spendete enthusiastischen Beifall und am Ausgang reichhaltigen Obulus für den Erhalt der »Königin der Instrumente« im Obergeschoss der Kirche. Roswitha Eichunger