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»Klassisch-Bayerisch« in der Streichenkirche St. Servatius

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Das Grassauer Blechbläser-Quintett in der Streichenkirche mit (von links) Konrad Müller, Martin Rendl, Johann Schmuck, Wolfgang Diem und Matthias Linke. (Foto: Kaiser)

Dass das Gastspiel der Grassauer Blechbläser in der Quintett-Formation im Rahmen des »Chiemgau Alm-Festivals« auf dem Streichen unbedingt zum Jahresprogramm des Schlechinger Kultur-Fördervereins gehört, beweist die hohe Zahl der Besucher, die trotz des Schmuddelwetters das Kircherl füllten. Viel Neues hatten die Grassauer im Programm, bedingt auch dadurch, dass sie Beatrice von Kutzschenbach mitgebracht hatten, damit sie die ehrwürdig-kostbare Kastenorgel von St. Servatius zum Klingen bringe.


Dies tat sie zum Konzertbeginn im Duo mit Wolfgang Diem, der eine Altposaune, den (modernen) Nachbau eines historischen Instruments aus dem 17. Jahrhundert, spielte. Eine Sonata von Alessandro Besozzi (1702 bis 1793), eine köstliche, viersätzige Rarität, begann im Erzählton, dann ging’s um gewichtigere Dinge. Nachdenklich und abwartend gab sich der 3. Satz, umso fröhlicher und entspannter wirkte der letzte. Prächtig klang die Mischung von heldenhaft tönender Altposaune und den klaren und deutlichen Registern der Orgel.

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Das Quintett (Matthias Linke und Konrad Müller an Trompeten, Piccolotrompeten und Flügelhörnern; Martin Rendl, Waldhorn; Wolfgang Diem, Alt- und Tenorposaune; Johann Schmuck, Bassposaune) stellte sich mit einer festlich bewegten Canzon von Paul Peuerl (1570 bis 1625) vor, einem deutsch-österreichischen Komponisten, Organisten und Orgelbauer. Als darauf Beatrice von Kutzschenbach ein Thema und zwei Variationen dazu von Justin Heinrich Knecht (1752 bis 1817) mit flinken Fingern gestaltete, wurde so richtig klar, welch reizende Register in dieses kleine Orgelwerk eingebaut sind.

Zwei Werke aus dem Umfeld der venezianischen Mehrchörigkeit schlossen sich an; die Bläsergruppe und die Orgel spielten einander zu. Einfach und einleuchtend klang das »Echo« von Hans Leo Haßler (1564 bis 1612) in seiner Echowirkung, viel komplexer und anspruchsvoller der Canzon seines Lehrers und Meisters Andrea Gabrieli (1520 bis 1586) in seiner Doppelchörigkeit.

Das Concerto Nr. 1 in vier Sätzen hatte Georg Friedrich Händel (1685 bis 1757) als Oboenkonzert geschrieben – Matthias Linke arrangierte es, gekonnt auf seine Piccolo zugeschnitten, für die Grassauer Fünf. Grandioses Musizieren brachte das Allegro; dass im Dreiertakt schwingende Siciliano sprach das Gefühl mächtig an, und ein kompromissloses Vivace führte zu einem begeisternden Schluss. Drei Sonatas von Domenico Scarlatti (1685 bis 1757), eine witzige voller Überraschungen (Kk 443), eine machtvoll dahinschreitende (Kk 380) und eine auf ein festliches Tanzvergnügen zugeschnittene (Kk 430) bewiesen: Scarlatti »geht« auf allen Instrumenten, in allen Besetzungen, und wirkt immer jung und unverbraucht.

Zwei »Stücke für Flötenuhr« von Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827) wirkten, solistisch auf der Kastenorgel gespielt, als hätte der Komponist einige noch frei umherschwirrende Ideen von Haydn und Mozart eingefangen und in Noten festgemacht. Präludium und Fuge BWV 885 von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) beschlossen den Abend. Ein reiches, üppiges Präludium musizierte das Quintett in schönem Fluss; dann ging es mit Verve durch die Fuge, aber so, dass jeder Fugenkopf, jede Entwicklung durchhörbar war, immer federnd und gespannt.

In feiner Abwechslung hatten sich Beatrice von Kutzschenbach und Johannes Schmuck die Moderation des Konzerts geteilt. »Stellen Sie sich vor«, regte letzterer an, »wir wären draußen, die Sonne scheint, und der Geigelstein ...« – drei Melodien aus dem Weisenheft von Hans Kröll ließen diesen Traum wenigstens im Empfinden wahr werden: »Hirtenweise«, »Arien – almerisch« – auch da, besonders da war das Quintett ganz bei sich. »Harmonie« erklang zum endgültigen Abschluss. Eindeutig: nicht nur Johannes Schmuck, der mit einer (Plastik-)Posaune schon einen Achttausender erklommen hat, um dort oben die »Bayernhymne« zu spielen, nein, alle fünf Grassauer befinden sich momentan auf einem »Achttausender-Gipfel« des Musizierens! Engelbert Kaiser

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