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Kleiderständer ändert im Zehn-Minuten-Takt sein Gesicht

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"Öffentlicher Kleiderschrank" in Traunstein: Kleiderständer ändert im Zehn-Minuten-Takt sein Gesicht
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Brigitte Salaaoui (vorne) hat den »Öffentlichen Kleiderschrank« in Traunstein initiiert. Eine fleißige Helferin und ein großer Freund des Kleiderständers in der Stadtplatzpassage ist Mina Himmelstoß. Sie bringt regelmäßig Kleidungsstücke vorbei und findet für sich etwas Neues zum Anziehen. (Foto: Reiter)

Traunstein – Ein Kleiderständer mit Blusen, Hosen, Jacken und Röcken für alle, die etwas Neues zum Anziehen suchen oder ein Kleidungsstück übrig haben? Das gibt es in der Stadtplatzpassage an der Höllgasse. »Er wird von allen genutzt, von der Ärztin bis zum Obdachlosen«, sagt Initiatorin Brigitte Salaaoui (51). Der »Öffentliche Kleiderschrank« kann für Menschen mit wenig Geld eine große Hilfe sein, aber in erster Linie geht es um den Aspekt der Nachhaltigkeit.


Auf die Idee kam Brigitte Salaaoui durch einen Artikel auf Facebook über ein ähnliches Projekt in Wien. »Da habe ich mir gedacht, das ist eine super Sache. Das könnten wir hier in Traunstein auch umsetzen.« Sie hat dann überlegt, wo eine gute Stelle sein könnte. Wichtig war ihr, dass der Kleiderständer im Zentrum zu finden ist und wettergeschützt steht. »Die Stadtplatzpassage ist ideal, auch weil sie videoüberwacht wird«, betont die 51-Jährige.

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Deshalb hat sie im Frühjahr Kontakt mit Jürgen Pieperhoff vom Stadtmarketing aufgenommen und das Okay bekommen – vorausgesetzt es bleibt alles ordentlich und sauber. »Wir kommen ein paar Mal am Tag zum Aufräumen«, sagt Brigitte Salaaoui, die mittlerweile ein fleißiges Team von fünf, sechs Leuten hat. Denn alleine wäre das für die berufstätige Frau auf Dauer nicht zu stemmen gewesen. »Es läuft wirklich immer besser und besser«, betont Brigitte Salaaoui. »Der Kleiderständer ändert im Zehn-Minuten-Takt sein Gesicht« – es wird also etwas Neues hingehängt oder ein Kleidungsstück mitgenommen.

»Jeder, der etwas übrig hat, kann etwas bringen«, sagt Mina Himmelstoß (35), eine der fleißigen Helferinnen. Sie schaut auch selbst regelmäßig durch, ob im »Kleiderschrank« ein passendes Stück für sie ist.

Heute trennt sie sich von ihrem Lieblingspulli. »Den hatte ich schon so lange in meinem Schrank, immer in der Hoffnung, dass er irgendwann wieder passt«, sagt sie und lacht. Nun hat sie die Hoffnung aufgegeben und es gibt ihr ein gutes Gefühl, dass ihr Lieblingsstück in gute Hände kommt und wieder getragen wird.

»Es geht vor allem auch um den Aspekt der Nachhaltigkeit. Wir sollten nicht noch mehr Ressourcen verschwenden«, findet Mina Himmelstoß. »Wenn ich ein gutes Teil habe, das nicht mehr passt oder nicht mehr gefällt, muss ich es doch nicht wegwerfen.« Sie betont, dass der »Kleiderschrank« eine große Erleichterung für Menschen ist, die wenig Geld haben. »Aber darum geht es eigentlich nicht. Er ist für jeden. Und so wird er auch angenommen.«

Brigitte Salaaoui würde sich wünschen, dass Menschen in möglichst vielen anderen Gemeinden und Städten dem Traunsteiner Beispiel folgen. »So etwas sollte es überall geben, denn es würde überall gut funktionieren«, ist sie überzeugt. Ihre Motivation für das zeitaufwändige ehrenamtliche Engagement ist die Freude der Leute, wenn sie etwas Tolles gefunden haben. Das lässt sie auch über manchen Ärger hinwegsehen. Kürzlich wurde zum Beispiel der Schuhständer gestohlen. Und es gibt auch immer wieder Leute, die einen »richtigen Saustall« hinterlassen und alles einfach nur hinschmeißen. »Wir brauchen nicht säckeweise alte Kleidung, sondern einzelne gut erhaltene Stücke«, betont sie.

Doch die schönen Geschichten, die Brigitte Salaaoui am »Kleiderschrank« in Traunstein erlebt, überwiegen bei Weitem. Sie erzählt von einem Obdachlosen, der für den kommenden Winter eine warme Jacke gefunden hat, oder einer alleinerziehenden Mama, die regelmäßig in die Stadtplatzpassage kommt. »Der Mutter sind Markenklamotten nicht wichtig, aber für ihren Sohn schaut sie danach. Denn der will in der Schule nicht negativ auffallen.« Die 51-Jährige betont, dass nicht unbedingt ein Kleidungsstück hingehängt werden muss, wenn eines mitgenommen wird. »Die Leute fühlen sich oft verpflichtet. Aber dazu gibt es keinen Grund.« KR

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