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Klimaneutral leben ohne strenge Askese

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Die Gründergruppe von »100 x klimaneutral« (von links): Gerhard Schmied, Hedi Schmied, Elfriede Wörfel, Dr. Lucia Jochner-Freitag, Claudia Deckelmann und Martin Jochner.

Inzell – »Am Morgen aufzustehen und sich bewusst zu machen, dass man jeden Tag versucht, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten klimaneutral zu leben, ist ein wunderbares Gefühl«. So empfindet nicht nur Martin Jochner aus Inzell, der einer der Initiatoren der Gruppe »100 x klimaneutral« ist, sondern viele der inzwischen 77 Mitstreiter. Sie sind überzeugt davon, dass es bereits heute und nicht erst im Jahr 2050 machbar ist, klimaneutral zu leben.


Von Berufs wegen beschäftigten sich Dr. Lucia Jochner-Freitag als Landschaftsökologin und ihr Mann, der Biologielehrer Martin Jochner, seit Jahrzehnten mit dem Thema Klimawandel und Klimaschutz. 2018 war für die beiden der Zeitpunkt gekommen, ein deutliches Zeichen der Hoffnung und des Aufbruchs zu setzen. Weltweit waren über Jahre hinweg zwar viele Abkommen geschlossen und Strategien entwickelt worden, die Umsetzung der Ziele wurde jedoch immer wieder vertagt. Kleine Schritte zum Klimaschutz reichen heute nicht mehr aus, ein konsequenteres Verhalten auch im privaten Umfeld sei notwendig, sind sie überzeugt. Zusammen mit Hedi und Gerhard Schmied, Elfriede Wörfel und Claudia Deckelmann, ebenfalls Inzeller, begründeten sie die Keimzelle für ein klimaneutrales Leben. 77 Mitstreiter zwischen 14 und 70 Jahren haben sich der Initiative bereits angeschlossen: Schüler, Selbstständige, Beamte und Angestellte – Fachleute und versierte Laien, auch aus Belgien oder der Schweiz, von denen sich viele selber seit Jahren mit dem Klimawandel beschäftigen. Das »Feuer« dafür wurde über analoge und digitale Vorträge in Schulen, kirchlichen und nicht-kirchlichen Bildungseinrichtungen, durch das Verfassen von Artikeln zum Thema und über viele persönliche Gespräche entfacht. Weiter wurden Kontakte mit Gleichgesinnten geknüpft, Kooperationen geschlossen und sogar ein Verein mit Sitz in Berlin gegründet.

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Für die Initiatoren sind nach eigenen Angaben ihre christlichen Wurzeln eine wichtige Triebfeder für ihr Engagement. Sie wenden sich aber ausdrücklich an alle Menschen, die sich für den Klimaschutz engagieren wollen und laden alle Menschen ein, mitzumachen.

CO2-Ausstoß reduzieren, den Rest kompensieren

Wie Martin Jochner erklärt, sei es zunächst notwendig, sich individuell über die eigenen großen »Baustellen« (»big points«) in Bezug auf die CO2- Bilanz« klar zu werden und zu überlegen, wie der persönliche Ausstoß von Treibhausgasen verringert werden kann. Je nach Lebens-, Wohn- und Arbeitssituation liegen die Möglichkeiten in unterschiedlichen Bereichen wie etwa der Mobilität, der Wärme- und Stromversorgung, der Ernährung oder im sonstigen Konsum. Bei Martin Jochner ergab diese Standortbestimmung, mithilfe des CO2-Rechners des Umweltbundesamts, einen Ausstoß von 4,5 Tonnen im Jahr 2020. Wenig im Vergleich zum Bundesdurchschnitt (11,6 Tonnen), aber immer noch deutlich zu viel. Entscheidend sei deshalb der zweite Schritt: Kompensieren, also für einen Ausgleich zu den selber erzeugten Emissionen an anderer Stelle zu sorgen. »Meine fünf Tonnen CO2 kompensiere ich mit einem erfahrenen Partner. Mit meiner Zahlung von 115 Euro werden für afrikanische Familien Öfen finanziert, die im Schnitt fünf Tonnen CO2 einsparen. Damit sinkt mein Ausstoß auf Null, es gewinnt das Klima und in diesem Fall Menschen in Afrika, weil sie nachweisbar deutlich seltener an Atemwegserkrankungen leiden als mit den derzeit eingesetzten Öfen.«

Lucia und Martin sehen das Ansinnen klimaneutral zu leben nicht als Experiment, sondern als eine faire Form zu leben, in Verantwortung gegenüber anderen Menschen und den folgenden Generationen und der Natur. Als quantitatives Ziel wollen die Initiatoren in diesem Jahr die Mitgliederzahl von 100 erreichen, was mit einem – natürlich klimaneutralen – Fest in Inzell gefeiert werden soll, wenn dies wegen der Corona-Pandemie dann möglich ist. Das wichtigste qualitative Ziel ist es, durch das eigene Verhalten ein Signal an die Gesellschaft und auch an die Politik zu senden, dass man klimaneutral gut leben könne und jeder so einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten kann.

Auch Schwester Karolina Schweihofer vom Orden der Missionarinnen Christi, die lange Zeit in Maria Kirchental gearbeitet und mit Dr. Lucia Jochner-Freitag gemeinsam Seminare geleitet hatte, ist Mitglied der Initiative. Sie lebt heute zusammen mit 14 Schwestern im Regionalhaus des Ordens in München. Wie die Schwester schildert, bekommen sie durch die Arbeit des Ordens in Afrika und Brasilien hautnah mit, welche verheerenden Folgen der Klimawandel in diesen Ländern jetzt schon hat. Auch deshalb sei ihr Engagement eine Herzensangelegenheit.

Für die Gemeinschaft in München erarbeitete die Ordensgemeinschaft deshalb ein Schöpfungskonzept mit Leitlinien. Dem folgend, kauft die Gemeinschaft regional und saisonal verfügbare Produkte in Mehrwegverpackungen ein, schaut bei Neuanschaffungen auf langlebige Naturmaterialien und Bürobedarf wird in Rückgabeboxen geliefert. In das Konzept werden auch die Mitarbeiter einbezogen. Können Erledigungen in Ausnahmefällen nicht zu Fuß, mit dem Rad oder dem ÖPNV abgewickelt werden, dann versuchen die Schwestern wenigstens langsamer zu fahren, um CO2 einzusparen. In Zukunft sollen nur noch ein Fahrzeug eines StartUp-Unternehmens mit Elektroantrieb und Solarbeladung verwendet, der Energieverbrauch im Haus reduziert und die Gasheizung langfristig ausgetauscht werden.

Schwester Karolina ist der Ansicht, dass es allerhöchste Zeit ist zu handeln und andere Menschen zu sensibilisieren. Letztlich gehe es darum, sich als Teil der Schöpfung zu begreifen, ein tieferes Verständnis für sie zu gewinnen und zu realisieren, dass man ohne sie gar nicht leben könnte. »Wenn ein Teil der Schöpfung verletzt wird, dann verletzt es auch uns Menschen«, ist sich Schweihofer sicher.

Auch für den Diplom-Biologen German Weber aus Memmingen war das Konzept von 100 x klimaneutral schlüssig und die Ziele: »fühlten sich gut an«. Weber räumt aber ein, dass er schon Bedenken hegte, sein Leben komplett umkrempeln oder ständig Rechenschaft über das Erreichte ablegen zu müssen. Schnell habe er jedoch gemerkt, das die Gruppe lediglich ihre selber gemachten Erfahrungen als Angebot weitergeben und bestenfalls Anstoßgeber sein möchte. Dies habe ihn überzeugt, jetzt endlich selber auch Maßnahmen zum Schutz des Klimas zu ergreifen.

Wälder und Buschwerkin Nepal retten

Nur die Befüllung des CO2-Rechners sei relativ mühsam gewesen. Als Ausgleich für die errechnete Schieflage habe er sich dann entschlossen, ein Biogasprojekt in Nepal zu unterstützen. Damit soll verhindert werden, dass ganze Wälder oder Buschwerk und damit CO2-Speicher vernichtet werden.

Immer am Jahresende zieht Weber Bilanz und entscheidet sich dann für eine adäquate Kompensationsleistung. Allein die intensivere Beschäftigung mit dem Thema habe ihn weiter dazu bewogen, das Thema Mobilität oder Energieversorgung genauer anzuschauen, Maßnahmen zu planen und umzusetzen. Sein Resümee: »Es muss nicht immer ein 100-Prozent-Ergebnis erzielt werden, denn alles, was man für den Klimaschutz umsetzt, ist besser, als gar nichts zu machen!« wb

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