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Körperspaß mit glanzvoller Geistlosigkeit

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Mit Spaß bei der Arbeit: Die Lageristen Valentin (Andreas Schwankl) und Karl (Emmeran Heringer) haben ihre ganz eigene Arbeitseinstellung. (Foto: Benekam)

Eine besonders bewegte Premiere genossen die Gäste im Kulturhaus Chiemgau mit dem Tanzstück »Karl und Valentin« von und mit Andreas Schwankl und Emmeran Heringer.


Bewegt war die Vorstellung in gleich vielerlei Hinsicht: tänzerisch, clownesk, akrobatisch – und zwar aus der Inspiration des genialen Bühnenmenschen und Wortzerklauberers Karl Valentin heraus. Sein Zitat »Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit« hätte tatsächlich bestens zur gemeinsamen Choreographie von Kerstin Hilker und Andreas Schwankl gepasst: Die exakt aufeinander abgestimmten Bewegungsabläufe mit slapstickartigem Charakter, die akrobatisch-tänzerischen Einlagen und die für die Entstehung komischer Momente unerlässlichen Pausen, Körperstellungen und akribisch aufeinander eingespielte mimisch-gestische Kommunikation lassen einen erheblichen Probenaufwand erahnen.

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Die ganze Geschichte ist um die Arbeit der beiden Lageristen Karl (Emmeran Heringer) und Valentin (Andreas Schwankl) gesponnen oder viel mehr darum, wie es die beiden schaffen, sich vor ihr zu drücken. Koffer, Kisten und einiges mehr, das sich im Lager befindet, wartet auf Auslieferung. Besondere Aufmerksamkeit übt eine riesige Kiste mit der Aufschrift »K.V.« auf die beiden aus. Schon der Versuch, den Arbeitskittel anzuziehen, stellt Valentin vor eine fast unüberwindbare Herausforderung, bei der Kollege Karl sich, in dem Bestreben zu helfen, als zusätzliches Hindernis herausstellt. Plötzlich stecken die Unglücksraben im selben Kittel fest, drehen sich pirouettenhaft umeinander, verheddern sich immer weiter in immer neue Stellungen und fordern so den Zuschauern erste Lacher ab.

Nachdem diese erste Anstrengung mehr oder weniger erfolgreich bewältigt war, hatte man sich erst einmal eine anständige Stärkung bei einer Brotzeit verdient, in der sich, ganz dem Humor Valentins treu bleibend, der nächste Kampf mit den alltäglichen Dingen ankündigte. Die beiden Würschtl rochen zwar lecker, waren aber zu heiß. Eine ausgeklügelte Seilkonstruktion, ein »Wurschtilator«, an dem die leckern Wiener an einem Haken hochgezogen wurden, kam zum Zweck des Abkühlens zum Einsatz.

Zwischenzeitlich löschten die fleißigen »Unfleißigen« mit einem kühlen Bier den Durst. Mit dem Durst war allerdings zugleich jegliche Bewegungs- und Arbeitsmotivation gelöscht und die Wirkung des Alkohols ließ die beiden in unglaubliche Trägheit verfallen. Synchronisiertes Abgleiten in irrwitzige Einschlafstellungen auf der großen Kiste, mal aneinander- , dann gegeneinander gelehnt, auf- und übereinander und selbstverständlich, ganz wie sich das für ein eingespieltes Team gehört, immer miteinander im Gleichgewicht.

Die Zuschauer auf ihren Stühlen hingegen gerieten immer wieder in Schräglage – vor lauter Lachen. Für das schlaftrunkene Grimmassieren, das Bewegen in Zeitlupe, die gerade noch vermiedenen Stürze, sowie für eine urkomisch entartete Schuhplattl-Choreographie (Schwankl) gab es Sonderapplaus. »So ein Schlaf tut gut«, kommentierte man nach Valentin-Manier, bevor man sich wieder pflichtbewusst an die Arbeit machte.

Leider war aber die Konzentrationsfähigkeit aufs Wesentliche ständiger Ablenkungsquellen unterlegen, sodass sich Valentin bald einem aus der Wand ragenden Stromkabel zuwabdte und einen Stromschlag erlitt. Den Körper des Tänzers durchzuckten scheinbar 220 Volt und versetzten ihn in elektrisierte, breakdance-ähnliche Bewegungen. Das war Kunst, ganz im Sinne Karl Valentins, wenn auch in ausdruckstänzerischer Übersetzung. Und weil Kunst eben anstrengt, bedurfte es unweigerlich der nächsten Pause, in der dann auch endlich die Wurst verspeist wurde.

Mit kindlicher Spiel- und Bewegungsfreude ging es im Folgenden nicht mehr um die Wurst, sondern wieder um den Inhalt der ominösen Kiste, mit der man bald ein Tänzchen wagte und die sich – wie sollte es anders sein – dabei ganz zufällig öffnete: »Nichts ist so leer wie das Nichts«. Karl Valentins Zitat passte wie die Faust aufs Auge und beendete den Abend mit einem Paradoxon. Was leer ist, kann man füllen. Der vorgegebene Rahmen, die Hommage an Karl Valentin, war gesteckt und auf tänzerisch-clowneske Weise mit Körperspaß, geistigem Spaß und glanzvoller Geistlosigkeit gefüllt, wenn auch so manche Pointe im Verlauf etwas zu vorhersehbar war.

Auch für Kinder ist der amüsante Tanztheaterabend, den man noch an den kommenden vier Sonntagen um 20 Uhr im Kulturhaus Chiemgau genießen kann, durchaus empfehlenswert. Kirsten Benekam