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Kompendium der Chiemgauer Identität

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Unser Bild zeigt Christian Burghartswieser und Evi Schweiger bei der Vorstellung der Besonderheiten der historischen Tracht. (Foto: Mergenthal)

»Die Gegend hier ist göttlich«, schrieb Alexander von Humboldt am 4. Oktober 1792 aus Traunstein schwärmerisch einem Hamburger Freund und verglich die Chiemgauer Alpen, die für ihn scheinbar eine Offenbarung waren, mit Pyramiden. Dieses staunende Entdecken prägt das »Hausbuch für den Chiemgau und Rupertiwinkel«. Der fünfte Band dieses beliebten Kompendiums von packender Geschichte, Urgesteinen und Identifikationsmerkmalen dieser Region wurde im voll besetzten Saal des Hauses des Gastes in Ruhpolding vorgestellt.


Unter den Gästen waren zahlreiche Heimatpfleger und auch Traunsteins Oberbürgermeister Manfred Kösterke. 24 Beiträge von 18 Autorinnen und Autoren – mit Herausgeber Fritz Petermüller – ließen ein schillerndes Kaleidoskop entstehen.

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Unter anderem rekonstruiert Walter Brumm aus Prien die Anfänge der Chiemsee-Schifffahrt mit dem Einbaum, während der Traunsteiner Otto Huber den Lesern die Reichenbachsche Maschinenbaukunst entlang der Soleleitung näher bringt. Christiane Giesen aus Grassau porträtiert die Marquartsteiner Dichterin und Märchenerzählerin Elsa Sophia von Kamphoevener, Susanne Mittermaier aus Matzing, den Ritter Heinz von Stein (den Walter Angerer der Jüngere ergänzend in Kreide skizzierte) und der Traunsteiner Jürgen Eminger das Rupertiwinkler Kunstgenie Johann Michael Rottmayr. Der Trostberger Rainer Lihotzky entdeckte Denk- und Sehenswürdiges dieser alten Stadt im nördlichen Chiemgau, während der Traunsteiner Hans Helmberger eher im Süden unterwegs ist auf spektakulären Skiabfahrten und Schanzen.

Auch kritische Geschichtsbeiträge über die NS-Zeit fehlen nicht: So schreibt der Nußdorfer Walter Staller von der Flugzeugkatastrophe bei Kammer 1933, über die das Traunsteiner Wochenblatt im Untertitel schreibt: »Vier Tote, darunter bekannte Flieger und Helden der Luft«. Der Reichenhaller Frederic Müller-Romminger beschreibt Hitlers Flugplatz in Ainring, von dem heute nur noch das Flugleitungsgebäude übrig ist.

Besonders am Herzen liegt Petermüller der Beitrag des langjährigen Traunsteiner Kreisbaumeisters Bernhard Greimel »Vom schönen Bauen bei uns im Chiemgau und Rupertiwinkel«. Er habe nichts gegen moderne Architektur, betonte der Herausgeber. »Aber wenn man die schönen alten Ortskerne bei uns zerstört, dann hört die Gaudi auf.« Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen die beiden Ruhpoldinger Autoren. Der kenntnisreiche Lehrer Hermann Weigand stellte zusammen mit Trachtenschneiderin Evi Schweiger, Christian Burghartswieser und Manfred Hartl, alle in historischen Trachten, sein Essay »Gwand und Tracht im Chiemgau und Rupertiwinkel« vor. Grundlage der intensiven Forschungen ist die Arbeit von Ruhpoldings Altbürgermeister Bartholomäus Schmucker, der historische Trachten gesammelt und das örtliche Heimatmuseum gegründet hat. Wie Evi Schweiger erklärte, war die alte Frauentracht sehr farbenfroh. Jedes Kleid war ein Unikat und handgenäht. Die Stoffe wurden von den Hausierern gekauft, die nicht so viel vom selben Stoff dabei hatten, sodass statt der heute verbreiteten uniformen Vereinstracht Gewänder in unterschiedlichen Farben entstanden.

Pepi Stückl verriet so manche Anekdote über Georg von Kaufmann, Forstmann, Musikant, Volkstanzmeister und großer Sportler und Bergsteiger, dessen Tochter Veronika extra aus Ottobrunn angereist war. Bei den Holzknechten sei der bis ins hohe Alter »zache Hund« zugleich beliebt und verhasst gewesen. Er habe neue Arbeitsgeräte und Methoden, aber auch ein leistungsbezogenes Punktesystem für Akkordarbeit eingeführt. Passend dazu spielte Stückl an der Zither mit Zitherlehrerin Lisbeth Genghammer Kaufmann-Stücke wie den »Gföller Marsch«.

»Neubayerische« Verirrungen im Dialekt geißelte Hans Helmberger. Willi Schwenkmeier verriet, dass man bewusst das Wort »Heimat« im Buchtitel mied, um sich von Heimattümelei abzugrenzen. Veronika Mergenthal

Das Buch ist erschienen im Verlag Anton Plenk, hat 168 Seiten und zahlreiche Farbbilder und ist über den Buchhandel erhältlich.